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Leben und Arbeiten mit Algorithmen
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Big Data

Leben mit Algorithmen

Kerstin Dämon, wiwo.de
Algorithmen haben derzeit keinen guten Ruf: Sie sind schuld an der Verbreitung von Fake-News und vielleicht auch am Ausgang der US-Wahl. Trotzdem kann die Wirtschaft nicht mehr ohne sie: als Unterstützer im Recruitingprozess und im Arbeitsalltag.
Spätestens durch die digitale Revolution werde der Mensch zur Summe seiner Daten, erklärte kürzlich Fernsehphilosoph Richard David Precht in einer ZDF-Sendung. In "Herrschaft der Zahlen – Ist alles vermessbar?" diskutierte er mit dem Physiker und Philosophen Harald Lesch, ob Zahlen – Big Data – wirklich der Schlüssel zu allem seien.

In der digitalen Welt, so Precht, versuche man sich mittels Datenanalyse an kurzfristigen Problemlösungen. Das gelte für die Politik genauso wie für die Wirtschaft.

Doch schaut man einmal genauer hin, scheint das noch nicht überall zu funktionieren:

• Der Algorithmus von Facebook? Steht unter Dauerkritik.

• Der Google-Algorithmus? Bringt verstörende Ergänzungen von Suchanfragen hervor.

• Die Algorithmen bei Partnerbörsen? Sind oft unverständlich und immer unromantisch..

• Die Algorithmen, die autonomes Fahren ermöglichen? Könnten ein Einfallstor für Hacker sein.

• Was Hillary Clintons Wahlkampagnen-Algorithmus Ada ihr gebracht hat, ist bekannt.

• Auch dass Algorithmen Meinungen und Stimmungen durch gezielte Streuung von Nachrichten beeinflussen können, wissen Experten nicht erst seit der jüngsten US-Wahl.

Sind Algorithmen deshalb gefährlich? Ja und nein.

Die Wirtschaft kann durch den Einsatz von Algorithmen profitieren. Wenn ein sogenannter Office-Manager wissen möchte, wann es sich lohnt, den Brötchen-Lieferanten einzubestellen, kann er entweder alle Mitarbeiter befragen: "Wann kommen Sie denn ins Büro und wann haben Sie Hunger?" oder die Daten der elektronischen Stechuhr auswerten lassen. Wenn vor elf Uhr ohnehin niemand da ist, müssen auch nicht um sieben schon Croissants geliefert werden.

Und wenn ein Verkehrsunternehmen wissen will, wann mehr Busse, Fahrer und Kontrolleure eingesetzt werden müssen, hilft ein Blick in die Bewegungsdaten der Passagiere anhand von Ticketverkäufen, App-Aufrufen und Co. Der passende Algorithmus filtert dann heraus, wann die meisten Menschen in der Region mit dem Bus fahren, welche Linien besonders stark genutzt und wo die meisten Schwarzfahrer erwischt werden. Die Alternative dazu wäre das Bauchgefühl eines Planers, das sagen könnte: Wenn es glatt ist, fahren sicher mehr Leute mit dem Bus, vermutlich fahren alle in die Innenstadt und zwar zwischen acht und neun Uhr morgens.

Die Pendler, die im Sommer um sieben Uhr ins Gewerbegebiet wollen, werden sich für diese Einschätzung bedanken.

Logik statt Gefühl

In Bereichen, in denen eine nüchterne Analyse effektiver ist als das Bauchgefühl, können Algorithmen entsprechend hilfreich für Unternehmen und deren Kunden sein. Im strategischen Einkauf beispielsweise können Algorithmen die Qualität der Kaufentscheidungen verbessern, wie Marcus Schüller, Einkaufs-Experte und Head of Operations Consulting bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, sagt. "Algorithmen sind eine logische und konsequente Weiterentwicklung der Automatisierung im Einkauf."

So kann der Computer feststellen, wann der günstigste Zeitpunkt ist, Kupfer zu bestellen, damit weder das Lager aus allen Nähten platzt noch die Produktion ins Stocken gerät. Auch das Vergleichen der Preise, Lieferanten oder Produzenten beherrscht der Algorithmus sehr viel schneller als ein Mensch.

Schüller bestätigt: "Die analytischen Möglichkeiten einer Maschine sind um ein Vielfaches höher als die eines Menschen, der im Vergleich dazu nur in wenigen Szenarien gleichzeitig denken kann."


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