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Angst vor dem großen Auftritt und vor dem Versagen
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Großer Auftritt

Lampenfieber – Feind oder Freund?

Christopher Schwarz, wiwo.de
Lampenfieber kann zu Höchstleistungen anspornen – oder in einen Teufelskreis des Versagens führen. Wie Musiker, Manager und Moderatoren mit Auftrittsängsten umgehen und an ihnen wachsen.
Im Rückblick kommt ihm alles "sehr entfernt" vor, "fast surreal", als würde er durch eine "neblige Traumwand" darauf schauen. Dabei erinnert sich Max Kappelt, der eigentlich anders heißt, noch genau daran, wie ihm im Seminarraum, kurz vor der Präsentation, das "Herz in den Hals sprang". Wie sich die Kehle zuschnürte, wie sein Körper bebte, der Schweiß ausbrach und er sich noch so oft sagen konnte: "Die wollen mir hier nichts Böses."

Es half nichts, es wurde alles noch schlimmer: Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, brachte keinen Satz heraus, nur ein paar stammelnde Worte. Sodass die Kommilitonen übernahmen und er dastand, "gefühlt nassgeschwitzt", mit hängendem Kopf und der "ganzen Schmach des Versagens".

Heute, fünf Jahre später, ist der damalige Student des Medienmanagements "Stratege" bei einer der führenden Werbeagenturen Deutschlands. Einer, der die Leitgedanken formuliert für die Kommunikation eines neuen Produkts und sie dem Kunden verkauft. Aufgeregt ist er nach wie vor. Die Nervosität bleibt sein "Feind", eine Angstschranke, die er immer wieder überwindet. Zuletzt vor 18 Vertretern eines Mobilfunkunternehmens, ein "Neugeschäft, das wir gewinnen wollten", gegen andere Agenturen: "Da schluckt man, während man jedem die Hand schüttelt."

Freunde als Sparringspartner

Um mit solchen Situationen klarzukommen, begann er während des Studiums zunächst, seine Auftritte am Abend zuvor zu proben, mit Freunden als Sparringspartnern und dem Laptop im Rücken, in freier Rede, ohne Karteikarten. "Das hat total geholfen", erzählt Kappelt, "da hat sich eine Struktur im Kopf aufgebaut, ich war im Ernstfall zwar immer noch angespannt, aber sicherer."

So ist das Lampenfieber besser geworden, nach und nach, durch permanente Übung. Kappelt hat gelernt, mit sich selbst umzugehen. Mehr noch: Die Auftritte vor Publikum beginnen mittlerweile, ihm Spaß zu machen, weil er merkt, dass er sich freireden kann, erst stockend, dann immer flüssiger, mit einem "Untergefühl von Sicherheit", sodass er sich nicht mehr so "maximal klein" fühlt, sondern das Gefühl hat "zu wachsen" – manchmal über sich selbst hinaus.

Einerseits blockiert, andererseits beflügelt

Kappelt hat damit eine entscheidende Grenze überwunden zwischen dem, was Psychologen störendes Lampenfieber nennen, und dem, das sie als motivierend einschätzen. Leistungsmindernde Angst hemmt die Konzentration, blockiert den Bewegungsfluss, verengt die Raumwahrnehmung und den Wortschatz. Moderates Lampenfieber hingegen wirkt beflügelnd: Es hält wach, schärft die Sinne, spitzt die Aufmerksamkeit zu – auf das Hier und Jetzt.

Der kritische Blick des Publikums kann zu Bestleistungen anspornen. Das hat jüngst eine neurobiologische Studie der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore bestätigt: Bei anspruchsvollen motorischen Leistungen waren Versuchsteilnehmer, die unter Beobachtung von mindestens zwei Personen standen, deutlich erfolgreicher als die, die sich unbeobachtet wussten. Gleichzeitig zeigten sie während des Experiments eine signifikante Erregung der für soziale Anerkennung und Belohnung zuständigen Hirnareale: Im Lampenfieber, so die Autoren, artikuliert sich der Wunsch nach Anerkennung ebenso wie die Angst vor Ablehnung.

Doch weshalb können dieselben Hirnregionen, die motivierend wirken, auch Leistungen beeinträchtigen? Ab welcher Publikumsgröße schlägt stimulierendes Lampenfieber in lähmende Auftrittsangst um?

Schwammige Grenzen

Studien bei Jugendlichen zeigen: Der Druck steigt mit der Zuschauerzahl. Und damit auch die Angst, zu versagen. Die Grenzen zwischen Lampenfieber und Auftrittsangst sind allerdings "schwammig", so der Neurologe Alexander Schmidt, Chef des Berliner Centrums für Musikermedizin an der Charité: Es gebe "kein klares Kriterium", das normales von krankhaftem Lampenfieber unterscheide, zumal die Stärke des Lampenfiebers vom subjektiven Empfinden abhängt.

In seine Spezialambulanz kommen nicht nur Musikstudenten. Es kommen auch gestandene Orchestermusiker aus Spitzenensembles, die von "panikartigen Ängsten", von "quälenden körperlichen Symptomen" berichten, die genau dann auftauchen, wenn man sie nicht gebrauchen kann. Beim schwierigen Solo etwa oder bei Proben, zuweilen nur unter bestimmten Dirigenten.

Da klagt ein Hornist über Lippenflattern, dem Geiger zittert die Bogenhand, gerade bei lang gehaltenen Pianissimo-Passagen, wenn er ohne Druck über die Saite streichen muss. Es kommt die typische Eskalationsspirale in Gang: Allein der Gedanke, dass die Hände zittern könnten, ruft ein Zittern hervor, das als bedrohlich empfunden wird und zusätzlich Angst erzeugt, die zur Ausschüttung weiterer Stresshormone führt, welche das Zittern noch mehr verstärken – ein Teufelskreis.

Aufführungsangst: Ein Defizit, das an der Selbstachtung rührt


60 Prozent aller Musiker, so eine Schätzung des Berliner Psychoanalytikers Helmut Möller, sind von Aufführungsängsten betroffen. Trotzdem wird kaum darüber gesprochen. "Jeder Musiker sagt, dass er nervös sei vorm Auftritt", so Schmidt, "aber die übersteigerte Form des Lampenfiebers wird tabuisiert – im Gegensatz zu organischen Erkrankungen." Warum? Weil Aufführungsangst als Schwäche gilt – ein Defizit, das an die Selbstachtung des Musikers rührt. Der Klarinettist eines Spitzenorchesters hat gefälligst zu liefern, wie der Spitzensportler, auf höchstem Niveau – ein selbst verordneter, tief verinnerlichter Perfektionsanspruch, der zu Überforderungsängsten einlädt.

Da wundert es nicht, dass unter Orchestermusikern der Konsum von Beruhigungsmitteln weitverbreitet ist. Wenn alles andere nichts mehr hilft, wenn, neben der exzellenten Vorbereitung auf das Stück, begleitende Maßnahmen wie Atemübungen, autogenes Training und kognitive Verhaltenstherapie ausprobiert worden sind, verschreibt Alexander Schmidt "ergänzend" den Betablocker Propranolol. Ein blutdrucksenkender Wirkstoff, der die Wirkung des Stresshormons Cortisol eindämmt. Er beruhigt, vor allem: Er schützt vor beschämenden Zitterattacken.

Störfaktor in der Routine


"Lampenfieber zu haben ist ganz normal", sagt der Pianist Grigori Sokolow, "wichtig ist, dass das Publikum es nicht bemerkt." Oder wie der Schauspieler Rudolf Platte es formulierte: "Lampenfieber ist der Versuch, so zu tun, als hätte man keins." Es ist diese Furcht vor der Bloßstellung, die den Musiker mit dem Top-Manager verbindet, der vor großer Kulisse auftreten muss. Seine größte Angst gilt dem sichtbaren Versagen, dem Offenbarwerden der Nervosität: Schon deshalb verwendet er einen Großteil seiner Energie darauf, sie zu verstecken.

Doch anders als der Künstler, der gelernt hat, gutes Lampenfieber als Produktivkraft zu verstehen, erlebt der Manager es als lästige Begleiterscheinung, als Störfaktor in der Routine. Sein Lampenfieber öffentlich einzugestehen, so der an der Universität Witten/Herdecke lehrende Philosoph und Managerberater Jürgen Werner, käme für den Manager einer "Beichte" gleich: Es hieße, sich "klein zu machen, aus seiner Sicht ohne Not", und "an das zu erinnern, was er gerade vergessen möchte" aus Scham vor der Öffentlichkeit und vor den Kollegen: die Angst vor dem Auftritt.

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