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Interview mit Karsten Sauer

Klischee oder Wahrheit? Ein Unternehmensberater erzählt

Martin Roos
Unternehmensberater verdienen unanständig viel Geld, haben in jeder Stadt eine Freundin, sind ständig auf Partys und erzählen von Dingen, die sie nicht verstehen. So die wilden Klischees. Wirklich nur Klischees? Der ehemalige Unternehmensberater Karsten Sauer hat in einem Buch jetzt ausgepackt und meint: "Zu 99 Prozent ist alles wahr."
Ex-Unternehmensberater und Autor Karsten SauerFoto: © PR
Junge Karriere: Herr Sauer, warum sind Sie damals Berater geworden?
Karsten Sauer: Der Job versprach ständig wechselnde Aufgaben, viele Reisen und natürlich ein Mordsgehalt für Einsteiger. Das fand ich alles ziemlich verlockend. Und natürlich die extrem steile Lernkurve.

Doch wohl eher Lärmkurve?
Auch richtig. Man lebt im Hotel, braucht nur einen Koffer zum Leben, Handy, Laptop, man hat wichtige Termine, Treffen mit wichtigen Leuten - und zu Hause ist nichts im Kühlschrank, weil man ja so "busy" ist. Das finden viele einfach nur geil. Wer Berater ist, gilt als schlau und gebildet. Man wird ja um Rat gefragt! So was schmeichelt. Und alle nehmen an, man verdiene furchtbar viel Geld. Kurzum: Berater sein ist einfach sexy.

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Verdient man viel Geld?
Klar, unverschämt viel. Im Vergleich zu den Altersgenossen hat man die Schwelle der Sechsstelligkeit - damals noch in D-Mark - sehr schnell überschritten.

Und die Partys?
Mindestens einmal im Jahr hatten wir eine Riesenfeier, mal im Sheraton am Flughafen oder in der Frankfurter Festhalle. Da haben wir Mädchen aus Table-Dance-Bars in Käfigen tanzen lassen. Heute gibt es das nicht mehr. Die goldenen Zeiten sind vorbei.

Haben Sie sich in dieser Zeit verändert?
Ja. Ich wurde ein bisschen arroganter und protziger, aber das hat sich nach dieser Zeit zum Glück wieder gelegt. Geblieben ist, dass ich viel zielorientierter geworden bin.

Auch unsensibler?
Ja, das auch. Man ist ja so verrückt, dass man auch sein Privatleben zu einer Projektarbeit macht. Egal ob Wohnungssuche oder die eigene Beziehung - alles wird durchorganisiert. Im Nachhinein echter Schwachsinn.

Sie haben ein Buch geschrieben, in dem Sie schonungslos mit der Branche abrechnen. Wann kam Ihnen der Verdacht, dass Sie sich in einer Blenderwelt befanden?
Der kam sofort. Mit dem ersten Termin.

Was war los?
Man ist als Berater enorm unter Druck. Man wird ab Tag eins als absoluter Experte verkauft, und der Kunde erwartet, dass man sich mit seiner Branche und seinen Projekten auskennt. Und dann steht man da als junger Anfänger und fragt sich, ob man der Einzige der Berater ist, der keine Ahnung hat, wovon hier gesprochen wird. Oder ob es die anderen einfach nur nicht zugeben. Deshalb haben wir uns auch mal getraut, dieses Buch zu schreiben.
Haben die anderen keine Ahnung?
Man gibt so etwas nicht zu. Man verhält sich eben nach der Methode SAbvA: Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit.

Wie macht man das?
Sich kurz vor dem Termin die wichtigsten Informationen ins Gedächtnis brennen, im Meeting aktiv zuhören, also immer wieder nicken, Wörter und Sätze wiederholen und dann im Büro die Kollegen fragen, was der Kunde eigentlich von einem wollte.

Warum sind Sie 2000 ausgestiegen?
Einmal stand neben mir in Frankfurt im Stau das gleiche Auto, das ich fuhr, ein schwarzer Jeep Cherokee. Ich schaute den Fahrer an und dachte: Das ist ja so ein Schnösel wie ich - Anzug tragen im Geländewagen. Plötzlich ging die Scheibe runter und ich erkannte den Typ: ein Kindergartenfreund, der damals Finanzvorstand eines Internet-Startups war. Noch am Abend haben wir den Vertrag gemacht.

Doch die Entlassung folgte schnell.
Na ja, ein knappes Jahr später. Es war eine der vielen Dotcom-Pleiten. Im April 2001 bekam ich mein letztes Gehalt. Heute bin ich wieder Angestellter in einem Konzern.

Was würden Sie heute als Berufseinsteiger anders machen?
Wieder bei einer Beratung anfangen. Allerdings würde ich mich heute besser um mein Privatleben kümmern: mehr freie Wochenenden, mehr Zeit für Partnerin und Freunde. Irgendwie muss man ja Mensch bleiben.

Warum sollte man heute einsteigen?
Man lernt viel: Teamwork, Dinge schnell aufzufassen, konzeptionell und zielorientiert zu denken und zu präsentieren. Und das alles in sehr kurzer Zeit. Man kann während der Beratungszeit zeigen, dass man leistungsbereit ist. Man bekommt viel Kundenkontakt und erhält Einblick in verschiedene Branchen - also eine ideale Plattform, um sich weiterzubewerben. Und man lernt ja das Wichtigste überhaupt fürs Berufsleben: kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren.

Karsten Sauer, 35, Fachinformatiker, kam 1996 zur KPMG, begann als Praktikant und wurde vier Monate später in eine Festanstellung als Consultant übernommen. Im Jahr 2000 wechselte er zu einem Startup namens yopass.com, das ein knappes Jahr später Pleite ging. Danach ging er als Projektleiter zu web.de. Seit Dezember 2002 arbeitet er im Online-Vertrieb für die Deutsche Bahn. Sauer bildet mit Michael Sahnau das Autoren-Duo des Buches "Fra-Muc-Fra", das im Herbst 2007 neu aufgelegt wird. Schon der erste Band gilt unter Consultants als Kultbuch, das schonungslos und humorvoll über die Beraterszene aufklärt. Berufseinsteiger erhalten es von Beratungshäusern auch als Willkommensgeschenk. www.framucfra.de

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Dieser Artikel ist erschienen am 27.04.2007

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