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Es sind längst nicht mehr die klassischen Karriereideale, die die Deutschen am Arbeiten schätzen
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Arbeit im Wandel

Klassische Karriere-Ideale verlieren an Bedeutung

Jan Guldner, wiwo.de
Die Soziologin Jutta Allmendinger erklärt, warum sich die Einstellung der Deutschen zur Arbeit verändert, was der Job für das Sozialleben bedeutet und wie sich das Karrieredenken von Männern gewandelt hat.
Frau Allmendinger, Sie haben Interviews mit mehr als 3000 Deutschen ausgewertet, um herauszufinden, wie sie leben und was ihnen wichtig ist. Was haben Sie dabei gelernt?

Jutta Allmendinger: Das klingt jetzt alles andere als sexy, aber ein zentrales Ergebnis ist: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir sind gerne im Kreis von Leuten, die wir schätzen, die uns etwas bedeuten. Dann geht es uns gut.

Was ist mit Karriere, mit Statussymbolen, mit teuren Autos und großen Häusern?

Erwerbstätigkeit ist neben der Nähe zu anderen für fast alle Menschen ein sehr hohes Gut. Für viele ist es sogar wichtiger, als zum Beispiel Kinder zu bekommen. Das liegt nicht nur daran, dass die Menschen Geld zum Leben brauchen. Knapp 60 Prozent der Befragten würden sogar arbeiten, wenn sie dafür keinen Lohn bekämen. Die Studie zeigt: es geht den Menschen auch hier um Nähe, um ein Leben außerhalb der eigenen vier Wände, um Selbstentfaltung.

Konnten Sie bei Ihrer Untersuchung Unterschiede zwischen Männern und Frauen feststellen, was das Arbeiten betrifft?


Karriere machen wollen alle in einem gewissen Rahmen. Männer wie Frauen verabschieden sich aber von Karrieren, die darauf basieren, dass eine Person 60 Stunden arbeitet und die andere einkaufen geht, putzt, kocht und die Kinder großzieht.


Zur Person

Jutta Allmendinger, geboren 1956, ist Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität in Berlin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). In ihrem gerade erscheinenden Buch "Das Land, in dem wir leben wollen" analysiert sie die Ergebnisse der sogenannten Vermächtnisstudie, für die mehr als 3000 Deutsche dazu befragt wurden, wie sie leben, was ihnen wichtig ist und was sie nachfolgenden Generationen hinterlassen möchten.


Was genau ändert sich?

Frauen drängen immer stärker auf den Arbeitsmarkt. Aber, und das sagten Frauen schon vor vielen Jahren, sie wollen keine klassisch männliche Karriere hinlegen, sondern auch mit 35 oder 40 Stunden Arbeit in der Woche verantwortungsvolle Jobs machen.

Und die Männer?


Ihnen wird klar, dass sie kein zweites Leben haben, in dem sie auch mal ihre Familie bei Tageslicht sehen können. Mit 60, 70 Jahren merken sie, dass sie sich zu wenig um ihre Kinder gekümmert haben. Sie haben dadurch zwar viel erlebt, aber ganz wichtige Dinge im Leben verpasst. In dieser Hinsicht wollen heutige Männer nicht wie ihre Väter werden: Immer mehr Männer nehmen Elternzeit und schieben gerne den Kinderwagen.

Sie sagten, heutige Männer wollten nicht so werden wie ihre Väter. Heißt das, dass verschiedene Generationen verschiedene Ansichten von einem erstrebenswerten Leben haben?

Die Generationen unterscheiden sich darin, was ihnen heute wichtig ist. Die Generation Y zum Beispiel legt heute mehr Wert auf Freizeit und Selbstbestimmung. Das sagt aber wenig darüber aus, ob sich auch die Ansichten über ein erstrebenswertes Leben unterscheiden. Nur dann könnten wir von generationsspezifischen Werten sprechen.

Und kann man das?

Nach unserer Studie würde ich das nicht tun. Die Jungen machen Abstriche von der Freizeitorientierung, wenn sie an die Zukunft denken. Sie wissen, dass man, um im Job erfolgreich zu sein, eine gewisse Zahl an Stunden arbeiten muss. Sie nähern sich in dieser Frage den Alten an. Aber die Alten kommen auch den Jungen entgegen, weil sie in ihren Zukunftsentwürfen der Freizeit einen viel wichtigeren Stellenwert geben. Was ein erstrebenswertes Leben betrifft, sehen wir also keinen Generationsunterschied, sondern ein allgemeines Umdenken in der Gesellschaft. Das finde ich interessant.

Was ist der Auslöser?

Ich habe Anzeichen für diese Veränderung schon in unseren früheren Studien beobachtet. Es gab dazu starke politische Impulse, wie zum Beispiel die Elternzeitregelung, die das unterstützt haben. Hier am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ist die Abwesenheit von Vätern völlig normal geworden. Sie sind sechs Monate in Elternzeit, kommen zurück und merken: Es passiert mir nichts, wenn ich mal sechs Monate weg bin. Das gilt selbst in diesem hochkompetitiven akademischen Umfeld. Solche Erfahrungen stecken an und machen anderen Männern Mut.

Wenn es nicht mehr die klassischen Karriere-Ideale sind, die die Deutschen am Arbeiten schätzen, was ist dann an ihre Stelle getreten?

Die Arbeit ist eine Art Marktplatz, aber eben nicht für das Tauschen von Gegenständen oder Geld, sondern für den sozialen Austausch. Der Arbeitsplatz ist ein Ort, an dem man ganz andere Menschen kennenlernen kann, die man sonst nicht treffen würde. Das ist besonders wichtig, weil uns diese Marktplätze systematisch abhandenkommen.

Wie meinen Sie das?

Ich persönlich habe zum ersten Mal völlig von mir verschiedene Menschen im Konfirmationsunterricht kennengelernt. Mein Bruder hatte ein ähnliches Erlebnis im Zivildienst. Heute ist für viele die Kirche als Treffpunkt unwichtiger geworden, Zivil- oder Wehrdienst gibt es nicht mehr. Schulen werden zunehmend segregierter, in den Stadtvierteln, in denen man lebt, trifft man oft nur Menschen, die einem ähnlich sind. Bald kommen die Produkte automatisch ins Haus und wir müssen nicht einmal mehr einkaufen gehen. Das ist gefährlich in einer Gesellschaft, die lernen muss, mit wachsender Vielfalt umzugehen.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 21.06.2017

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