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Berufstätige Frauen

Kind und Karriere: Gibt es den richtigen Zeitpunkt?

Kirstin von Elm
Kind und Karriere – viele Frauen möchten beides. Die Frage ist nur wie und wann? Im Studium, zum Job-Einstieg, als Führungskraft? Drei Mütter berichten.
Schwanger im Studium? Viele Frauen warten auf den richtigen ZeitpunktFoto: © binagel - Fotolia.com
Die Frage ist alt und doch immer wieder aktuell. Haben Frauen die gleichen Chancen wie Männer? Die Antwort ist ernüchternd: Nein. Denn Studien belegen, dass Frauen im Schnitt weniger verdienen, seltener in Führungspositionen aufsteigen und häufiger arbeitslos sind als Männer. Schuld an dieser Misere ist nicht zuletzt der schwierige Spagat zwischen einem anspruchsvollen Beruf und dem Leben mit einem oder mehreren Kindern. Eine Managerin, die vor einem Meeting schnell noch Milch abpumpt, oder eine Elektroingenieurin, die das neue Kraftwerk am heimischen PC durchplant, zählen zu den Ausnahmen.Es gibt lobenswerte Vorstöße, die darauf abzielen, die Chancengleichheit herzustellen. Das neue Elterngeld und der geplante Ausbau der ganztägigen Kinderbetreuung zählen dazu. Doch selbst wenn die Zahl der Väter, die eine Babypause einlegen, gegenüber 2006 von rund drei auf zehn Prozent gestiegen ist: Es sind vor allem die Mütter, die mit dem Nachwuchs zu Hause bleiben. Papas Zeit am Wickeltisch beschränkt sich zumeist auf zwei Monate.

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Eine längere Auszeit ist für jede Karriere gefährlich. Dass die Familiengründung heute oft ausgerechnet in eine Lebensphase fällt, wo auch im Job die Weichen gestellt werden, macht es jungen Eltern nicht leichter. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bekommen die meisten Frauen ihre Kinder heute zwischen 30 und 34 Jahren. Da das parallele Vorantreiben zweier Karrieren oft nicht machbar ist, steckt die Frau zurück und kommt von der Rolle der Familienmanagerin später nur schwer wieder los.Also den Kinderwunsch aufschieben und sich erst mal dem beruflichen Erfolg widmen? Die Statistiken bestätigen, dass der Trend zur späten Mutterschaft geht. Die Geburtenrate bei den 35- bis 39-jährigen Frauen nimmt seit einigen Jahren deutlich zu. Ein Vorteil: Wer es zur gut bezahlten Managerin gebracht hat, kann sich eine private Kinderbetreuung plus Haushaltshilfe leisten und damit den schnellen beruflichen Wiedereinstieg erkaufen. Andererseits steigen mit zunehmendem Alter die gesundheitlichen Risiken einer Schwangerschaft - und manchmal klappt es überhaupt nicht mehr.Die Kinder alternativ schon während des Studiums zu bekommen, das wagen hingegen nur sieben Prozent aller Studentinnen. Praktika, Auslandssemester, wechselnde Partner und wenig Geld sind eben keine idealen Voraussetzungen, um sich den Kinderwunsch zu erfüllen. Doch wer die Doppelbelastung packt, kann nach dem Abschluss ungebremst ins Berufsleben starten. Hier erzählen drei Frauen, wie sie Kind und Karriere unter einen Hut bekommen.Miranda Illik, 27, studiert im vierten Semester Wirtschaftsinformatik und hat zwei Kinder:Karriere: "Ich bin schon mit 20 zum ersten Mal Mutter geworden - ungeplant. Daher habe ich mir trotz guter Abi-Note zunächst ein Studium gar nicht zugetraut, sondern eine Lehre zur IT-Systemkauffrau absolviert. Zum Glück hatte ich eine verständnisvolle Chefin, die mich bestärkte, meine Karriere voranzutreiben. Heute studiere ich im vierten Semester Wirtschaftsinformatik an der FH Furtwangen in Baden-Württemberg. Wenn ich in zwei, drei Jahren mein Diplom geschafft habe, würde ich gerne zu einem Technologieunternehmen gehen. Hier in der Region sitzen interessante, mittelständische Unternehmen, die zur Weltspitze zählen."Kinder: "Als ich mich eingeschrieben habe, war mein Sohn Justin fast fünf Jahre alt. Mitten im ersten Semester stellte sich heraus, dass ich wieder schwanger war. Das war zuerst ein ziemlicher Schock. Im zweiten Semester habe ich mich wegen der Geburt meiner Tochter beurlauben lassen. Inzwischen geht Justin zur Schule, bald habe ich sogar einen Ganztagsplatz für ihn. Noemi wird noch von meiner Mutter betreut - das ist ein Geschenk des Himmels für mich."Die größte Hürde: "Wenn man so jung schwanger wird, ist nie Geld vorhanden. Der Vater der Kinder unterstützt uns zwar, aber wir leben nicht zusammen. Ich wohne bei meiner Mutter und bekomme daher nur rund 100 Euro Bafög. Eine Tagesmutter oder einen teuren Krippenplatz kann ich mir nicht leisten. Auch bei den Noten muss man Abstriche machen. Das Niveau in unserem Jahrgang ist sehr hoch.Positiv: "Mein Studiengang wurde speziell für Frauen konzipiert und ist sehr familienfreundlich. Hier zieht keiner ein Gesicht, wenn man sein Kind zu einem Abgabetermin oder sogar in die Vorlesung mitbringt. Demnächst steht das Pflichtpraktikum an, das kann ich auf zwei Semester mit reduzierter Stundenzahl verteilen."

Kinder: "Zu Hause lag der unterschriebene Arbeitsvertrag, als ich feststellte, dass ich schwanger war. Einerseits habe ich mich auf das Baby gefreut, hatte aber schon ein mulmiges Gefühl, einen neuen Job bereits schwanger anzutreten. Ich habe mit offenen Karten gespielt und meinem Chef gesagt, er brauche sich nicht an den Vertrag gebunden zu fühlen. Mich erst später zu outen, hätte ich unfair gefunden. Die Kanzlei wollte mich trotzdem. Bis zum Mutterschutz habe ich voll gearbeitet, nach der Geburt acht Monate pausiert. Heute ist mein Sohn fast zwei."Die größte Hürde: "Es war sehr schwierig, einen Krippenplatz zu finden. Das hat viel Zeit und Nerven gekostet. Vereinbart war eine Babypause von sechs Monaten, daraus sind aber acht geworden. Danach ist mein Mann noch für zwei Monate eingesprungen. Eine niveauvolle, bezahlbare Tagesmutter zu finden, die nicht auf Schwarzarbeit besteht, ist fast aussichtslos. Nach zehn Monaten hat es dann endlich mit einer Kita geklappt. Die Kosten: 460 Euro im Monat.Positiv: "Carl Titus entwickelt sich prima, und ich kann mit einem guten Gefühl zur Arbeit gehen. Meinen Beruf aufzugeben, kam für mich nie in Frage. Das wäre mir zu langweilig und würde mir auch nicht gut tun. Das Kind so kurz nach meinem Job-Einstieg zu bekommen, war zwar nicht geplant, aber letztlich kein Nachteil. So war ich sogar zusätzlich motiviert, die Babypause kurz zu halten."Elisa Chenot, 37, leitet bei einer Schweizer Bank ein Team von zehn Mitarbeitern und hat einen anderthalbjährigen Sohn:Karriere: "Ich habe in Frankfurt Volkswirtschaft studiert und bei der Deutschen Bank ein Traineeprogramm absolviert. Im Frühjahr 2000 hat mich mein heutiger Arbeitgeber, eine Schweizer Großbank, nach einer Weiterbildung zur Finanzanalystin abgeworben. Ich war zunächst ein Jahr in London im Investmentbanking und bin von dort ins Wealth Management nach Zürich gewechselt. Seit April 2005 arbeite ich wieder in Frankfurt. Als Executive Director leite ich ein Team von zehn Leuten, die an verschiedenen Standorten in ganz Deutschland sitzen. Ich muss also auch relativ viel reisen und habe im Schnitt eine 50- bis 55-Stunden-Woche."Kinder: "Mein Sohn Claude ist ein absolutes Wunschkind. Meine Schwangerschaft habe ich kurz nach der Beförderung zur Geschäftsführenden Direktorin bemerkt. Zum Glück ging es mir gesundheitlich super, so dass ich fast bis zum letzten Tag vor der Geburt arbeiten konnte. Und zwei Monate danach war ich wieder für ein paar Stunden pro Woche im Einsatz.
Seit Claude vier Monate alt ist, arbeite ich wieder voll. Mein Arbeitgeber subventioniert einen Vollzeitkindergartenplatz von sieben bis 19 Uhr. Weil ich aber oft später nach Hause komme, habe ich zusätzlich ein Kindermädchen, das Claude bei Bedarf bringt und abholt. Kinderbetreuung und Haushaltshilfe kosten mich zusammen fast 2000 Euro im Monat. Diesen Luxus kann sich natürlich nicht jede Frau leisten - das ist mir klar."
Die größte Hürde: "Auf meinem Karriere-Level ist Präsenz am Arbeitsplatz sehr wichtig. Ich habe zu Hause zwar ein Büro, aber das nutze ich höchstens am Wochenende. Frauen sind in Führungspositionen immer noch Mangelware, und die meisten haben keine Kinder. Ich kann zwar einiges delegieren, aber wenn die Hütte brennt, muss ich selbst ran. Da nimmt keiner Rücksicht auf ein zahnendes Baby oder eine schlaflose Nacht. Dass Claudes Vater die Woche über in Zürich arbeitet , macht unser Familienleben nicht gerade einfacher."Positiv: "Gut ist, dass ich trotz Kind sehr viel erreichen konnte. Wahrscheinlich wäre ich heute nicht so weit, wenn Claude schon fünf Jahre früher gekommen wäre. Außerdem bin ich überzeugt, dass eine Partnerschaft auf Dauer ausgeglichene Powerverhältnisse braucht. Wir haben uns als finanziell unabhängige Menschen mit einem anspruchsvollen Beruf kennengelernt - und so soll es auch bleiben."Susan Kempe-Müller, 32, arbeitet bei der Anwaltskanzlei Hengeler Müller und hat einen fast zweijährigen Sohn:Karriere: "Nach meinem Jurastudium und dem zweiten Staatsexamen habe ich zunächst in einer internationalen Wirtschaftskanzlei in Frankfurt gearbeitet. Um meine Dissertation im Arzneimittelhaftungsrecht zu schreiben, konnte ich meine Arbeitszeit auf 50 Prozent reduzieren. 2005 schloss ich die Doktorarbeit ab. Im selben Jahr wechselte ich zu meinem jetzigen Arbeitgeber Hengeler Mueller. Derzeit arbeite ich 35 Stunden pro Woche verteilt auf fünf Tage und betreue überwiegend Fälle aus dem Heilmittelwerbe-, Wettbewerbs- und Markenrecht.


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