Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Arbeitsmarkt

Keine Ausländerquote für Manager

Claudia Obmann
Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, spricht im Handelsblatt-Interview über Thilo Sarrazin, die Verschwendung personeller Ressourcen in der Wirtschaft und die Integration von qualifizierten Fachkräften. Bis Ende 2010 will sie ein Gesetz vorlegen, dass die Anerkennung akademischer Abschlüsse von Migranten erleichtert. Eine Quote aber lehnt sie ab.
Maria Böhmer: Staatsministerin für Migranten, Flüchtlinge und IntegrationFoto: © PR
Frau Staatsministerin, ärgert es Sie, dass Sie als Intergrationsbeauftragte der Bundesregierung in der von Thilo Sarrazin ausgelösten Diskussion um Kopftuchmädchen, Ehrenmorde und Parallelgesellschaften jetzt ihren Kopf  für eine jahrzehntelang verfehlte Ausländerpolitik hinhalten müssen?
Ich glaube nicht, dass ich dafür meinen Kopf hinhalten muss. Auf den eklatanten Bildungsrückstand bei den Migranten, den Herr Sarrazin kritisiert, weise ich schon seit meinen Amtsantritt vor fünf Jahren hin: 40 Prozent der Jugendlichen aus Zuwanderfamilien haben keinerlei berufliche Qualifizierung. Was mich aber an Sarrazin ärgert, ist, dass er die Integration der Migranten pauschal als gescheitert erklärt. 
Die Wirtschaft sucht händeringend Ingenieure, IT-Spezialisten, Forscher. Aber während 37 Prozent der deutschen Schüler Abi machen wollen, streben nur 16 Prozent der jungen Türken, 20 Prozent der Zuwanderer vom Balkan und 22 Prozent der Italiener die Hochschulreife an. Wer wird diese Stellen für Akademiker ausfüllen?
Wir verfolgen einen doppelten Ansatz. Wir wollen alles daran setzen, dass möglichst viele Jugendliche aus Zuwandererfamilien gute Bildungsabschlüsse erreichen und die Zahl der Abiturienten und Studenten zunimmt.

Die besten Jobs von allen

Wie soll das funktionieren? 
Dazu müssen wir schon im Kindergarten mit der frühen Förderung der Kinder beginnen. Und wir müssen auch die Eltern einbeziehen, die oft mit unserem Bildungswesen gar nicht vertraut sind. Sie müssen wissen, dass es in unserem Land unverzichtbar ist, eine gute Ausbildung zu durchlaufen, um nicht im Abseits zu landen. Damit die individuelle Förderung in Schulen mit einem hohen Migrantenanteil gelingt, brauchen wir mehr Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter, mehr Ganztagsangebote sowie eine intensivere Elternarbeit.
Sie sprachen von einer Doppelstrategie. Was tun Sie noch?
Es gibt allein etwa 500 000 Migranten, deren im Ausland erworbener akademischer Abschluss bei uns nicht anerkannt wird. Jeder kennt das Beispiel des Taxifahrers aus dem Irak, der zuhause als Ingenieur gearbeitet hat, oder von der ukrainischen Ärztin, die hier nur als Pflegekraft arbeiten kann. Diese Verschwendung von Ressourcen können wir uns nicht mehr leisten.
Wie wollen Sie das ändern?
Bis Ende 2010 wollen wir einen Gesetzentwurf vorlegen, in dem Ausländer aus Drittstaaten so wie heute schon EU-Bürger und Aussiedler einen Rechtsanspruch auf ein Anerkennungsverfahren ihrer beruflichen Qualifikation bekommen. Und dieses Verfahren soll nicht länger als sechs Monate dauern. 
Bislang konnte sich eine Prüfung ausländischer Dokumente doch über Jahre hinziehen …
Ja, die Zeitvorgabe ist ehrgeizig. Ähnliches gibt es bislang nur in Dänemark. 

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick