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Versicherung

Keine Allianz fürs Leben

Claudia Schumacher
Die Versicherungsbranche rüstet um. Internationalisierung, Industrialisierung und Konsolidierung stehen auf dem Plan. Die sperrigen Worthülsen bedeuten vor allem eins: Tausende Arbeitsplätze fallen weg. Den Standort Köln trifft es besonders hart.
In der Versicherungsbranche werden viele Jobs gestrichenFoto: © Gina Sanders - Fotolia.com
Ein Mittwochmorgen in der Allianz-Niederlassung in Köln. Die Mitarbeiter betreten im T-Shirt das Gebäude. "Köln muss bleiben" steht darauf. Auf den Rücken ist eine Deutschlandkarte gedruckt - mit Nordrhein-Westfalen als Allianz-freier Zone. Noch steht ein Fragezeichen dahinter. Der Vorstand hat angekündigt, alle Niederlassungen im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland zu schließen. Doch die Betriebsräte wehren sich - und hoffen, zumindest einige der 1.800 Arbeitsplätze in Köln erhalten zu können. Der allwöchentliche T-Shirt-Tag ist nur eine von vielen Aktionen. Und die Allianz ist nur eine von vielen Versicherungen, bei denen Arbeitsplätze abgebaut werden. Deutschlandweit plant die Allianz 5.700 Stellen zu streichen, beim Talanx-Konzern sind es 1.800, bei der Ergo Versicherungsgruppe 1.000 Stellen, bei der Axa 350. Die Liste ließe sich fortführen. Den Standort Köln trifft es besonders hart, die Domstadt ist voll von Versicherungen. Alle großen Namen sind hier vertreten: Allianz und Axa, DEVK und DVK, Gerling und Gothaer.Sämtliche Unternehmen melden Gewinne. Doch "wir zehren aus der Substanz der Vergangenheit", sagt Allianz-Sprecherin Kathrin Ehrig. Bis 1994 waren die Märkte staatlich reguliert; die Trennung der Sparten war vom Gesetzgeber vorgeschrieben und diente der Konkurrenz innerhalb des Unternehmens. So entwickelte sich jede Abteilung anders, baute ihren eigenen Vertrieb auf, mit eigener EDV, Formularen, Abläufen. Nach der Deregulierung und dem damit verbundenen erhöhten Wettbewerbsdruck in der Branche doppeln sich nun viele Tätigkeiten in der Verwaltung. Die Unternehmen haben es versäumt, die über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen aufzubrechen und wirtschaftlicher zu gestalten.

Die besten Jobs von allen

Das große AufräumenDas holen sie jetzt nach, um im Preiskampf der Wettbewerber bestehen zu können. Die Kapitalgeber verlangen möglichst hohe Renditen und weniger Risiko, die Kunden mehr Service und flexiblere Tarife. Und die Versicherer haben große Probleme, allen gleichermaßen gerecht zu werden. Besonders zu spüren bekommt dies im Moment die eigene Belegschaft. Mit der hohen Sicherheit, für die die Branche vor allem in Bezug auf Arbeitsplätze immer stand, ist es vorbei.Fassungslos stehen die Allianz-Mitarbeiter vor den jüngsten Entscheidungen. In den letzten Jahren hatte sich der Standort Köln zum produktivsten in ganz Deutschland entwickelt. Dass es jetzt ausgerechnet ihn getroffen hat, wertet Manfred Poweleit vom Branchendienst map-report als symbolischen Schritt in eine neue Ära: "Die Zentralniederlassung Köln war so etwas wie die Königsschmiede des Konzerns. Da müssen alte Zöpfe abgeschnitten werden." Schwerfällig, altmodisch, eingefahren: Das ist die Allianz. Und Köln steht für die alten Strukturen, die Michael Diekmann nun aufbrechen will.Der Konzernchef räumt deshalb kräftig auf. Die drei Geschäftsfelder Lebens-, Sach- und Krankenversicherung wurden unter einer gemeinsamen Holding zusammengeführt, Vertriebe und Kapitalanlagen in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert. Bislang wurde jede Zweigniederlassung wie ein eigenes Unternehmen geführt. Demnächst will Diekmann Verwaltungen zusammenlegen und das EDV-System vereinheitlichen. Die Angestellten wurden nicht groß gefragt. Menschen, die anderen Sicherheit verkaufen, müssen selbst Vertrauen ausstrahlen, hieß bislang die Philosophie der Allianz. "Aber wie sollen wir einem Unternehmen noch vertrauen, das auf den Mitarbeitern rumtrampelt", fragt sich Wolfgang Tesch, stellvertretender Betriebsratsleiter in Köln. "Die Identifikation mit dem Arbeitgeber ist völlig weg." Eine Allianz fürs Leben - von dem Gedanken muss sich so mancher verabschieden.Auch bei Gerling läuft der große Ausverkauf. Hier betrifft es gleich das ganze Unternehmen. Die Talanx AG hat den ehemaligen Familienkonzern übernommen. Was dort gerade passiert, nennt sich im Unternehmerdeutsch "Integrationsprozess": Die Talanx-Töchter HDI und Gerling werden zu einem Unternehmen zusammengeschustert. Die Schaden- und Unfallversicherung geht nach Hannover, nur die Lebensversicherung bleibt in Köln. Talanx-Sprecher Thomas von Mallinckrodt versucht zu beschwichtigen: "Wer mobil ist, hat gute Chancen, seinen Arbeitsplatz zu behalten." 1.300 Mitarbeiter dürfen umziehen - oder verlieren ihren Job.Talanx holt nach, was der Konzern nach der schweren Krise 2002 versäumt hatte. Der 11. September 2001 hatte Gerling bereits ins Straucheln gebracht; eine Überexpansion im US-Markt brach dem Unternehmen dann fast das Genick. "In solchen Zeiten kann nur das Notwendigste gemacht werden", sagt von Mallinckrodt. "Tiefere Ursachen anzugehen, ist sehr schwierig." Man habe bei Gerling sehr ungünstige Kostenstrukturen vorgefunden. Von diesen "Altlasten" will Talanx Gerling nun befreien.Samariter sind sie deshalb noch lange nicht. Für Talanx ist der Gerling-Deal mehr als lukrativ. Mit dem Kauf wurden die Hannoveraner zur drittgrößten deutschen Versicherungsgruppe nach Allianz und Münchner Rück. Neben dem wichtigen Standbein Industrieversicherung bringt Gerling noch einen Vorteil mit sich: Die stabilen Erträge des Privatkundengeschäfts sichern Talanx beim riskanten Industrie- und Rückversicherungsgeschäft ab. Hier war die Gruppe bislang schwach aufgestellt.Alles für die gute ShowAus dem Stadtbild verschwunden ist seit einigen Jahren bereits der Colonia-Schriftzug. Auch er ist der Internationalisierung zum Opfer gefallen. Erst gab es Colonia und Nordstern, dann nur noch Colonia, dann wurde Axa Colonia daraus - nun firmiert das Versicherungsunternehmen aus dem Rechtsrheinischen unter dem Namen der französischen Mutter. Einzig die Straße, an der das Unternehmen sitzt, erinnert an die alten Zeiten: die Colonia-Allee. Axa betreibt eine Einmarkenstrategie: Die Erfolgspolitik des Unternehmens beruht darauf, andere Gesellschaften zuzukaufen, zu integrieren und so die Marktpräsenz von Axa auszubauen

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