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Karriere in der Kirche - auch ohne Theologie

Kirstin von Elm
Mit über 1,2 Millionen Beschäftigten ist die Kirche Deutschlands größter Arbeitgeber nach Vater Staat. Beim "himmlischen Dienstleister" haben nicht nur Theologen gute Chancen. karriere stellt die spannendsten Kirchenjobs vor.
Das Kreuz mit der Berufswahl: Arbeiten für die KircheFoto: © Janosch Prost - aboutpixel.de
Für den Glauben versetzt Anna Schenck schon mal Berge. Zum Beispiel aufs Marienfeld bei Köln. Wo vor kurzem noch platter Acker war, erhebt sich jetzt ein stattlicher, zehn Meter hoher Hügel. Von dort herab wird am 20. und 21. August Papst Benedikt XVI. predigen, während unten dicht gedrängt die junge Fangemeinde lauscht.Den Heiligen Vater wollen alle sehen. Nicht nur, weil es diesmal ein Deutscher ist. Bis zu eine Million Besucher erwarten Anna Schenk und die übrigen Organisatoren auf dem katholischen Weltjugendtag Ende August. 18-, 20-, 24-Jährige pilgern nach Köln wie zu einem Open-Air-Konzert. Kirche ist Kult und der Papst ein Popstar, seit die Welt unsicherer und das katholische Oberhaupt aus Rom zum reisenden Missionar in Sachen Sinngebung geworden ist.

Die besten Jobs von allen

Suche nach dem großen SinnDer Wunsch nach bleibenden Werten, nach Orientierung und Sicherheit treibt vor allem junge Leute um. "Werte sind mir wichtig - auch im Job", sagt jeder dritte Teilnehmer einer aktuellen Online-Umfrage von karriere. Bei der Wahl des Arbeitgebers wird nicht mehr nur aufs Geld geschaut, sondern immer öfter auch darauf, wofür er steht. Zwei Drittel der von karriere Befragten könnten sich gut vorstellen, für ein kirchliches Unternehmen zu arbeiten.Anna Schenck hat den Sprung bereits gemacht. Im Juli 2002 wechselte die ehemalige McKinsey-Beraterin zur gemeinnützigen WJT2005 GmbH in Köln, um den Weltjugendtag vorzubereiten. Als Referentin des Geschäftsführers betreut die heute 28-Jährige das Mega-Event seit der ersten Stunde. 160.000 Tonnen Lehm und Kies für den "Papsthügel" herbeizuschaffen, zählte noch zu den leichteren Übungen. Schwieriger war es schon, sich rechtzeitig 10.000 Klohäuschen und sämtliche in Europa aufzutreibenden Großbildwände für die Abschlussfeier auf dem Marienfeld zu sichern.Konzern für eine WocheGanz zu schweigen von dem Paragrafendschungel, durch den sich in Deutschland jeder Ausrichter einer solchen Großveranstaltung kämpfen muss. "Wir haben hier keine Rechtsabteilung", sagt Anna Schenck, "alle Verträge laufen über meinen Schreibtisch." Nebenbei überwacht sie die Finanzen und hält Kontakt zu allen relevanten Behörden - von der EU bis zur Stadt Köln.Mammut-Ausmaße nahm auch das Personalmanagement an. 25.000 freiwillige Helfer werden sich in den heißen Augusttagen um die jungen Gläubigen kümmern, sie unterbringen, verköstigen, durch den Verkehr lotsen, Merchandise-Artikel verkaufen und am Ende hinter ihnen aufräumen. In wochenlanger Detailarbeit hat Schenck die Kommunikationsstrukturen in diesem "Konzern für eine Woche" ausgeknobelt.Planen, organisieren, improvisieren - der Arbeitgeber Kirche hat es der studierten Religionswissenschaftlerin angetan. Bis Ende des Jahres ist Schenck noch mit der Abwicklung des WJT beschäftigt, danach darf es gerne wieder ein kirchlicher Betrieb sein: "Eine Non-Profit-Organisation wäre für mich die erste Wahl." Warum auch nicht: Gute Manager sind im Weltkonzern Kirche hoch gefragt.Party-Service in Gottes NamenWer bei Kirchenangestellten nur an Pfarrer, Küster und Kindergärtnerinnen denkt, liegt falsch. Mit über 1,2 Millionen Beschäftigten ist die Kirche Deutschlands größter nicht-staatlicher Dienstleister. Zum Vergleich: Post, Bahn und Telekom bringen es zusammen auf nicht einmal 880.000 Mitarbeiter.Junge Akademiker sind bei geistlichen Arbeitgebern besonders bunt vertreten. Karrieren als Filmproduzent, Bankdirektor, Touristikmanager oder IT-Controller - all das geht auch im Namen des Herrn. Denn die Kirche unterhält nicht nur Pflegeheime, Seniorenstifte und Krankenhäuser. Ihr gehören auch Großverlage wie Weltbild, Zeitungen wie der Rheinische Merkur, Radiosender wie Radio Paradiso und Domradio, Nachrichtenagenturen (Evangelischer Pressedienst epd, Katholische Nachrichtenagentur KNA) und Filmstudios wie die bundesweit vertretene Tellux-Gruppe. Hinzu kommen Banken und Versicherungen wie die Bruderhilfe in Kassel, die Kölner Pax-Bank oder die Evangelische Darlehensgenossenschaft in Kiel.
Außerdem verfügt sie über IT-Dienstleister und Beratungsgesellschaften, Hochschulen und Forschungsinstitute. Sogar ein Party-Service ist dabei: Das Team von Martha s Finest aus Frankfurt tischt nicht nur bei kirchlichen Anlässen auf, sondern auch bei Firmenjubiläen, Messen oder politischen Empfängen.
Zum Glück für Stellensucher sind auch die Kirchen längst im Informationszeitalter angekommen: Spezielle Stellenbörsen im Internet helfen bei der Suche nach dem passenden Job im Dickicht der Kircheneinrichtungen, die mittlerweile in die Zehntausende gehen.Jobmaschine WohlfahrtGottes Bodenpersonal verteilt sich hierzulande ungefähr zur Hälfte auf katholische und evangelische Kirche. Doch nur knapp 300.000 Leute sind direkt bei einer der Kirchen oder ihren Behörden beschäftigt, darunter etwa 40.000 Seelsorger. Neben Theologen finden sich hier vor allem Juristen und Verwaltungsfachleute, aber auch Exoten wie der Architekt Heiko Seidel. Schließlich gehören die meisten denkmalgeschützten Gebäude in Deutschland der Kirche. "Eine Kirchenrenovierung kostet meist mehr als ein luxuriöses Einfamilienhaus", erklärt Seidel. Da machen sich Fachleute, die Aufträge kontrollieren, bauliche Auflagen überwachen und gestalterisch beraten, für das Kirchenamt schnell bezahlt.Die größten kirchlichen Arbeitgeber sind jedoch die Wohlfahrtsverbände, der katholische Deutsche Caritasverband und sein evangelisches Pendant, das Diakonische Werk. Hier verdient der Löwenanteil der rund 1,2 Millionen Kirchenmitarbeiter seine Brötchen. 450.000 Menschen arbeiten hauptberuflich in rund 27.300 diakonischen Einrichtungen; die Caritas bringt es bei knapp 25.500 Einrichtungen auf fast eine halbe Million Beschäftigte.

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