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Downshifting

Karriere im Rückwärtsgang

Teil 4

Ihr Umfeld reagierte verstört: „Das macht man doch nicht!“, sagten Kolleginnen. „Und dann auch noch Chefsekretärin – wie altmodisch das klingt! Sag doch wenigstens Assistentin.“  Was keiner wusste: Schon als Kind wollte Burghardt genau das sein – eine klassische Sekretärin, nah dran an der inhaltlichen Arbeit, aber mit weniger Verantwortung.  Es war die Erfüllung eines Kindheitswunsches. Es war der Weg zu ihrem persönlichen Traumberuf.Downshifter passen nichtIn den ersten Bewerbungsgesprächen scheiterte sie jedoch kläglich. Immer wieder wurde ihr unterstellt, sie sei doch sicher krank, depressiv oder alkoholabhängig. Warum sonst bewirbt sich wohl eine Geschäftsführerin als Sekretärin?  Trotz glänzender Referenzen dauerte es ein Jahr, bis sie eine neue Stelle fand: als Chefsekretärin bei einem sozialen Dienstleister.

Die besten Jobs von allen

„Downshifter passen nicht in unsere Karrieremuster“, sagt Führungskräfte-Coach Elisabeth Strack, „deshalb stehen sie sofort unter Verdacht, dass bei ihnen was nicht stimmt.“  Ist die Kündigung wirklich auf eigenen Wunsch erfolgt? Oder gab es in Wahrheit einen heftigen Streit? Ist der Bewerber womöglich unzuverlässig, nicht belastbar, inkompetent sogar?Strack rät Absteigern deshalb dringend, vor dem Wechsel in den neuen Job und den ersten Vorstellungsgesprächen bei neuen Arbeitgebern an der eigenen Legende zu feilen. Man brauche eine ebenso ehrliche wie plausible Erklärung – viel mehr noch als bei den sonst üblichen Jobwechseln, bei denen sich die Umsteiger in der Regel verbessern. Die wichtigste Voraussetzung dafür sei schonungslose Selbstreflexion. Bernd Schmidt (auch seinen Namen haben wir auf Wunsch geändert) zum Beispiel hatte als Fahrzeugingenieur bereits eine veritable Karriere hingelegt, galt als hervorragender Konstrukteur und war für seine Entwürfe mehrfach ausgezeichnet worden.  Er galt als High Potential, als vielversprechendes Talent mit Berufung zu Höherem.In jedem guten Unternehmen wird so jemand aufgebaut, gefördert, entwickelt. Also deutete der Konzernvorstand an, Schmidt werde in den kommenden Jahren bis in die Führungsspitze befördert. Doch er wollte nicht. Gespräche über seine berufliche Zukunft verließ er verspannt, jedes neue Lob löste Schweißausbrüche aus, er entwickelte ein regelrechtes Angstsyndrom vor dem Aufstieg. Zum Schluss dachte er nur noch an Kündigung. Erst beim Coach, den er eigens dafür engagierte, stellte er fest, dass er sich schlichtweg nicht für Führungsaufgaben interessierte. Machtspiele liegen ihm nicht, er meidet interne Firmenpolitik, wo er kann, und konzentriert sich am liebsten nur auf seine fachliche Arbeit als Konstrukteur – denkbar schlechte Voraussetzungen für einen Konzernlenker.Als ihm das klar wurde, informierte er den Vorstand und bat darum, von weiteren Beförderungen in Richtung Konzernmanagement abzusehen. Allerdings – und das war klug – tat er das nicht ohne eine Alternative anzubieten: Er sehe sich stattdessen eher als künftiger Chefkonstrukteur des Konzerns. Seine Ernennung auf diesen Posten steht inzwischen kurz bevor.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.12.2010

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