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Im Chefsessel

Kann ich Chef?

Kirsten Ludowig, Til Knipper
Immer häufiger bekommen Young Professionals die Chance auf einen Posten im Chefsessel. Doch die Rolle als Vorgesetzter kann auch eine Last gerade für junge Menschen sein. Lesen Sie hier, wie Sie mit der Verantwortung richtig umgehen.
Respekt und Toleranz sind Sheila Rietscher wichtigFoto: © Christoph Busse
Als René Obermann Ende 2006 auf dem Thron der Deutschen Telekom Platz nimmt, ist er der jüngste Dax-Konzernlenker aller Zeiten - viele seiner Mitarbeiter sind älter als er. Und als Nicola Leibinger-Kammüller im selben Jahr, nur etwas früher, die Führung des schwäbischen Werkzeugmaschinenbauers Trumpf von ihrem Vater Berthold erbt, steht sie an der Spitze eines Unternehmens, in dem vor allem Ingenieure und somit Männer arbeiten.Beide, Obermann und Leibinger-Kammüller, sind plötzlich Chefs, und beide haben eine nicht ganz einfache Ausgangslage: Er ist jung, und sie ist eine Frau.

Die besten Jobs von allen

Jung führt alt, Frau führt Mann - das sind typische Konstellationen zwischen Chef und Mitarbeitern, die gerade in der Anfangszeit für Zündstoff sorgen können. Wenn es dann auch noch die erste Position mit Personalverantwortung ist - womöglich direkt im Anschluss an das Studium oder nur wenige Jahre nach dem Jobeinstieg -, kommt bei der Führungskraft schnell Panik auf.Klassische Laufbahnen wie im öffentlichen Dienst mit vorhersagbaren Beförderungszyklen gibt es kaum noch. Von heute auf morgen kann es vorwärts gehen, und gerade junge Leute bekommen immer häufiger die Chance zum Aufstieg. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Das Studium bereitet kaum auf diese Rolle vor. Themen wie die Motivation von Mitarbeitern oder die Lösung von Konflikten stehen nicht auf dem Lehrplan. Auch ein Top-Abschluss hilft also nicht weiter.Ob Sie das Zeug zum Chef haben, finden Sie nur heraus, wenn Sie sich auf das Abenteuer Führung einlassen - und zwar zu 100 Prozent, mit allen Höhen und Tiefen. Dazu gehört das gute Gefühl, die Erwartungen der Mitarbeiter zu erfüllen und mit der Aufgabe zu wachsen, genauso wie die Ratlosigkeit, wenn man sich mal wieder überfordert fühlt.Es gibt junge Chefs, die verhalten sich wie "die Axt im Walde"Wer Karriereberaterin Doris Brenner fragt, wie sich Anfängerfehler und Spannungen vermeiden lassen, erhält eine ernüchternde Antwort. "Ganz ohne Blessuren geht es in der Regel leider nicht." Vor allem junge Leute, die direkt von der Uni kommen oder zuvor selbst einige Zeit auf der Mitarbeiterseite standen, neigen in der Anfangsphase auf dem Chefsessel zur Überreaktion - und tendieren zu zwei Extremen: Sie manövrieren sich entweder in die Rolle des geschmeidigen Softies oder in die des despotischen Machthabers.Der erste Typ ist "zu nett, zu mild, zu konfliktscheu", erklärt Theo Knicker, der an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule lehrt und auch Führungskräfte coacht. Das Kommando will er eigentlich nicht übernehmen, zumindest nicht sofort. Er erlebt die Sandwich-Position zwischen seinen Mitarbeitern, die sich einen offenen, fairen Führungsstil wünschen, und dem eigenen Vorgesetzten, der vollen Einsatz im Sinne des Unternehmens erwartet, zunächst als Qual. Er tut sich schwer damit, die Forderungen des Managements und den damit verbundenen Druck an sein Team weiterzugeben.Der zweite Typ verhält sich ab Tag eins seines Aufstiegs spiegelbildlich, nämlich wie "die Axt im Walde", sagt Doris Brenner. Die Karrierberaterin hat es oft erlebt, dass Nachwuchs-Chefs anfangs übermäßig hart durchgreifen und Entscheidungen treffen, die für andere nicht nachvollziehbar sind. So sprechen sie im Zweifelsfall bei kleinsten Vergehen die Kündigung aus. "Sie denken, dass sie tough sein und genau dieses Verhalten zeigen müssen, weil ihnen sonst die Mitarbeiter auf der Nase herumtanzen."Typische Warnzeichen für eine ausufernde Machtdemonstration: Der Chef kontrolliert permanent und lässt keine Frei- und Gestaltungsspielräume für Ideen. Er denkt, er müsse alles und jeden im Griff haben und dürfe sich keine Schwäche erlauben.In beide Richtungen verrennen sich häufig diejenigen, die aus den eigenen Reihen aufsteigen, also vom Kollegen zum Chef avancieren. Entweder haben sie Angst, von den ehemaligen Kumpels nicht respektiert zu werden, und wollen dem mit eiserner Hand zuvorkommen. Oder sie fürchten, es sich mit den Verbündeten aus vergangenen Tagen zu verscherzen, und bevorzugen eine "Kutschi-Kutschi-Atmosphäre", wie Einkaufsberater Gerd Kerkhoff es nennt.

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