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Gerichtsverhandlung

Juristen lernen, wie man richtig verhandelt

Katharina Sekareva
Im Moot Court, einer simulierten Gerichtsverhandlung, treten Jura-Studenten aus aller Welt gegeneinander an. Sie verhandeln wie Anwaltsprofis und empfehlen sich für internationale Karrieren.
Verhandeln üben: Angehende Top-Juristen proben den ErnstfallFoto: © endostock - Fotolia.com
Die breite Fensterfront im Verhandlungsraum der Kanzlei White&Case am Düsseldorfer Graf-Adolf-Platz bietet einen fantastischen Ausblick. Doch Tobias Bastian hat keine Zeit, den Rhein zu betrachten. Konzentriert legt der 24-jährige Jura-Student aus Frankfurt auf Englisch dar, warum sein Mandant einen mit Chemikalien versetzten Wein verkauft. Ihm gegenüber sitzen zwei Jura-Studentinnen aus Bangalore, die einen Supermarktbetreiber vertreten, der den Wein nicht mehr beziehen will, seit er von der Panscherei weiß. Am Tischende lauscht eine Jury aus drei erfahrenen Anwälten aufmerksam den Ausführungen der Nachwuchskollegen. Die Inderinnen legen frühere Urteile in ähnlichen Fällen auf den Tisch. Ihre Argumente sind top, nur ihr Akzent ist für die Zuhörer schwer zu verstehen.Nach 90 Minuten ist der Moot Court, eine simulierte Gerichtsverhandlung, beendet. Die Anwälte geben den Studenten letzte Tipps für ihre Argumentation. Diese Ratschläge werden die angehenden Juristen in Wien brauchen, wenn sie beim Willem C. Vis Commercial Arbitration Moot gegen rund 180 Teams aus über 50 Ländern antreten. Bei diesem alljährlichen Wettbewerb verhandeln Jurastudenten einen fiktiven Rechtsstreit zwischen zwei Unternehmen nach internationalem Schiedsrecht. Die besten Teams werden ausgezeichnet. Beim Moot Court üben die jungen Juristen spielerisch das, worauf es für einen Anwalt ankommt: Unter Zeitdruck arbeiten, den eigenen Standpunkt verteidigen und blitzschnell auf Einwände der Gegenseite reagieren. Verhandlungssicheres Englisch, das für jede internationale Karriere Voraussetzung ist, trainieren die Teilnehmer bei der Casting-Veranstaltung gleich mit dazu.

Die besten Jobs von allen

"Hier habe ich gemerkt, wie spannend der Job eines Anwalts ist", sagt Richard Ellwood vom Düsseldorfer Team. "Jetzt bin ich so richtig motiviert, mich noch mehr anzustrengen, um gute Noten zu bekommen." Däumchendrehen war für die Teilnehmer des internationalen Wettstreits aber auch vor ihrem Auftritt beim Düsseldorfer Probelauf nicht angesagt. Denn davor mussten die Teams eine Klage- und eine Beklagtenschrift verfassen. "Das war sehr viel Arbeit", erinnert sich Ellwood. "Der Nachtdienst an der Uni und die Leute vom Pizzaservice kannten uns danach persönlich." Anschließend übten die Wettbewerbsteilnehmer, ihre Meinung überzeugend vorzutragen. "Die Deutschen lernen das Plädieren nicht im Studium wie die Amerikaner", sagt Anwältin Ulrike Gantenberg von der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek, die das Düsseldorfer Team finanziell und beratend unterstützt. Schützenhilfe ist ein Grund, warum sie die Moot-Court-Vorbereitung mitorganisiert. Der andere Grund ist die Suche nach Talenten. "So lernen wir die Anwälte von morgen sehr gut kennen", erklärt Gantenberg. "Hier zeigen die Teilnehmer, ob sie unter Druck und im Team arbeiten können."Genau diese Teamarbeit gefällt Tobias Bastian. "Im Studium sind ja alle eher Einzelkämpfer", sagt er. Gleichzeitig sei Teamarbeit aber auch das Schwierigste, schließlich müsse jede Gruppe vier oder fünf Meinungen unter einen Hut bringen. Aber diese Aufgabe schweißt zusammen: "Sogar nach einer 18-Stunden-Schicht will man die anderen nicht hängen lassen." Auch die Internationalität des Wettbewerbs beeindruckt Bastian. Insgesamt 16 Teams aus Deutschland, den USA, Spanien, Australien, Indien, den Niederlanden und Polen sind zum Üben nach Düsseldorf gereist. Internationalität ist typisch für Schiedsverfahren. Wenn Firmen aus verschiedenen Ländern miteinander Geschäfte machen, tragen sie ihre Streitigkeiten immer häufiger vor Schiedsgerichten aus, da sie die Richter, den Gerichtsort und das geltende Recht selbst aussuchen können. "Für Juristen, die international arbeiten wollen, ist es eine interessante Nische", sagt Gantenberg.Es seien vor allem die großen, international tätigen Wirtschaftskanzleien, die sich auf das internationale Schiedsverfahrensrecht spezialisieren und im Wettbewerb um die besten Absolventen auch mal 100000 Jahresbrutto hinblättern. In den kleineren, spezialisierten Sozietäten sei das Gehalt zwar geringer, dafuer bestehe eher die Chance, einmal Partner zu werden. Egal, ob sie beim Finale in Österreich siegen oder nicht, für Tobias Bastian und Richard Ellwood hat sich die Teilnahme am Moot Court längst gelohnt - beide wissen jetzt, dass sie Anwälte werden wollen.Volldampf statt Volljurist: Gefragte Wirtschaftsjuristen
Dieser Artikel ist erschienen am 30.04.2008

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