Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Interview

"Ja, manchmal bin ich frustriert"

Astrid Dörner
Michael Hershman, Anti-Korruptions-Experte und Siemens-Berater, über Rückschläge, den Sinn von Compliance-Programmen und seine Abneigung gegen das Golfspielen.
Michael Hershman: Der Korruption auf der SpurFoto: © PR
Herr Hershman, seit fast 40 Jahren jagen Sie Betrüger und beraten Unternehmen und Regierungen zum Thema Korruption und Compliance. Auch Siemens gehört zu Ihren Kunden. Warum versagen immer noch so viele Anti-Korruptionssysteme?Oh gosh, Korruption wird es immer geben. Seit vielen Jahren gibt es unzählige Gesetze, die diese Form der Kriminalität im öffentlichen und im privaten Sektor verbieten. Und trotzdem gibt es Korruption überall auf der Welt. Wir können nur versuchen, sie besser zu kontrollieren, um die Schäden so klein wie möglich zu halten.

Die besten Jobs von allen

Aber die meisten Konzerne haben doch schon ein so genanntes Compliance-Programm, dass das rechtlich und ethisch korrekte Verhalten von Mitarbeitern fordert. Sind die etwa nicht gut genug?Es gibt Unternehmen, die strenge Regeln haben. Nicht nur was Korruption anbelangt, sondern auch bei Geldwäsche, Kartellbildung und Preisabsprachen. Die Mitarbeiter sind gut geschult und von dem Programm überzeugt. Und trotzdem gibt es Einzelpersonen, die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind und sich nicht davor scheuen, die Regeln zu brechen. Das liegt in der menschlichen Natur.Ein Teil Ihrer Arbeit ist, Anti-Korruptionsberater in Konzernen zu sein. Was tun Sie da genau?Ich stelle Compliance-Programme auf oder verschärfe bestehende Regeln. Ich kann aber auch gebeten werden, einen Anfangsverdacht zu untersuchen. Dann sprechen mein Team und ich mit Mitarbeitern, die direkt und indirekt an fragwürdigen Vorgängen beteiligt waren. Wir lesen sämtliche Dokumente - auch Tausende E-Mails - um am Ende den Verdacht mit harten Fakten belegen oder widerlegen zu können.Sie sind wahrscheinlich sehr misstrauisch. Können Sie Menschen überhaupt noch vertrauen?Wenn es ums Geschäft geht, habe ich mir ein gesundes Maß an Skepsis zugelegt. Da springt so eine Art unterbewusster Mechanismus an. Ich prüfe, ob mir jemand in die Augen sieht, die Körpersprache und ob er sich schnell in Widersprüche verstrickt. Verdächtig sind auch die "Namedropper", die mir ständig erzählen, was für gute Kontakte sie haben.
Sie wurden 1973 in das Komitee berufen, das den Watergate-Skandal aufklären sollte. Die Ergebnisse führten dazu, dass Präsident Richard Nixon zurücktreten musste. 
Das war ein Meilenstein in meiner Karriere. Ich hatte noch nie zuvor mit politischer Korruption zu tun - und dann gleich auf höchster Ebene. Ich war mit 28 Jahren der Jüngste im Team, aber zu der Zeit gab es kaum erfahrene Leute.Was haben Sie aus dem Fall gelernt?Der Skandal führte dazu, dass gerade junge Menschen den Glauben an die Regierung verloren haben. Ich habe erkannt, dass das Thema Korruption mit der Integrität der Regierung steht und fällt. Die Regierung muss ein Vorbild sein. Ist sie es nicht, breitet sich die Korruption von oben nach unten aus, in sämtliche Bereiche des Lebens. Leider muss ich immer wieder feststellen, dass es auch gut 30 Jahre danach immer noch zu viele bestechliche Politiker und Manager gibt. Auch in Staaten wie den USA und Deutschland.Frustriert Sie das?Ja, manchmal bin ich frustriert. Das einzige Mittel, das dagegen hilft, ist die Erkenntnis, dass kleine Erfolge auch Erfolge sind. Wenn ich sehe, dass korrupte Herrscher entmachtet oder Regierungsbeamte verurteilt werden, weil sie bestechlich waren, überwiegt das jede Frustration.Gerade helfen Sie Interpol und der österreichischen Regierung, die erste internationale Anti-Korruptions-Akademie in Wien aufzubauen.Das finde ich unglaublich wichtig, weil eine Schwäche im Kampf gegen Korruption der Mangel an angemessener Ausbildung ist. Gerade in Entwicklungsländern gibt es viele Anti-Korruptionsbeamte, die nicht ausreichend ausgebildet sind für den Beruf, den sie ausüben. Im Frühjahr 2009 wird die Schule fertig sein.Sie arbeiten 80 Stunden in der Woche. Was machen Sie zum Ausgleich?Meine Freizeit verbringe ich am liebsten auf meiner Farm in den USA. Reisen versuche ich zu vermeiden. Ich spiele Basketball und Tennis. Mit Golf fange ich gar nicht erst an - das dauert mir zu lange.Michael Hershman, 61, ist einer der renommiertesten Experten in den Bereichen Korruption und Terrorismus. Seine Firma, die Fairfax Group, berät Regierungen, Unternehmen und Organisationen aus der ganzen Welt. Auch Interpol zieht ihn bei Korruptionsfragen heran. Hershmans Karriere begann bei der US-Armee als Spezialagent für Terrorismusbekämpfung. Anfang der 70er-Jahre verließ er die Armee und arbeitete als Korruptionsermittler in New York. Er war auch Aufklärer im Watergate-Skandal und ist einer der Gründer von Transparency International. Hershman ist Vater von vier Söhnen.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.10.2007

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick