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Naturwissenschaft

Ingenieure an die Macht

Stefanie Hadding
Wer Karriere im Unternehmen machen will, muss nicht Jura oder BWL studieren. Auch Naturwissenschaftler haben das Zeug zum Chef. Voraussetzung: Sie bringen die passenden Soft Skills mit, um Mitarbeiter zu führen.
Vom Labor in die Chefetage: Naturwissenschaftler mit FührungsqualitätenFoto: © moodboard - Fotolia.com
Kluger Kopf, aber schickt ihn bloß nicht raus zum Kunden." Damit kann nur ein Ingenieur oder Naturwissenschaftler gemeint sein. Dass Techniker, Chemiker und Physiker mit Systemen, Stoffen und Symmetrien besser umgehen können als mit Kollegen, Kunden und Kleiderordnungen, dieses Image hält sich hartnäckig. Zu Unrecht, findet einer, der es wissen muss: "Die Kompetenz einer Führungskraft hängt vor allem von der eigenen Persönlichkeit und nicht vom Studienfach ab", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche, der selber Elektrotechnik in Karlsruhe studierte und es damit an die Spitze eines der größten deutschen Automobilkonzerne geschafft hat. Und im Führungsolymp der Dax-Konzerne ist der Ingenieur nicht alleine.Die vermeintliche Erfolgsformel - BWL- oder Jura-Studium gleich erfolgreiche Karriere -, an die nach wie vor viele unschlüssige Erstsemester glauben, scheint nicht aufzugehen. Nur 13 von 30 Dax-Vorstandsvorsitzenden sind Betriebswirte oder Juristen. Fast ebenso viele, nämlich 14, haben einen Abschluss als Ingenieur oder Naturwissenschaftler. Drei brachten es sogar ganz ohne Hochschulexamen an die Spitze. Und auch bei den gut 200 Vorstandsmitgliedern der 30 größten deutschen Unternehmen sieht es ähnlich aus: Nur 45 Prozent haben ein typisches Wirtschaftsstudium absolviert, 22 Prozent sind Ingenieure und 14 Prozent haben Mathematik, Physik, Biologie, Chemie oder eine andere Naturwissenschaft studiert. Nach reinen Geisteswissenschaftlern sucht man dagegen vergeblich.

Die besten Jobs von allen

Dass die logischen Denker mit den analytischen Fähigkeiten nicht nur im Labor und im Bundeskanzleramt sitzen, wie die promovierte Physikerin Angela Merkel, sondern auch in der Wirtschaft bahnbrechende Lösungen entwickeln können, davon ist Just Schürmann, 39, überzeugt. Der Geschäftsführer der Boston Consulting Group (BCG) ist für die Nachwuchssuche zuständig. Schürmann lädt gerne Nicht-BWLer zu Recruiting-Workshops ein, weil er weiß: "Naturwissenschaftler und Ingenieure haben gelernt, komplexe Zusammenhänge tiefgehend zu verstehen.""Im Kopf flexibel sein"Besonders ihr hypothesengetriebenes Vorgehen und ihr Denken in Modellen macht sie für die Wirtschaft interessant, gerade in einer Führungsposition. Für Schürmann gibt es keinen Zweifel: "Wer im Kopf flexibel ist und gern mit anderen Menschen zusammenarbeitet, der schafft den Sprung vom Verstehen eines analytischen Systems hin zum Verstehen des sozialen Systems - was ein Unternehmen ja nun einmal ist." Dazu kommen müssten natürlich BWL-Basics, ohne die schaffe es auch der klügste Physiker nicht an die Spitze, so Schürmann: "Das sollte man aber nicht überbewerten. Ehrlich gesagt ist es für mich als Wirtschaftswissenschaftler manchmal frustrierend: Ich kann zwar immer noch besser eine Bilanz lesen, aber die Kollegen Ingenieure und Naturwissenschaftler eignen sich oft erstaunlich schnell die praxisrelevanten Themen an, die ich in fünf Jahren Studium mitgenommen habe."
Foto: © Junge Karriere
Auch Personalberater und Ingenieur Burkhard Kemmann empfiehlt, das Fach zu wählen, zu dem man sich berufen fühlt: "Wer schon immer gerne an Autos geschraubt hat, der studiere bitte nicht BWL, sondern werde Ingenieur. Schließlich kann nur der Spitzenleistungen bringen, der überdurchschnittlich gut ist, sich also zu 100 Prozent mit dem, was er tut, identifiziert." Außerdem sind gerade für Führungskräfte Branchenkenntnisse und Fachwissen unerlässlich.Da wundert es nicht, dass beispielsweise von den acht Vorstandsmitgliedern des Chemiekonzerns BASF fünf ein Chemiestudium absolviert haben, inklusive Vorstandschef Jürgen Hambrecht. Bei der Commerzbank dagegen sitzen nur Betriebs- und Volkswirte sowie zwei Juristen in der obersten Chefetage.Just Schürmann sieht in der Wahl der Studienrichtung nur eine Komponente auf dem Weg zum guten Manager. "Wir haben sogar zehn Prozent Geistes- und Sozialwissenschaftler bei BCG in Deutschland. Von denen erwartet man ja gemeinhin nicht, dass ihre Fachwahl sie zu Managern in Unternehmen prädestiniert." BWL gepaart mit Zielstrebigkeit gleich steile Führungskarriere, diese Gleichung gilt jedenfalls nur für den, der die Wirtschaftslehre mit Passion studiert. Da es ganz ohne Führungs- und Finanzwissen für keine Führungskraft geht, raten die Experten allen anderen, seien es Ingenieure, Mediziner, Natur- oder auch Geisteswissenschaftler, sich selber um entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten zu kümmern.Denn Vorlesungen in BWL, Management und Unternehmensführung sind in den Lehrplänen der meisten Natur- und Ingenieurwissenschaften rar gesät. Eine löbliche Ausnahme bilden die immer beliebter werdenden Kombi-Studiengänge wie zum Beispiel Wirtschaftsingenieurwesen, Wirtschaftsinformatik oder Bio- oder Wirtschaftsphysik. Doch selbst mit der richtigen Fächerwahl und den notwendigen Zusatzqualifikationen stehen nicht jedem automatisch alle Türen offen. Daimler-Chef Zetsche ist nicht der einzige, der "dem Faktor Mensch" eine maßgebliche Rolle zuweist, wenn es um Führungsverantwortung geht. Zum strategischen Wissen eines Managers muss sich ein gutes Gespür für die Organisation und die Menschen darin gesellen.

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