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Arbeitsmarkt

Informatik: Endlich Licht

Ina Hönicke, Sabine Scheltwort, SLT
Der Arbeitsmarkt für Informatiker erholt sich. Die Anforderungen indes sind gestiegen: Neben technischem Know-how müssen die Spezialisten soziale Kompetenzen mitbringen, als Moderator und Integrator auftreten können und auch in Anwendungsbranchen zu Hause sein.
Fachwissen allein ist nicht mehr allesFoto: © Louise Gagnon - Fotolia.com
Montags um sieben Uhr sitzt Wilko Hein im Flieger von Hannover nach Zürich. Der Diplom-Informatiker, der für das französische Consulting-Unternehmen Capgemini arbeitet, ist auf dem Weg zu "seinem" Kunden. Seine Aufgabe: Abstimmung, Planung und Reporting einzelner Projekte. "Um das hinzukriegen", erklärt der IT-Berater, der bei Capgemini Managing Consultant heißt, "muss man mit allen möglichen Leuten zurechtkommen - mit dem Techniker genauso wie mit dem Chief Executive Officer."Nach Jahren der Zurückhaltung stellen vor allem die Beratungen wieder ein. McKinsey, Boston Consulting Group, Accenture, Altran - sie alle suchen in nicht selten dreistelliger Dimension Absolventen aus dem Informatik-Bereich. Capgemini beispielsweise will 500 neue Mitarbeiter rekrutieren; 200 davon für den Bereich Consulting Services. Besonders gefragt sind Strategie-, Prozess- und Applikationsberater, außerdem Branchenfachleute der Sparten Hochtechnologie, Automobil, Telekommunikation, Energie, Chemie, Handel und Logistik. Die Ansprüche an die Bewerber allerdings sind aufgrund von Globalisierung, Outsourcing, Off- und Nearshoring durch die Bank gestiegen. Alle Personaler schauen inzwischen auch auf soziale Kompetenzen, Teamfähigkeit und Managementqualitäten. Die Beherrschung der englischen Sprache ist ebenso ein Muss wie die Fähigkeit, als Moderator und Gestalter aufzutreten.

Die besten Jobs von allen

Schon bei der formalen Bewerberauswahl achten die Recruiter auf Professionalität. Vermeintliche Äußerlichkeiten wie ein vollständiger Lebenslauf, ein ansprechendes Foto oder ein nicht zu großes Attachement bei der Online-Bewerbung können darüber entscheiden, auf welchem Stapel eine Bewerbung landet. Technisches Wissen und ein Verständnis für Softwareprozesse sind laut Informatik-Professor Manfred Broy zwar noch immer wichtig, aber für den Berufseinstieg nicht mehr allein entscheidend: "Absolventen müssen in der Lage sein zu managen. Oft sind die menschlichen Fragen die kritischen in Projekten. Wer hier geschickt agiert, hat gewonnen."Nicht ohne meine KollegenAuch Wilko Hein zieht nicht als "lonesome cowboy" durchs Land, sondern gemeinsam mit 15 anderen Beratungskollegen. Der 30-Jährige liebt seinen Job: "Die Arbeit beim Kunden macht Spaß - nicht zuletzt, weil Teamarbeit oberste Priorität hat", erklärt er. Bei Problemen kann Hein sich mit den Kollegen besprechen oder auf die Wissensdatenbank von Capgemini zugreifen. "In der Beratung gibt es so gut wie keine Routine", meint der Informatiker, "sondern jeden Tag eine neue Herausforderung. Das macht den Reiz dieses Jobs aus." Trotzdem freut sich Wilko Hein freitags auf das häusliche Wochenende mit Frau und Kind - eine ganz andere Herausforderung.Nicht nur Capgemini stellt IT-Spezialisten ein. Auch bei der für den Bereich Technology Services zuständigen Tochtergesellschaft sd&m steht eine Verstärkung des Mitarbeiterteams um 300 Kräfte an. Das Münchener Software- und Beratungshaus sucht vor allem junge Software-Ingenieure mit Hochschulstudium und einer breit angelegten Ausbildung sowie IT- Berater und Projektleiter. "Reisen ans Mittelmeer, um potenzielle Mitarbeiter zu locken, sind nicht unser Stil", erklärt Sissy Tongendorff vom Personalmarketing. sd&m setzt mehr auf gute Hochschulkontakte. So halten Mitarbeiter an ihren ehemaligen Ausbildungsstätten Vorlesungen, in den einzelnen Niederlassungen werden regelmäßig "Schnuppertage" veranstaltet.Dass sich nicht nur Beratungen wieder mit Informatikern eindecken, bewies kürzlich eine Veranstaltung an der TU München. Über 40 Unternehmen präsentierten sich dort den Studenten, und sie hatten nicht nur zahlreiche Praktika und Diplomarbeiten, sondern auch offene Stellen im Gepäck. Zum großen Teil kamen die Unternehmen aus der Automobil- und Zuliefererindustrie.Sichere Bank: SAPHört man sich bei den Unternehmen um, so können zwei Berufsgruppen mehr als alle anderen voller Zuversicht in die Zukunft schauen: Sowohl SAP-Berater als auch Sicherheitsfachleute stehen auf der Wunschliste der Personaler ganz oben. Besonders in der Fertigungsindustrie, in Software- und Beratungshäusern haben IT-Profis mit SAP-Wissen die besten Karten. Neben sozialen Kompetenzen wird von ihnen verlangt, dass sie sich mit der serviceorientierten Software-Architektur und Geschäftsprozessen auskennen. Personalchefs raten Absolventen, möglichst früh mit dem Thema SAP in Berührung zu kommen - etwa über eine Diplomarbeit oder ein Praktikum, auch wenn das häufig nicht bezahlt werde. "Die Erfahrung, die ein Bewerber dadurch erhält, ist nicht aufzuwiegen", betont Uwe Günzel, der bei Capgemini für das deutsche SAP-Geschäft tätig ist.Für Sicherheitsexperten sind die Aussichten ähnlich gut. Ihre Zahl soll weltweit von heute 1,3 Millionen auf fast 2,2 Millionen im Jahr 2008 steigen. So lauten zumindest die Prognosen. In der "Global Workforce Study", an der rund 5.500 Entscheidungsträger aus der Wirtschaft teilnahmen, beurteilen die Security-Profis sowohl ihre Berufsaussichten als auch ihre Verdienstchancen als gut bis sehr gut.Jetzt wird's wirklich besserViele Anzeichen sprechen dafür, dass der IT-Arbeitsmarkt sich nach den rauen Zeiten, als hoch qualifizierte Computerfachleute den Weg zum Arbeitsamt antreten mussten, tatsächlich endlich wieder erholt - wie es der Branchenverband Bitkom in Zweckoptimismus schon seit längerem verkündet. Für das vergangene Jahr hatte er bereits 10.000 neue Arbeitsplätze vorausgesagt. Letztlich sind daraus 4.000 geworden - bei 749.000 IT-Stellen insgesamt.Entlassungswellen großen Stils bei IBM, Hewlett-Packard, der Deutschen Telekom und Siemens verhagelten dem Branchen-Protagonisten die Prognose. Dass es nicht noch schlechter aussah, ist laut Bitkom vor allem den mittelständischen Softwarehäusern und den Beratungshäusern zu verdanken. Präsident Willi Berchtold: "Der Mittelstand hat es geschafft, die Arbeitsplatzverluste der Großen zu kompensieren. Das lässt für die Zukunft hoffen." Ungeachtet dessen streben die Young Professionals laut einer Access-Umfrage immer noch zu den traditionellen Dickschiffen. Weder Beratungen noch kleinere Softwarehäuser stehen bei den jungen IT-Spezialisten oben auf der Favoritenliste.

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