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Karrierechancen

Inder in Deutschland: Shivas Shuttle

Martin Roos
Sie kommen und fast keiner merkt es. Indische Unternehmen gründen hierzulande Tochterunternehmen und kaufen deutsche Firmen. Auf der Hannover Messe im April ist Indien Partnerland. Auch da wollen die Inder beweisen, dass sie Deutschen nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Karrierechancen bieten - vor allem dort, wo es um den zukünftigen Weltmarkt geht: Indien.
Nur eine Schwarzwälder Kuckucksuhr würde Stefan Schmieder jetzt in seiner Exotik toppen. Da steht er, der 38-Jährige, auf einer Bühne in Mumbai (Bombay) vor 1.000 Indern, seinen neuen Kollegen. Seit wenigen Tagen arbeitet der Software-Entwickler für die Mastek GmbH in Villingen-Schwenningen und flog gleich nach Indien, um die Muttergesellschaft kennen zu lernen. Jeder neue Mastek-Mitarbeiter, der nach Mumbai kommt, muss sich allen vorstellen. Ob er dann ein Gedicht rezitiert, eine Rede hält oder einen Handstand macht, ist egal.
Schmieder, der Schwarzwälder, entscheidet sich, die Hymne seines Landes zu singen. Beherzt schmettert er drauflos: "Das schönste Land in Deutschlands Gauen, das ist mein Badener Land." Ende. Die Inder sind begeistert und feiern ihn, als ob Gandhi gerade den Ganges durchschritten hätte. Schmieder, ein eher bescheidener Mensch, verbeugt sich und tritt ab. Die Taufe ist bestanden und der Deutsche nun Teil der großen Mastek-Familie.
Die meisten Führungskräfte, die in Deutschland bei indischen Unternehmen anfangen, werden "zum Warmlaufen" für ein paar Tage in das Heimatland der Muttergesellschaft geschickt - vor allem, wenn es sich um IT-Firmen handelt. Die Kollegen in der Entwicklung sind Inder, die für den deutschen Markt die Produkte in Indien herstellen.
Für die Deutschen ist der Job eine große Chance: Wer bei einer indischen Tochtergesellschaft in Deutschland beginnt, bekommt nicht nur internationale Unternehmensluft zu schnuppern und Kundenkontakte weltweit, sondern profitiert auch vom Know-how der Inder. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Deutsche erweitern ihren kulturellen Horizont für den Zukunftsmarkt Indien.
Jobs durch Inder > Weit über 120 indische Unternehmen gibt es bereits in der Bundesrepublik. Darunter auch deutsche Unternehmen mit indischen Eigentümern, die meisten jedoch sind indische Tochtergesellschaften. Nach Schätzungen der Deutsch-Indischen Handelskammer bieten sie zusammen etwa 10.000 Arbeitsplätze, die Hälfte für Deutsche. Mehr als zwei Drittel gehören der IT-Branche an. Der Rest verteilt sich auf die Textil-, Maschinenbau-, Autozulieferer- und Pharmaindustrie - hier kaufen die Inder vorzugsweise auch deutsche Unternehmen.
Der Stahlgigant Mittal, der zuletzt Schlagzeilen machte, weil er noch in diesem Jahr seinen europäischen Rivalen Arcelor kaufen will, hatte bereits 1995 mit dem Kauf der Hamburger Stahlwerke zugeschlagen. Der Autozulieferer Bharat Forge kaufte vor zwei Jahren das insolvente Traditionsunternehmen Carl Dan Peddinghaus im Sauerland, Amtek Auto übernahm 2005 Zelter in Bonn mit 400 Mitarbeitern. In diesem Jahr schluckte der Inder Dr. Reddy's den Generika-Hersteller Betapharm.
Sir Stefans neue Welt > Seit Anfang des Jahres arbeitet Schmieder als Projektentwickler für Mastek im Schwarzwald. Die Muttergesellschaft wurde 1983 in Mumbai von vier jungen Indern gegründet, die gerade von der Business School kamen. Heute hat das Unternehmen weltweit 3.000 Mitarbeiter. Die Deutschland-Zentrale mit Vertrieb und Verwaltung in Villingen-Schwenningen gibt es seit sieben Jahren.
Ganz neu war Indien für den Badener nicht. Schon bei seinem vorherigen Job hatte er geschäftlich mit Indern zu tun. Dennoch war die Antrittsreise zu seinen obersten Chefs nach Mumbai ein Erlebnis. Zum einen, weil er die indischen Kollegen aus der Entwicklung kennen lernen konnte, mit denen er von Deutschland aus regelmäßig telefoniert. Zum anderen wurde ihm klar, dass Indien längst nicht mehr nur aus Armut, heiligen Kühen, Chakra und der Göttin Shiva besteht, sondern auch "ein Hightech-Land ist, mit Konsum, moderner Infrastruktur, Hochhäusern und Wohlhabenden".
Dass ihm die Firma einen Wagen mit Fahrer zur Verfügung stellte, war weniger Luxus, sondern überlebenswichtig: "Bei Linksverkehr und einem Fahrverhalten, das so gut wie keine Regeln kennt, hat man das bitter nötig." Ganz im Gegensatz zum direkten Umgang mit den Menschen - Schmieder erlebte ein einziges Überbieten an Service und Höflichkeiten. Für seinen Chauffeur war er nur "Sir Stefan".
Erst Anfang der 90er Jahre begann Indien, im Westen zu investieren. Das Land stand damals vor dem Bankrott, die Regierung startete mit dem Aufbau einer Marktwirtschaft. Der Staat zog sich nach und nach zurück, die Wirtschaft öffnete sich für ausländische Investoren. Heute erwartet das Land ein Wachstum von jährlich fast sieben Prozent. Die junge kaufkräftige Mittelschicht wird größer, ist sehr gut ausgebildet, glaubt an seine Stärke und hat Heißhunger auf Erfolg.
Indien-Treff in Hannover > Kein Wunder, dass auf der Hannover Messe (24. bis 28. April) die rund 350 indischen Unternehmen mit mächtigem Aufgebot kommen werden. Neben Konzernlenkern haben sich auch der indische Premier und seine Minister zum "Business Summit" am ersten Messetag als Gäste angesagt. "Wir sind interessiert, vor allem auch neue deutsche Mitarbeiter zu bekommen, um noch besser unsere hiesigen Kunden bedienen zu können", meint Joachim Grouven, Entwicklungsmanager bei Infosys Technologies in Eschborn. Infosys, der zweitgrößte Software-Hersteller Indiens, hat in der Bundesrepublik 350 Mitarbeiter, davon 60 deutsche. Wie die anderen großen indischen Systemhäuser Wipro oder Satyam will auch Infosys den deutschen Markt von innen heraus bedienen können.
"Deutsche Kunden sind immer dankbar, wenn man als indisches Unternehmen auch Deutsch spricht", erklärt Grouven. Der 40-Jährige ist international gut vorgebildet. Nach seinem Jura- Studium in Bonn arbeitete er für drei Monate seines Referendariats bei einer indischen Kanzlei - "ich hatte einfach das Bedürfnis, nach Indien zu gehen". Nach dem LL.M. (Master of Laws) in Washington D.C. arbeitete er als Anwalt in Connecticut und Hannover - zuständig für das Indien-Referat. Im Jahr 2000 trat er bei einer Tochtergesellschaft von PricewaterhouseCoopers (PWC) in die IT-Branche ein. 2005 wechselte er zu Infosys und baut dort seitdem das Deutschland-Geschäft weiter aus.
Karriere mit Yoga > Dass Grouven bei den Indern als großer Kommunikator gilt, sich mit seinem Chef gerne privat zum Tee trifft und Bollywood-Filme guckt, liegt auch an seiner Indien-Affinität: Seit 15 Jahren macht er Yoga, seit einem Jahr ist er sogar Lehrer mit Ausbildung am Yoga-Institut in Mumbai. Er spricht ein paar Brocken Hindi und ist Vegetarier. "In einem deutschen Unternehmen hätten die mich schon längst in irgend so eine Öko-Ecke abgestellt."
Auch seine Frau lernte er in Indien kennen: Um auszuspannen ging Grouven 1998 in ein indisches Kloster am Fuße des Himalayas. Statt Ruhe bekam er Liebe, denn auch seine Zukünftige nahm just in diesem Kloster Urlaub vom Alltag - eine Inderin.
"Meine Erfahrungen machen mir im Job natürlich vieles leichter. Es ist oft wie ein Heimspiel", erklärt Grouven. Die indische Mentalität schätzt er als "sehr offen" ein. Er liebt das Teamwork, das die Inder sehr gut beherrschen. Doch der Druck sei groß, sagt er. Die Inder wollen unnachgiebig wachsen. Auch deswegen sollen künftige Manager bei Infosys noch stärker auf die andere Kultur eingeschworen werden. "Neue Projektleiter, die bei uns in Deutschland anfangen, sollen für einen längeren Zeitraum nach Indien gehen, um die Unternehmenskultur und das Know-how noch besser kennen zu lernen", sagt Grouven. Es könnte sich dabei um einige Monate handeln.
Für Hightech-Freaks eine durchaus verlockende Vorstellung. Die Zentrale von Infosys liegt im Mekka des indischen IT-Erfolgs: Bangalore.
Betapharm Geschäftsfeld: Generika Indische Mutter: Dr. Reddy's Laboratories Ltd.
Mitarbeiter in Deutschland: 370, www.betapharm.de/, CDP Bharat Forge Geschäftsfeld: Baumaschinen, Motoren Mitarbeiter in Deutschland: 1.000, www.cdp-bharatforge.de/, Hamburger Stahlwerke Geschäftsfeld: Stahl Indische Mutter: Mittal Steel Mitarbeiter in Deutschland: 2.000, www.arcelormittal.com/, Infosys Geschäftsfeld: IT-Beratung, Software-Lösungen Mitarbeiter in Deutschland: ca. 350, www.infosys.com/, Mastek Geschäftsfeld: IT-Beratung, Software-Lösungen Mitarbeiter in Deutschland: ca. 100, www.mastek.com/, State Bank of India Geschäftsfeld: Finanzen Mitarbeiter in Deutschland: 80, www.statebank-frankfurt.com/, Tata Consultancy Services Geschäftsfeld: IT-Beratung und -Services Mitarbeiter in Deutschland: ca. 250, www.tcs.com/homepage/Pages/default.aspx, Trevira Geschäftsfeld: Hightech-Polyester-Fasern Indische Mutter: Reliance Group Mitarbeiter in Deutschland: 2.000, , Zelter Geschäftsfeld: Automobilzulieferer Indische Mutter: Amtek Mitarbeiter in Deutschland: 400, www.zelter.de/index_d.htm. *in alphabetischer Reihenfolge Quelle: Dt.-Ind. Handelskammer / karriere

Die besten Jobs von allen

Die Inder sind da. Zum Beispiel Mohan Murti, Generalbevollmächtigter des indischen Polyesterriesen Reliance in Europa. Vor eineinhalb Jahren kaufte Reliance den deutschen Faserspezialisten Trevira. Anfangs dachten viele, mit den Indern könne das niemals gut gehen. Denkste. Von ihnen kann man einiges lernen.
Mister Murti, hatten die Leute von Trevira Angst, als die Inder kamen?
Mohan Murti: Es ist normal, wenn Menschen sich sorgen, was morgen wird, und sie sich fragen, was die Inder denn schon zu bieten haben.
Fühlten Sie sich da nicht diskriminiert?
Nein. Eher herausgefordert.
Das klingt diplomatisch.
Das meine ich ganz ernst. Deutschland ist Exportweltmeister; und nun kommt da ein braunhäutiger Inder und will denen was beibringen.
Wie deutsch ist Trevira heute noch?
Es ist eine deutsche Firma mit indischen Eigentümern. Die Geschäftssprache ist Deutsch, der Geschäftsführer ist ein Deutscher - ein 37-Jähriger. Nur der Marketing-Chef kommt aus Indien.
Was haben Sie dann geändert?
Das Geheimnis unseres Erfolgs in Indien heißt: Jeder Arbeiter soll einen Sinn dafür entwickeln, dass das Unternehmen auch ihm gehört, ein Stück von ihm ist. So auch bei Trevira. Wir wollten, dass keiner einfach mehr hierher kommt, seinen Job macht, Geld dafür kassiert, nach Hause geht, Bier trinkt und Trevira vergisst.
Wie gibt man Mitarbeitern das Gefühl, eins mit dem Unternehmen zu sein?
Wie lange, meinen Sie, kann man einen Menschen triezen, indem man von ihm ständig verlangt, jetzt dies und morgen das zu machen? Nicht sehr lange. Man muss den Leuten Aktionsfreiheit geben. Vertrauen schenken. Vollkommenes Vertrauen, indem man ihnen Verantwortung überträgt und ehrlich versichert, dass sie für die Arbeit, die sie machen, unersetzlich sind.
Hat das denn geklappt?
Wir sind sehr zufrieden. Wir wussten, dass es schwierig sein würde, bis man uns akzeptiert. Trevira wusste aber auch, das Reliance nicht irgendeine Firma ist. Wir gehören zu den 200 größten Unternehmen der Welt.
Warum sind die Inder plötzlich so stark?
Durch unsere Öffnung für fremde Investitionen. Zudem haben wir eine große, junge Generation, die ehrgeizig ist. Wir bringen jährlich eine halbe Million gut ausgebildeter Ingenieure hervor. Diese Leute wollen reisen, erhalten internationale Erfahrung und sind dadurch top ausgebildet.
Wie wichtig ist Deutschland für Indien?
Enorm wichtig - schon allein als Tor nach Europa. Deutschland hat fantastische Technologien. Indien sieht es als Senior-Partner in seinen Wachstumsträumen. Wir sprechen immer noch vom deutschen Wirtschaftswunder. Wir bewundern das sehr.
Deutschland stagniert seit 15 Jahren.
Aber wir sehen sehr helles Licht am Ende des Tunnels. Die neue deutsche Regierung macht uns große Hoffnungen. Wachstum ist in Sicht. Wir glauben, die Veränderungen könnten in zwei Jahren geschafft sein.
Und die Inder helfen uns dabei?
Indische Unternehmen werden noch mehr Jobs in Deutschland schaffen. Wenn junge Bewerber die Chance haben, für eine indische Firma zu arbeiten, ist das eine großartige Investition in ihre Karriere. Denn die Zukunft spielt vor allem in Indien und China.
Die Fragen stellte Martin Roos
Dieser Artikel ist erschienen am 01.04.2006

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