Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Ortswechsel

"In Barcelona bin ich die pingelige Deutsche"

Jeannette Villachica
Deutsche lieben das Essen, die Architektur und den Strand. Kataloniens Hauptstadt bietet aber nicht nur südländische Leichtigkeit. Kulturelle Unterschiede können den Arbeitsalltag erschweren. Zwei Erfahrungsberichte geben einen Einblick.
Barcelona ist kulturell vielseitigFoto: © Bente Schipp
Neulich wollte Marion Gövert eine Matratze kaufen. "In Deutschland hätte man ewig überlegt, wo man hinfährt, wie man sie transportiert. Hier geht man einfach in den nächsten Laden, kauft eine und bekommt sie günstig geliefert." Die Leute würden mehr mit einem sprechen als in Deutschland. "Ich finde es relativ leicht, hier zu leben", sagt die 39-Jährige, die vor vier Jahren aufgrund eines Jobangebots von Artificial Solutions, einer Partnerfirma ihres Arbeitgebers in Hamburg, nach Barcelona kam. Kurze Zeit später zog ihr Freund nach, sie fanden eine schöne Altbau-Wohnung im Zentrum.Marion Gövert findet, dass die Stadt einen fast dörflichen Charakter hat. Sie kennt den Fleischer, die Apothekerin, alles ist dicht beieinander. Als Projektmanagerin hilft die Deutsche Unternehmen dabei, ihren Kundenservice durch Kommunikationskanäle wie virtuelle Assistenten und Live Chats zu verbessern. Dass ihre Aufgaben hier weniger definiert sind, war anfangs schwierig für sie, ebenso wie der Kontakt zu den spanischen Kollegen. "Einige waren sehr distanziert, kamen nicht zu Meetings oder haben sie auf Spanisch durchgezogen, obwohl sie auf Englisch sein sollten." Auch sei der Führungsstil der spanischen Chefs autoritärer als in Deutschland. Inzwischen versteht sie sich mit den meisten aber ausgezeichnet. "Das Kollegium ist jung und lustig, man tauscht sich viel mehr aus, geht auch eher zusammen ein Bier trinken." Für den Großteil der Belegschaft ist Spanisch eine Fremdsprache. Insofern sei ihre Firma eher untypisch für Barcelona.

Die besten Jobs von allen

Kulturelle Unterschiede prägen den BerufsalltagNach der Geburt ihrer Tochter nahm sie eine einjährige Auszeit und arbeitet nun nur noch 30 Wochenstunden. Als junge Mutter in Teilzeit ist Marion Gövert unkündbar. Der Anspruch auf Auszeit und Teilzeit ist gesetzlich geregelt, allerdings müssen Frauen in Spanien innerhalb eines Jahres in den Job zurückkehren. Auch wenn sie glaubt, mit ihrer Mentalität gut nach Spanien zu passen - "für die Kollegen bin ich nach wie vor die pingelige Deutsche". Heute kann sie darüber lachen. Man unterschätze die kulturellen Unterschiede im Beruf: "Alles ist chaotischer, es wird mehr Zeit in Meetings verbracht, es werden öfter Dinge zugesagt, aber nicht umgesetzt, man benutzt mehr Floskeln, mehr Smileys in E-Mails. Die deutsche Direktheit kommt hier gar nicht gut an."

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick