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Arbeitgeber

Im Mittelstand wird weiter kräftig eingestellt

Stefan Salfemeier
Mittelständler suchen Absolventen, die in ihrer Firma mit anpacken. Und denen ihre Arbeit wichtiger ist als eine durchgestylte Visitenkarte.
Hier ist Engagement gefragt: Arbeiten im MittelstandFoto: © Yuri Arcurs - Fotolia.com
Mittelstand. Das klingt für viele Absolventen nach Kleinstadt, grauem Industriegebiet auf der grünen Wiese. Und hemdsärmeligen, launischen Chefs, die grundsätzlich Recht haben, weil sie schon als Kind im Kontor spielen durften. Für Martin Schlecker bedeutet sein erster Job bei einem Mittelständler Unternehmensberatung und Führungsposition in einem. Und das nicht in Hintertupfingen, sondern in Mexiko City. "Ins Ausland zu gehen, war für mich sehr wichtig", sagt Schlecker, der seit vier Jahren bei Peri arbeitet, dem deutschen Weltmarktführer für Betonverschalungen mit rund 5000 Mitarbeitern. In Südamerika leitet Schlecker derzeit zusammen mit einem Kollegen die mexikanische Tochter mit 55 Beschäftigten.Von seiner steilen Karriere ist der 33-Jährige selbst ein wenig überrascht: "Dass es so schnell vorangeht, habe ich nicht erwartet", sagt Schlecker. Schon im Studium hatte er Kontakt zu Peri geknüpft und dort ein mehrmonatiges Praktikum absolviert. Später schrieb er seine Diplomarbeit im Unternehmen und ist wenige Jahre später Sanierer und Chef einer Auslandstochter.

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Mittelständler sind vor allem in Nischen starkRund drei Millionen mittelständische Unternehmen gibt es in Deutschland, sie stellen mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze aller deutschen Unternehmen. Sie sind vor allem in Nischen stark. Rund 1200 familiengeführte Unternehmen aus Deutschland sind Weltmarktführer, zum Beispiel für Getränkeabfüllanlagen, Laserschweißen oder Federklemmtechnik. Und die Unternehmen sind für das laufende Jahr positiv eingestellt, vor allem die Exporte sollen weiter brummen. Nach einer Umfrage der Mittelstandsbank KfW rechnen 63 Prozent mit steigenden Auslandsumsätzen, der Rest mit einer unveränderten Auftragslage. Dass das Exportgeschäft einbrechen könnte, kann sich keiner vorstellen. Damit ist klar, dass im Mittelstand weiter kräftig Mitarbeiter eingestellt werden dürften.Doch solche Zahlen allein sagen wenig darüber aus, wie das viel beschworene Rückgrat der deutschen Wirtschaft funktioniert. "Für mich ist der Mittelstand primär eine Frage der Unternehmens- und Führungskultur", sagt Simon Kucher, Chairman der internationalen Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners. "In diesem Sinne sind für mich Unternehmen wie Würth, Benteler, Behr, Freudenberg oder Stihl Mittelständler, obwohl sie mehrere Milliarden Euro umsetzen und viele Tausend Mitarbeiter haben. Wichtige Merkmale sind eine gewisse Bodenständigkeit, wenig formalisierte Entscheidungsprozesse und eine enge Verbindung zwischen Eigentum und Management."
Foto: © Junge Karriere
Vor allem dieser letzte Punkt macht den Mittelstand in den meisten Fällen aus: Meist liegen Eigentum und Management in einer Hand. "In Familienunternehmen sind eine oder mehrere Eigentümerfamilien maßgeblich für die Entwicklung des Unternehmens verantwortlich", erklärt Tobias Augsten, Geschäftsführer der auf Mittelstand spezialisierten Unternehmensberatung Weissman & Cie. "Meist ist das wirtschaftliche Schicksal der Familien mit dem des Unternehmens verknüpft." Dieser Umstand hat vor allem für die Mitarbeiter Konsequenzen. Chefs verlassen sich am liebsten auf Menschen, die sie schon kennen: "Das Recruiting ist gerade bei mittelständischen Unternehmen stark personalisiert, Netzwerke sind enorm wichtig", sagt Sabine Hansen, Personalberaterin bei Heidrick & Struggles. Dabei setzen größere Mittelständler auch auf Hochschultage oder Berufsmessen. Und machen sich mit den Kandidaten gemeinsam Gedanken über mögliche Karrierewege im Unternehmen.Dennoch denken Berufsanfänger beim Stichwort Karriereplanung erst einmal an Konzerne, wo sie - so das Wunschdenken - zehn oder mehr Führungsebenen fast automatisch durchlaufen, Sprosse für Sprosse auf der Karriereleiter nehmen. Das kann seinen Reiz haben. Wenn alles nach Plan läuft, muss der Berufseinsteiger keine Bewerbung mehr schreiben, sondern einfach dem Karrierepfad im Unternehmen folgen.Andererseits ist ein genau vorgezeichneter Aufstieg auch immer ein Korsett, warnen Personalexperten: Wer etwa früher als nach den geplanten zwei Jahren Trainee-Zeit zur Auslandstochter in die USA will, der wird sich daran vermutlich die Zähne ausbeißen. Denn häufig sind 20 andere Trainees vor ihm an der Reihe. Und eine Bevorzugung, gute Leistungen hin oder her, würde im Unternehmensgefüge für mächtig Unruhe sorgen.
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Das sieht beim Mittelständler anders aus: "Die Hierarchien sind sehr flach. Mit Eigeninitiative und Engagement kann man schnell die Karriereleiter hochklettern", sagt Helene Reiter, Personalmanagerin bei der Salzburger Design-Schmiede Kiska. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 100 Mitarbeiter, wächst stetig und hat dementsprechend einen hohen Personalbedarf.
Kandidaten, die selbst etwas gestalten wollen und auf hochtrabend klingende Titel auf der Visitenkarte verzichten können, sind für Mittelständler wie geschaffen: "Hier ist das Umsetzen einer Aufgabe wichtiger als die Frage, ob mich ein Erfolg der nächsten Stufe auf der Karriereleiter näher bringt", sagt Personalberaterin Hansen. Wer gerne Macht ausüben und jahrelang auf den Posten des Abteilungsleiters hinarbeiten möchte, ist im Konzern auf Dauer sicher besser aufgehoben. Karrieren im Mittelstand verlaufen anders. Ein Grund warum Jobwechsel vom Konzern in ein Familienunternehmen in jedem zweiten Fall scheitern.

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