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Im Gleichschritt
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Kaputte Elite

Im Gleichschritt, Marsch

Matthias Lambrecht, Katrin Terpitz
Ein Jungmanager sieht schwarz: Wie am Fließband produzierten Business Schools "hechelnde Gewinnmaximierer", eine dressierte Elite, die ohne persönliche Reife ins Wirtschaftsleben eingreife. In seinem Buch "Die kaputte Elite" rechnet er mit den Kaderschmieden und Karrieren des Kapitalismus ab.
Das muss Benedikt Herles gleich klarstellen, da ist das Gespräch erst wenige Minuten alt: "Ich bin kein Aussteiger, kein Linker."

So sieht er auch nicht aus. Offenes weißes Hemd mit Manschettenknöpfen, nach hinten gegeltes Haar. Aufgewachsen im Münchener Großbürgertum. Und ausgestattet mit dem Lebenslauf eines 29-Jährigen, der alle Voraussetzungen erfüllt, um ganz nach oben zu kommen: Studium an der Business-School und einer angesehenen Universität, Promotion, ein Jahr in einer großen Unternehmensberatung.

Doch dann lässt Unternehmensberater Bendikt Herles in dem Bistro am Hamburger Rathausmarkt die Scampi kalt werden, während er von seiner bisherigen Karriere spricht. Denn für ihn ist sein Werdegang ein gefährlicher Irrweg.

Idealbild adé: Wer ist schon kreativ?

"Ich habe in den vergangenen zehn Jahren erlebt, wie die falschen Mentalitäten und Methoden das richtige System korrumpieren", sagt er. "Das vernichtet Kapital, schadet Unternehmen, der Gesellschaft und macht viele Menschen unglücklich."

Das richtige System ist für Herles die Marktwirtschaft mit freien Unternehmern, die wie die erfolgreichen deutschen Mittelständler mit innovativen Produkten neue Märkte erobern. Eine Welt kreativer Kapitalisten. Ein schönes Ideal – von dem Herles aber während seiner Ausbildung und als Berufseinsteiger nicht viel mitbekommen hat.

Stattdessen erlebt er Professoren, die nach ökonomischer Exaktheit streben wie Physiker beim Experiment und mit ihren mathematischen Modellen an der Wirklichkeit vorbeilehren. Kommilitonen, die sich darin üben, Folien auswendig zu lernen, um Leistungsnachweise zu erhalten. Und junge Unternehmensberater, die in Nachtschichten als menschliche Taschenrechner Excel-Tabellen füllen.

"Head down and deliver" – Kopf runter und liefern

Benedikt Herles ist nicht ausgestiegen aus dem System. Aber er hat den Musterweg nach ganz oben verlassen, seinen Job bei der Unternehmensberatung quittiert und sich eine Auszeit genommen, um seine Zweifel und Befürchtungen aufzuschreiben.

"Die kaputte Elite" lautet der Titel des Buches, das gerade erschienen ist. Es ist das Protokoll eines Jungmanagers, der seinesgleichen als "ängstliche Technokraten" erlebt.

Nachwuchskräfte, die "ihre eigene Beschränktheit für rational halten". Sein Fazit: "Alle reden von der großen Finanz- und Wirtschaftskrise, doch in Wahrheit erleben wir eine noch viel größere Krise des Managements."


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