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Karriere

Ikea: Die Welt vermöbeln

Martin Roos
Wer beim schwedischen Möbelkonzern was werden will, braucht nicht unbedingt ein Hochschulstudium. Gefragt sind Tugenden wie Aufrichtigkeit, Offenheit und Sinn für Familie. Das "Du" ist ebenso obligatorisch wie der persönliche Pate für den Neuling.
Ikea: Sprungbrett für die berufliche KarriereFoto: © Inter IKEA Systems B.V.
Was für eine Familie! Anton muss den ganzen Tag Blinda tragen ­ sie ist keine besonders große Leuchte. Klunsa hängt nur herum und manchmal tickt sie nicht ganz richtig. Oppala hat die schönsten Ohren, doch ziemlich dicke Polster an den Hüften. Ivar hat vier Beine und Fibbe schluckt nur Müll.
So ist das bei Ikea. Vermenschlichte Möbel, um Menschen zu vermöbeln. Und das mit mehr als 160 Einrichtungshäusern in über 28 Ländern der Erde. Dass die Schweden heute eines der führenden Einzelhandelsunternehmen für Heimeinrichtung weltweit sind, verdanken sie der Pionierleistung des Ikea-Eigentümers und Gründers Ingvar Kamprad. Um preisgünstige Möbel herzustellen, revolutionierte er die Möbelbranche: Als erster transportierte er auseinander gebaute Möbel in flachen Pappkartons, belieferte seine Möbelhersteller selbst mit dem notwendigen Material, ließ seine Kunden eigenhändig die Ware im Lager abholen und baute ein charakteristisches Unternehmensimage auf.
In Europa steht Ikea an der Spitze. Kein Wunder, dass die Skandinavier deswegen behaupten, dass ein Zehntel aller Europäer in Betten des Masseneinrichters gezeugt werden. Die einzige Möbelkette Europas, die annähernd in derselben Liga mitspielt, ist Habitat, der Einrichter für wohlhabendere Kunden. Doch auch Habitat gehört der Kamprad-Familie.
Hans-Günter fällt das Siezen schon fast schwer. Dass er mit Nachnamen Weinand heißt, weiß bei Ikea nur die Personalabteilung. Duzen ist bei dem Möbelriesen System. "Das ist halt schwedisch", sagt Weinand. "Gesiezt werden in Schweden überhaupt nur zwei Personen: der König und die Königin." Also Gustav und Sylvia.

Die besten Jobs von allen

Nachwuchs Marke Eigenbau Der 33-jährige Hans-Günter Weinand ist ein Ikea-Eigenbau. Seit über elf Jahren arbeitet er für die Schweden. Nach Fachhochschule, Berufsakademie und Traineeprogramm bei Ikea fing der Rheinland-Pfälzer als Verwaltungsleiter im Einrichtungshaus Köln an. Zwei Jahre später arbeitete er als Kundenservice-Chef, assistierte danach dem Leiter der Ikea-Region West und wurde schließlich stellvertretender Geschäftsführer eines Möbelhauses in Essen.
Seit Anfang 2001 ist er im Einrichtungshaus im hessischen Hofheim-Wallau eine von acht Nachwuchskräften, die zum Chef eines Ikea-Möbelhauses ausgebildet werden. "Dazu wird man ausgewählt." Ab Juni 2002 soll er irgendwo in Deutschland ein Haus leiten.
Hofheim-Wallau ist nicht nur das mit 20.000 Quadratmetern zurzeit größte Ikea-Einrichtungshaus der Republik, sondern auch Deutschland-Zentrale des Unternehmens ­ selbstverständlich ausgestattet mit Ikea-Möbeln.
"In meiner jetzigen Ausbildung lerne ich noch einmal alle Durchläufe kennen, die es in einem Einrichtungshaus gibt." Weinand muss Bilanzen in der Buchhaltung vergleichen und Projekte im Marketing anschieben, aber auch im Restaurant Hotdogs verkaufen, in der Küche Teller abwaschen oder im Lager Sofas beziehen. Billy, das berühmteste aller Regale, baut Weinand in der Rekordzeit von acht Minuten auf.Seitdem 1974 das erste Einrichtungshaus in Eching bei München gebaut wurde, wächst das Unternehmen in Deutschland ständig. Heute sind es 27 Möbelhäuser: In diesem Jahr kamen je eines in Dresden und Regensburg hinzu, im nächsten Jahr sollen das bereits zweite in Hamburg und ein neues in Kiel eröffnet werden.
450 Führungskräfte arbeiten bei Ikea Deutschland ­ in jedem Einrichtungshaus neun; andere im Controlling, Personal oder in der Logistik der 300 Mitarbeiter großen Zentrale. Wer wächst, braucht ständig Führungskräfte. Diese finden die Schweden nicht nur unter Hochschulabsolventen, sondern auch unter Quereinsteigern und berufserfahrenen Kaufleuten, die kein Studium haben. "Nicht Leistungsnoten, sondern Persönlichkeit und Potenzial entscheiden", sagt Weinand. Und: "Man sollte Ikea schon ein wenig lieben."
Der Pate Jedem Trainee teilt das Unternehmen seinen künftigen Abteilungsleiter als Ziehvater zu. Dieser Pate soll dem Neuen den Einstieg in die Ikea-Familie erleichtern.
Das ist sowohl für die Neulinge als auch für die Manager wichtig. Von ihnen wird erwartet, dass sie nicht nur Informationen, sondern auch persönliche Berufserfahrungen weitergeben. Weil aber in einer Familie die Chemie stimmen muss, darf der Trainee in ein anderes Möbelhaus umziehen, falls er sich mit dem Paten nicht versteht.
"Bei Ikea braucht man weder Schlips noch Kostüm", meint Weinand. Sogar eigene Klamotten sind überflüssig. Denn das Unternehmen stellt Berufsuniform zur Verfügung: gelbe und weiße Hemden, blaue Stoffhosen oder auch Jeans ­ eine Gesamtkollektion von 40 Einzelstücken. "Einheitskleidung soll Hierarchieängste abbauen", sagt Weinand. Die Schweden wollen einen informellen, offenen und sozialen Stil pflegen. "Außerdem muss man sich morgens kaum mehr Gedanken machen, was man anziehen soll."Wer im Top-Management arbeitet ­ also ab der Position Landesleitung ­, muss die Uniform nicht unbedingt tragen. Allerdings sollte er Schwedisch sprechen können. Denn auch wenn Nichtschweden die gleichen Jobchancen haben wie die Skandinavier, ist das Schwedisch-Sprechen ein Zeichen dafür, dass man die småländischen Wurzeln respektiert. Das Unternehmen bietet Führungskräften Sprachkurse an.
Im Labyrinth Verführt "Wir versuchen, für die verschiedenen Zielgruppen Atmosphäre zu verkaufen, und stellen uns vor, wie der mögliche Käufer lebt", sagt Weinand. "Entdecke die Möglichkeiten", heißt der Werbeslogan. Vor allem Möglichkeiten, Geld auszugeben. Und zwar so, dass der Kunde es kaum merkt.
"Die Leute kommen zu uns und planen vielleicht 80 Mark auszugeben. Hinterher haben sie 800 Mark ausgegeben." Der so genannte Impulskauf: "Der Kunde sieht und kauft und sieht und kauft." Wie in einem Labyrinth führt ihn Ikea zickzack durch die Häuser, Schilder weisen den Weg, Licht setzt den Schrank, den Stuhl oder den Tisch in Szene. An jeder neuen Ecke lauert ein neues Produkt. Kaufrausch ohne Grenzen.
60 Prozent des Umsatzes machen die Schweden in Deutschland mit Möbeln, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind fast immer vorrätig und können aus jedem Geschäft sofort vom Kunden mitgenommen werden ­ für viele das entscheidende Kaufargument. Und damit Eltern mit Kindern länger bleiben, gibt es Kinos und Spielräume, und damit Erwachsene ausharren, locken Restaurants, Café-Theken und "Schweden Shops", in denen Knäckebrot, Scheibchen-Lachs und Pfefferkuchen angeboten werden.
Erfolgreich durch Ödmjuk Doch die beste Verkaufsstrategie wäre nichts wert, wenn es bei Ikea nicht "Ödmjuk" gäbe. Das ist schwedisch und heißt übersetzt Demut. "Es meint aber Teamarbeit", erklärt Weinand. Ödmjuk ist vor allem deswegen wichtig, um sich von der Konkurrenz, die von Ikeas Pionierleistungen in der Distribution gelernt hat, zu unterscheiden. "Wir wollen wie eine große Familie funktionieren", sagt Weinand, eine Familie, in der sich der Kunde zu Hause fühlt. "Und deswegen suchen wir Mitarbeiter, die aufrichtig, offen, freundlich und bescheiden sind."
Dass solche Qualitätsmerkmale auch im Ikea-Olymp gelebt werden, ist selbstverständlich: Kamprad, der Mann, der nach Schätzungen mehr als 50 Milliarden Mark Privatvermögen haben soll, liebt volksnahes Auftreten und den einfachen Lebensstil. Er fliegt Economy, reist in der Eisenbahn zweiter Klasse und trägt seine Koffer selbst.
Erfahren Sie auf Seite 2 alles, was Sie für eine Karriere bei Ikea wissen sollten.

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