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Innovationen

Ideen für Deutschland: Zukunft denken

Til Knipper
Die deutsche Wirtschaft erforscht mit großem Aufwand die Trends von übermorgen. In den Denkfabriken tüfteln internationale Teams aller Fachrichtungen. Einsteiger sind willkommen.
Anja Mante untersucht den technischen Fortschritt in UnternehmenFoto: © www.GordonWelters.com
Ludwig Engel öffnet regelmäßig fremde Kühlschränke. Er guckt dann, welche Produkte darin stehen und ob die Milchflaschen oder die Butterdose gut gefüllt sind. Die Kühlschränke stehen in europäischen Metropolen, in Barcelona, Stockholm, London - und sie gehören Mitgliedern der so genannten "Creative Class". Also Künstlern, Fotografen, Werbern, DJs, Architekten, Autoren. Zwei Tage lang begleitet Engel sie. Er geht mit ihnen essen und abends feiern, er notiert die von ihnen zurückgelegten Strecken und führt ausführliche Interviews.Seine Gastgeber sind Seismografen der Zukunft. Sie leben heute schon so, wie es die breite Masse in einigen Jahren tun wird. Bezahlt werden die Trips von Daimler. Ludwig Engel, 26, ist Werkstudent bei der "Society and Technology Research Group", der Denkfabrik des Autokonzerns. Seine gesammelten Erkenntnisse sollen Aufschluss darüber geben, wie sich das Mobilitätsverhalten der Menschen in der Zukunft entwickelt. Das Öffnen von Kühlschränken und das Herumziehen mit Künstlern macht der Kulturwissenschaftler von Januar an hauptberuflich. Der Doktorand Engel wird für drei Jahre in der Denkfarbrik arbeiten.

Die besten Jobs von allen

Seine Studien sind nur ein Beispiel dafür, wie die deutsche Wirtschaft in die Zukunft schaut - und schauen muss. Die demografische Entwicklung, das bevorstehende Ende der fossilen Ära, Rohstoffknappheit, der Klimawandel, all das stellt die Wirtschaft vor große Herausforderungen. Eigene Future Labs, Thinktanks und Innovationszentren - oder wie die Zukunftsforschungsabteilungen heißen -, sie werden immer wichtiger für Deutschlands Unternehmen. Der Wettbewerb nimmt zu, die Entwicklungszyklen verkürzen sich immer weiter. Im internationalen Wettbewerb reicht es nicht mehr, nur an der nächsten Produktgeneration zu arbeiten. Es gilt, das Auto, das Handy, das Waschmittel von übermorgen zu denken. "Wer jetzt an seinen Forschungsaufwendungen spart, liegt falsch, weil ihm dann am Ende der Krise die Innovationskraft fehlt", sagt der Vizepräsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Arend Oetker.Handelsblatt Junge Karriere stellt Zukunftsforschungsabteilungen unterschiedlicher Branchen vor und zeigt, wie diese arbeiten: vom Großkonzern, über den Mittelständler bis hin zu den Freiberuflern, von weit ausholenden Thinktanks bis hin zu eng an der Produktentwicklung beteiligten Innovationsteams. Gerade den Berufsanfängern bieten diese Abteilungen interessante Einstiegsmöglichkeiten. Auch Absolventen exotischer Fachrichtungen werden hier gerne eingestellt. Die Arbeit ist interdisziplinär, international ausgerichtet und abwechslungsreich. Die Hierarchien in den kleinen Einheiten sind flach, Eigeninitiative wird gefördert, und die Projekte werden in Teamarbeit erledigt. Die Jobs sind zudem - und das ist in der derzeitgen Lage ein nicht ganz unwichtiges Argument - relativ krisensicher.Holger Rust, Arbeits- und Wirtschaftssoziologe an der Universität in Hannover sieht die Zukunftsforschungsabteilungen sogar als Vorbilder für die Entwicklung eines neuen demokratieorientierten, kommunikativen Führungsstils. "Deutsche Unternehmen bieten bisher nur selten Plattformen für die Kommunikation zwischen den Abteilungen und Hierarchieebenen", sagt Rust. Nur wenn man möglichst viele unterschiedliche Leute mit in die Diskussion einbeziehe, komme man auch zu Antworten auf komplexe Zukunftsfragen, sagt Rust.Genau so arbeitet Ludwig Engels Arbeitgeber, die Daimler-Denkfabrik in Berlin, die sich mit der Zukunft der Mobilität befasst. "Wir beschäftigen hier Absolventen aus vielen verschiedenen Fachrichtungen", sagt Frank Ruff, Leiter der Trendforschung in der Gruppe. Philosophen, Politikwissenschaftler und Betriebswirte, Verkehrsingenieure und Soziologen gehören zum 40 Mitarbeiter großen Team. "Dadurch können wir vertraute Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten und in Alternativen denken", sagt Ruff. Mithilfe dieser Technik entwickeln die Forscher Szenarien, wie sich die wirtschaftlichen, technischen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Zukunft entwickeln könnten. Diese unterziehen sie dann jeweils einer "Was-wäre-wenn"-Analyse. "Manchmal entwickelt sich dann in allen Szenarien ein robuster Kern", sagt Ruff.

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