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Interview

"Ichlinge haben keine Zukunft mehr"

Manfred Engeser / wiwo.de
Der Philosoph Richard David Precht hat sich damit beschäftigt, was uns davon abhält, sozial zu sein. Im Interview erläutert er, warum die menschliche Natur uns weg vom Kapitalismus zu einem neuen System führt und was die deutsche Fußball-Nationalmannschaft damit zu tun hat.
Der Mensch ist von Natur aus kooperativ und sozialFoto: © Maximilian Haupt - Fotolia.com
Herr Precht, sind wir alle Egoisten, getrieben von Gier, Machtinstinkt, Eigeninteresse?
Nein, sind wir nicht. Das ist ein Weltbild, das man uns in den vergangenen 20 Jahren einreden wollte.
20 Jahre? Der römische Dichter Plautus schrieb schon vor gut 2200 Jahren den Satz „Der Mensch ist dem Mitmenschen ein Wolf“. Und Bertolt Brecht meinte in der Dreigroschenoper erst komme das Fressen, dann die Moral. Alles falsch?
Natürlich – und das wollte Plautus mit seiner Formulierung ausdrücken – gab es immer schon konkurrierende Interessen zwischen Menschen. Und sicher hat auch Brecht Recht: Sich gut zu ernähren und ein Dach über dem Kopf zu haben, ist ein legitimes Interesse – demnach wären wir alle Egoisten. Dass wir aber – und das unterstellt die missverstandene Auslegung dieser Aussagen – von Natur aus alle egoistische Einzelgänger sein sollen, die nur auf sich selbst bedacht sind: Das stimmt nicht.

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Wenn also keine Egoisten – was sind wir dann?
Auf jeden Fall von Natur aus stärker auf Kooperation denn auf Konfrontation angelegt. Dass wir den Egoismus nicht in die Gen-Wiege gelegt bekommen haben, zeigen schon einfache Versuche mit Schimpansen und Kleinkindern: Ob sie einen Schwamm aufheben oder einen Stift zurückbringen sollen – für beide Versuchsgruppen war spontane Hilfsbereitschaft selbstverständlich.
Wie ist das zu erklären?
Wir haben stammesgeschichtlich betrachtet immer in Horden gelebt. Als Einzelner hätte der Mensch gar nicht überleben können. Deswegen ist für uns das Wichtigste, in dieser Horde akzeptiert zu sein. Das heißt: Wichtiger als das Durchsetzen egoistischer Interessen ist unsere Gier nach Anerkennung.
Wenn wir von Natur aus auf Kooperation geeicht sind: Warum klaffen dann im Alltag Wollen und Tun oft weit auseinander?
Wollen und Tun sind auch eine Frage der Anpassung. Unser Gehirn liebt es, in einem möglichst harmonischen Zustand mit sich selbst zu sein. Wenn wir in soziale Situationen kommen, in denen das nicht klappt, müssen wir tricksen. Wenn andere Leute ein schlechteres Bild von uns haben als wir von uns selbst, müssen wir uns etwas einfallen lassen.
Was denn?
Meistens werten wir das Urteil der Anderen ab oder beurteilen es als nicht relevant. Ich erinnere mich da etwa an meine eigene Schulzeit: Kam ich mit einer vier nach Hause, habe ich meine schlechte Note immer versucht, mit dem schlechten Klassendurchschnitt zu relativieren. Oder mich mit ausführlichen Hinweisen auf Mitschüler, die gar eine fünf oder sechs hatten, in ein gutes Licht zu setzen. Und wenn mich meine Eltern nach den Schülern mit der zwei oder eins gefragt haben, hatte ich meist auch eine ausweichende Erklärung parat, warum ich auf keinen Fall so gut abschneiden konnte wie die. Man findet immer eine Ausrede.
(Artikel zuerst erschienen auf WirtschaftsWoche Online wiwo.de)

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