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Krankenstand

Hilfe von Doc Holiday

Harro Albrecht, zeit.de
Jetzt, im Herbst, wollen sich 200.000 Gesunde von ihrem Arzt krankschreiben lassen. Eine gefährliche Schummelei.

Foto: sparkie/Pixelio

Ticket in die kleine Auszeit

Die 41-jährige IT-Beraterin fühlte sich unwohl, überlastet, psychisch angeschlagen. Also meldete sie sich bei ihrem Arbeitgeber krank und ließ sich von ihrem Hausarzt einen gelben Schein ausstellen. So weit, so üblich. Doch dann erfuhr ihr Arbeitgeber, dass die gestresste Mitarbeiterin in der Rekonvaleszenz den Baden-Marathon in Karlsruhe in fünf Stunden und zehn Minuten bewältigen konnte.

Die Firma behielt den Lohn ein, die IT-Beraterin zog vor das Mannheimer Arbeitsgericht – und verlor im Februar dieses Jahres den Prozess. Begründung: Auch ein Marathon ist erheblicher psychischer Stress.

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Ohne den gelben Schein, korrekter: die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, hätte sich die IT-Beraterin gar nicht erst von der Arbeit abmelden können. Der Schein ist das Ticket in die kleine Auszeit – und der Arzt der Wächter über dieses begehrte Dokument.

Geplantes Kranksein

Statistisch gesehen, schreiben Ärzte an jedem Werktag allein 55.000 AOK-Mitglieder krank. In den meisten Fällen ist die Sache eindeutig, der schniefende Patient braucht einfach ein paar Tage Ruhe. Anders sieht die Sache aus, wenn er mit rosigen Wangen auf das Attest besteht. Laut einer Umfrage und Hochrechnung des Marktforschungsinstituts TNS-Emid wollen sich allein in diesem Herbst 200.000 gesunde Arbeitnehmer krankschreiben lassen.

Im Herbst, weil es wegen der grassierenden Erkältungskrankheiten weniger auffällt.

Plötzlich sieht sich der Mediziner im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen. Der Patient will den Entschuldigungszettel für den Sonderurlaub; der Arbeitgeber möglichst bald seinen Mitarbeiter zurück, denn jeder Tag, den dieser fehlt, kostet.


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