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Sprachkompetenz

Heute Englisch, morgen Chinesisch?

Andreas Wildhagen /wiwo.de
Markus Reiter ist Sprachkritiker, Buchautor und Veranstalter von Sprachseminaren für Manager. Im Interview wagt er einen Blick in die Zukunft der Berufs- und Alltagssprache. Müssen wir bald nicht nur fließend Englisch, sondern auch Chinesich können?
Englisch bleibt Weltsprache Nummer 1, glaubt Experte Reiter.Foto: © rossler - Fotolia.com
Herr Reiter, die englische Sprache durchdringt immer mehr das Deutsche, besonders im Job. Wie sprechen wir in 40 Jahren?Die deutsche Sprache wird bis dahin sicher nicht aussterben. Aber sie wird noch stärker vom Englischen beeinflusst werden, besonders in der Berufssprache. In großen deutschen Unternehmen ist Englisch heute schon übliche Umgangssprache. Die vielen Wörter und Redewendungen aus der Managementwelt werden in unsere Alltagssprache eingehen. Sie tun das vielfach schon heute. Denken Sie nur an „Meeting" oder „committen".

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Sickern durch die wachsende Bedeutung des chinesischen Marktes bald chinesische Wörter in unsere Sprache ein?Ich schließe nicht aus, dass das eine oder andere chinesische Wort im Deutschen heimisch werden wird. Auf absehbare Zeit wird aber Englisch die dominante Sprache in der Welt bleiben. Es ist also eher damit zu rechnen, dass englische Wörter sich in der chinesischen Hochsprache Mandarin breitmachen, so wie das heute schon im Japanischen der Fall ist.Wie wird Englisch das Deutsche verändern?Einflüsse werden sowohl im Vokabular als auch bei den grammatischen Strukturen zu erwarten sein. Ein Beispiel: Eine grammatische Veränderung, die sich in den nächsten Jahren vermutlich durchsetzen wird, ist die Hauptsatzstellung nach „weil". Die bisherige Formulierung lautet: „Ich bin zu spät gekommen, weil es einen Stau gab." In Zukunft wird die im Englischen übliche Hauptsatzkonstruktion normal: „Ich bin zu spät gekommen, weil es gab einen Stau." 
Solange wir aber englische Wörter der deutschen Grammatik unterwerfen muss niemand das Totenglöckchen fürs Deutsche läuten. Zum Beispiel wird aus dem Wort „downloaden" die Konstruktion: „Ich habe das downgeloadet", typisches „Denglisch".
Wie hat sich Deutsch in den vergangenen 40 Jahren gewandelt?Die Alltagssprache der Wirtschaftseliten hat sich erheblich gewandelt, der Einfluss des Englischen ist überall spürbar. Man sieht es deutlich an den Stellenanzeigen. Dort finden Sie Senior Manager Human Resources Development und Consultants Strategic Sourcing. Kaum einer spricht mehr von Vertriebsleitern, kaum einer mehr von Verkäufern. Die Bezeichnung Verkäufer ist regelrecht in Verruf geraten. Das sind jetzt Sales Manager. Man dated sich up, man ist im work-flow und man committed sich. Das Wort briefing ist in die Berufssprache übernommen worden. Einweisung klänge altertümlich.Welche Auswirkungen hat das in Zukunft auf die betriebsinterne Kommunikation?Die Kommunikation wird simplifiziert. Es wird weniger nuancenreich gesprochen. Wenn sich Engländer oder Amerikaner miteinander unterhalten, verstehen selbst fließend Englisch sprechende Deutsche nicht immer die Ironie, Anspielungen oder Doppelbödigkeiten, die nur ein Muttersprachler wahrnehmen kann. Dafür muss der Sprecher in der Sprache sozialisiert sein.Werden E-Mail, Facebook und Twitter unsere Sprache verändern?Sie wird schneller, pointierter, vermutlich auch oberflächlicher. Komplizierte Sätze kapiert am Bildschirm nämlich keiner – was ja angesichts der berüchtigten deutschen Bürokratensprache durchaus etwas Positives hat. Einige müssen sich sogar daran gewöhnen, dass ihre Namen ohne Punkte über dem Vokal geschrieben werden. In 40 Jahren wird es vielleicht keinen Jürgen mehr geben, sondern nur noch „juergen", Kleinschreibung inklusive.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.10.2010

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