Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Hoher Norden

Hamburg: Die Perle im Norden

M. Roos, J. Hackhausen, mse
Wer nach Hamburg zieht, muss wissen: Die Leute dort glauben, sie leben in der schönsten Stadt der Welt. Sympathisch ist das nicht. Aber es könnte stimmen - wenn man auch das Umland betrachtet. Schleswig-Holstein ist bildhübsch. Junge Karriere hat sich umgeschaut.
Hamburg: Die schönste Stadt der Welt?Foto: © © Ewe Degiampietro - Fotolia.com
6.30 Uhr, Hamburg, Hafen. Männer mit Tatoo-verzierten Unterarmen warten am Kai. Trucker. Manche rauchen, manche lachen lauter als die Lachmöwen, die um sie herum fliegen. Die Männer warten auf Container aus Bombay, Guayaquil oder Hongkong , um sie erst durch Hamburg und dann quer durch Europa zu karren. Ein weiter Weg liegt vor den Truckern. Und der Hamburger Hafen ist ihr Brotgeber. Die Hansestadt ist Drehscheibe für den Handel zwischen Asien und dem alten Kontinent. Hamburg profitiert davon, dass alle Welt im Container transportieren lässt. Heute arbeiten 156.000 Menschen für den Hafen, Tendenz steigend. Auf der Weltrangliste der wichtigsten Verladehäfen liegt Hamburg mit seinem Gesamtumschlag von 135 Millionen Tonnen auf Platz acht - nach sechs asiatischen Häfen und Rotterdam. Bis 2015 soll der Gesamtumschlag auf 220 Millionen Tonnen steigen. Bis dahin will die Stadt den Hafen weiter ausbauen. Kaimauern müssen verlängert, neue Flächen für Terminals geschaffen werden. Geld soll in die Vertiefung der Elbe und den Ausbau des Schienennetzes (vor allem nach Osteuropa) gesteckt werden. Die Lkw-Trucker stört das nicht. Sie werden immer gebraucht. Denn überall wird die Bahn auch in Zukunft nicht hinkommen können.9 Uhr, Lübeck Innenstadt. Hier sind sie vereint: Napoleon, Lady Liberty, Neil Armstrong bei der Mondlandung und Marilyn Monroe - so süß. Wirklich zum Anbeißen, diese Figuren aus Marzipan. Sie stehen im Stammhaus des Familienunternehmens Niederegger in der Innenstadt von Lübeck. Niederegger ist für die Hansestadt so etwas wie Beckenbauer für den FC Bayern: der Botschafter schlechthin. Als 1806 der aus Ulm stammende Konditorgeselle Johann Georg Niederegger den damals noch kleinen Betrieb seines Lehrherrn übernahm, rechnete er kaum damit, dass die Produkte seines Unternehmens in 200 Jahren in Deutschland fast in aller Munde sein würden. Niederegger gehört weltweit zu den bekanntesten Marzipan-Herstellern und ist mit seiner Marke in über 40 Ländern präsent. 200 Jahre ist Niederegger inzwischen alt und wird heute von Holger Strait und seiner Frau in siebter Generation geführt. Niederegger gehört zu den größten Arbeitgebern Lübecks und ist selbst für Promis die Touristenattraktion der Stadt: Im Museum im zweiten Obergeschoss des Café Niederegger sind die prominentesten Fans der Marke lebensgroß in Marzipan gegossen, darunter das Dichterdenkmal Thomas Mann oder auch Hamburgs Modemacher Wolfgang Joop - für seinen Geschmack wohl etwas zu speckig.

Die besten Jobs von allen

10 Uhr, Husum Schlossgarten. Von wegen graue Stadt am Meer. Blau ist sie, ja lila! Im Februar, spätestens im März und April, blühen im Husumer Schlossgarten so viele Krokusse wie in der gesamten Restrepublik nicht. Diese Krokusse sind der Traum von Gartenfreunden aus aller Welt. Zigtausende kommen. Busladungen voll werden sie herangefahren aus Nord, Ost und Süd. Von Westen kommen sie über die Nordsee, von den Halligen, aus Helgoland und England. Besonders beliebt: die "Vernus" (Lateinisch: zum Frühling gehörend) aus der Familie der Schwertlilie. Wie viele Krokusse in diesem Blumenmeer blühen, weiß niemand so genau. Dem amtierenden Stadtgärtner zufolge sind es angeblich genau 100 auf einem Quadratmeter, bei 45.000 Quadratmetern also viereinhalb Millionen Krokusse.Die ersten Krokusse sollen Mönche im 16. Jahrhundert hergeholt und gepflanzt haben. Damals stand in dem Garten noch ein Franziskanerkloster. Die Touristen, die heute im Schlosspark wandeln, haben weniger Gebet als vielmehr Poesie im Kopf. Nach Krokus-Rundgang und Kuchen im Schloss-Café ist es für die meisten Pflicht und Freude, eine Gedenkminute vor der überlebensgroßen Bronzebüste des großen Dichtersohns der Stadt, Theodor Storm, einzulegen - nicht selten in einem Pulk von Chinesen und Japanern, die Storm besonders heiß verehren.11 Uhr, Kiel, Düsternbrooker Weg. Wer schlaue Leute sucht, findet sie hier. Am Düsternbrooker Weg 120 ruft sich die Elite der Wirtschaftsforschung ein "Moin, Moin!" zu. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) ist eine der großen Institutionen für Prognosen und Analysen in Deutschland. Das Institut steht für seriöse Arbeit und zurückhaltende Selbstdarstellung. Seine Konjunkturexperten haben den Ruf, eher vorsichtige als gewagte Prognosen abzugeben, in aller Regel am unteren Ende der Erwartungen. 1914 gründete es Bernhard Harms als "Königliches Institut für Seeverkehr und Weltwirtschaft". Später hieß es dann einprägsamer "Institut für Weltwirtschaft". Das IfW ist der Kieler Christian-Albrechts-Universität angegliedert; für junge BWL-Studenten, Ökonomen und Forscher an der Kieler Uni eine ideale Gelegenheit, frühzeitig Kontakt aufzunehmen. Seit Januar dieses Jahres ist das IfW eine unabhängige Stiftung des öffentlichen Rechts des Landes Schleswig-Holstein. Es beschäftigt zurzeit etwa 140 Mitarbeiter.12 Uhr, Hallig Habel. Es ist vermutlich der romantischste Ort im hohen Norden: grün, meerumspült, sonnenbeschienen, naturtrunken. Doch niemand kennt ihn. Fast niemand. Genauer gesagt: einer. Der Vogelwart des Vereins Jordsand. Auf Habel, der kleinsten nordfriesischen Hallig, hat die Natur absolutes Vorrecht. Besucher sind unerwünscht. Die 3,6 Hektar kleine Insel, zwei Kilometer östlich von Gröde, liegt im Nationalpark Wattenmeer und darf von Fremden nicht betreten werden. Nur der Vogelwart darf hier forschen. Vor 200 Jahren war Habel noch 95 Hektar groß. Seitdem schrumpfte sie. Als der letzte Privatbesitzer sie 100 Jahre später an den preußischen Staat verkaufte, hatte sie nur noch 17 Hektar Fläche. Erst 1930 begann das Land Schleswig-Holstein, die Halligkanten zu befestigen, um die heutige kleine Fläche zu sichern. Bis zu 60 Mal im Jahr wird Habel vom Meer überflutet. Besuch bekommt der Vogelwärter dennoch ab und zu: Zweimal im Jahr wandert der Schornsteinfeger mit seinem Sohn von Dagebüll aus durchs Watt hinüber und putzt den Schornstein des Vogelwarts. Im Sommer kommt auch der Postbote vorbei. Bei Ebbe stapft er einmal pro Woche durch den Schlick. Gut, dass es auch E-Mail gibt.13 Uhr, Hamburg Speicherstadt. Die Bewohner der Speicherstadt rücken aus. Der Hunger treibt sie zu Wrap-Rolls, Toast und Salatvariationen im "Fleetschlösschen", einem ehemaligen Zollhäuschen, das am Kanal steht. Ein paar Häuser weiter schlürfen Teeliebhaber bei Hälssen & Lyon bis zu 25 Sorten Tee. Hälssen & Lyon, gegründet 1879, ist ein Hamburger Traditionsunternehmen und kauft überall dort ein, wo Tee angepflanzt wird, von Argentinien bis Uganda. Und am Sandtorkai sitzt gleich der Kaffeehändler: Die Neumann-Gruppe bezeichnet sich selbst als die weltweit führende Dienstleistungsgruppe für Rohkaffee. Und das alles in der Speicherstadt, einem Ensemble von Lagerhäusern mit grünen Kupferdächern, mit rotem Backstein und zierlichen Giebeln, goldenen Schriftzügen und vielen Erkern und Luken. Mit einer Länge von 1,5 Kilometern ist sie einer der größten zusammenhängenden Speicherkomplexe der Welt. Hier wird Importware zwischengelagert - Tee, Kaffee, Kakao, Gewürze und wertvolle Teppiche. Seit 1991 steht die Speicherstadt unter Denkmalschutz. Spätestens seitdem steht für die Hamburger fest: Hamburg ohne Speicherstadt wäre wie Rom ohne Vatikan.

Fair Company | Initiative

 

Themen im Überblick