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Gründer und Konzerne kooperieren
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Gründerfieber

Konzerne holen sich frischen Spirit ins Haus

Teil 3: Junge Gründer im Fokus

Ein weiteres Problem der Acceleratorprogramme besteht darin, dass sie sich meist an Gründer richten, die erst am Anfang stehen. Damit fallen jedoch ältere Start-ups heraus, die bereits ordentliche Umsätze erzielen. Dabei sind genau sie für Konzerne eigentlich besonders interessant, haben sie doch bereits gezeigt, dass ihre Idee funktioniert. Wenn sich ihre Produkte noch dazu an Geschäftskunden richten, würden Unternehmen von der Zusammenarbeit erst recht profitieren. Doch oft kommt der Kontakt gar nicht erst zustande.

Genau hier setzt Torsten Oelke an. Deshalb organisiert er im Mai nächsten Jahres mit der Messe Berlin eine neue Veranstaltung namens Cube Tech Fair. Dort sollen sich gezielt Industrie und Start-ups aus verschiedenen Bereichen treffen.

Um gute Gründer zu ködern, gibt es einen Start-up-Wettbewerb – der Sieger erhält eine Million Euro.

Doch Cube soll auch darüber hinaus als Netzwerk funktionieren. "Konzerne und Start-ups kommen immer noch aus zwei Welten", sagt Oelke, "wir wollen zwischen beiden vermitteln."

So helfe man beispielsweise dabei, die richtigen Ansprechpartner in Großunternehmen zu finden oder vermittle Kontakt zu Start-ups. Keine Frage, wenn Gründer auf Konzerne treffen, gibt es eine Reihe von Konflikten.

Die Entscheidungswege in Unternehmen sind traditionell länger, die Bürokratie oft hinderlich: Um Geschäfte miteinander zu machen, müssen auch Start-ups erst einmal im Einkauf als Lieferanten gelistet sein, manchmal erfüllen sie festgelegte Kriterien wie Umsatzgrößen nicht. Oder die Konzernbuchhaltung verlangt, dass für den Erhalt eines Fax' eine Auftragseingangsbestätigung verschickt wird.

Prozesse nicht immer einfach

"Wir haben deswegen sogar eine Faxsoftware angeschafft", sagt Catharina van Delden, Geschäftsführerin des Start-ups Innosabi. Die Münchner bieten eine Onlineplattform, auf der Unternehmen gemeinsam mit Kunden neue Produkte entwickeln können. Open Innovation heißt das auf Neudeutsch. Mit über 200 Unternehmen, darunter Bayer, E.On, der Postbank oder Edeka, hat Innosabi schon zusammengearbeitet.

Auch Volkswagen will die Prozesse für Start-ups vereinfachen. Bislang dauert es meist mehrere Wochen, bis ein neues Unternehmen vom Einkauf als Zulieferer akzeptiert ist. Das Verfahren soll einfacher und kürzer werden. Der Autobauer hat erst kürzlich damit begonnen, bei Start-ups nach neuen Geschäftsideen Ausschau zu halten.

"Auch als Unternehmen befinden wir uns hier in der Lernphase", sagt Jennifer Geffers, die bei VW das Ideation:Hub leitet. Sie veranstaltet Hackathons und eröffnet Innovationslabore. Ob die Wolfsburger wie BMW und Daimler auch einen Accelerator starten, wird derzeit noch intern diskutiert. Bis dahin setzt das Unternehmen auf Oelkes Netzwerk Cube und hofft auf Kontakt zu internationalen Start-ups aus vielen Bereichen, von Robotics über Spracherkennung bis hin zu künstlicher Intelligenz.

Vom Produkt zurück zu den Kundenproblemen denken

Aber was genau können Konzerne von Start-ups lernen? "Aus der Kundenperspektive zu denken", sagt Stefan Groß-Selbeck. Der 49-Jährige war Deutschlandchef von Ebay und Chef von Xing. Nun leitet er BCG Digital Ventures.

Mit der Digitaltochter hilft die Beratung Unternehmen, neue Geschäftsmodelle für die digitale Welt zu entwickeln. Viele Konzerne denken zu viel daran, welche neuen Produkte sie verkaufen können, findet Groß-Selbeck, und zu wenig daran, welche Probleme ihre Kunden haben.

Diese Frage stand auch im Zentrum eines Projekts mit Bosch. Das Ergebnis: ein Sharingdienst für Elektroroller namens Coup. Das Bosch-Start-up startete Anfang August in Berlin, 200 Elektroroller können Kunden dort mieten. Damit macht der Konzern Emio Konkurrenz. Bosch hatte überlegt, mit dem Start-up zu kooperieren oder das Unternehmen zu übernehmen. "Kaufen oder selber machen, das ist immer eine Frage", sagt Coup-Chef Mat Schubert. Doch die Bewertungen für Jungunternehmen in dem Bereich seien hoch. "Und wir hatten eigene Vorstellungen, wie der Service aussehen muss."

Wenn erfolgreiche Wagniskapitalgeber in Start-ups investieren, planen sie in Zeiträumen von fünf bis zehn Jahren. Die Konzerne müssten genauso langfristig denken, sagt Groß-Selbeck. In dieser Hinsicht liegt Daimler richtig. Das Projekt des Autobauers hat einen 20-Jahres-Horizont: Das neue Innovationszentrum heißt Arena2036 – das Jahr, in dem Carl Benz’ erster Motorwagen 150 Jahre alt wird.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 30.09.2016

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