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Mein schlimmster Job

Großes Herz, leeres Konto

Mariam Schaghaghi
Zu viel Mitleid brachte ihn um seinen Verdienst: Dieter Moor sollte Singles einen Vertrag aufschwatzen, therapierte sie dann aber kostenlos.
Dieter Moor therapierte einsame Seelen für lauFoto: © Birgit Peterschr
"Seit ich 20 bin, arbeite ich als Freiberufler. Da gab es immer Zeiten, in denen ich mich fragen musste: ,Wovon bezahle ich die nächste Miete?' Auf der Suche nach Gelegenheitsjobs habe ich natürlich auch Zeitungsinserate gelesen, und eins war von einer Partnervermittlung. Beim Vorstellungsgespräch war man ganz begeistert davon, dass ich eine abgeschlossene Schauspielausbildung habe. Die haben wohl erwartet, dass ich besonders dramatisch schildern kann, wie das Leben wird, wenn man diesen Vertrag nicht unterschreibt. Umgerechnet bis zu 2500 Euro mussten die Leute bei einer Unterschrift zahlen, ich sollte für jeden Vertrag etwa 250 Euro bekommen. Das klang, als könnte ich meine Probleme in kurzer Zeit beenden. Also habe ich dort angefangen.Das lief so, dass erst ein Lock-Inserat aufgegeben wurde: ,Gut aussehender Arzt, 38, mit geerbter Villa am Zürichsee, einsam, beruflich aber erfolgreich, sucht Dame ...' So ungefähr. Die, die sich meldeten, luden wir ein. Wenn sie kamen, musste man sie ausfragen und dann einen Partner empfehlen. Einer der Kollegen, ein Herr Bähr, hat die Kandidaten oft richtig angebrüllt. ,Ändern Sie endlich Ihr Leben! Glauben Sie, ich opfere hier meine Zeit, um Ihnen zu helfen, und Sie verweigern sich?!' Und die Leute haben unterschrieben! Der Kerl hat immer geprahlt, wie gut er verdient.

Die besten Jobs von allen

Ich wollte auch gut verdienen. Ich habe nur den Fehler gemacht, dass mich die Geschichten zu sehr interessierten. Vor mir breiteten die Leute immer ihre ganze Lebensgeschichte aus, warum sie alleine sind, warum die letzte Beziehung in die Hose ging. Ich habe fasziniert und verständnisvoll zugehört - und am Ende hieß es: ,Danke, das war ein sehr schönes Gespräch! Das hat mir viel gebracht, ich brauche die Partnervermittlung gar nicht mehr.'Und weg waren sie. Ich war für ein, zwei Stunden eine Art Therapeut. Aber zu sagen, jetzt unterschreiben Sie mal, das war der Horror. Der Job war hochinteressant, aber mein Kühlschrank blieb leer und die Verarmung schritt rasant voran. Ich habe nichts verdient. Dabei habe ich sechs Gespräche pro Tag geführt. Nach zwei Monaten habe ich aufgegeben und in einem Call-Center angefangen. Das war dann zwar ganz beschissen, aber da kam wenigstens ein bisschen Geld rein."Dieter Moor, 50, wurde in Zürich geboren. Er moderiert das ARD-Magazin "ttt" und im September die Arte-Reihe "Europas Erbe - die großen Dramatiker".Monica Lierhaus: Unter Sangria-BeschussMax von Thun: Gut gelaunt in die Leitplanke
Dieser Artikel ist erschienen am 01.09.2008

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