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Softwarehersteller

Große Freiheit für Informatiker

Kristin von Elm
Eigentlich wollte Stefan Richter nur programmieren. Jetzt ist er Unternehmer. Seine Softwarefirma zählt mittlerweile 35 Mitarbeiter. Sein Arbeitsplatz: Eine große Küche, mit Dachterrasse und Kaminzimmer.
Stefan Richter liegt das Programmieren im BlutFoto: © PR
So schön kann Programmieren sein: dunkles Parkett, hohe Decken, riesige Fenster. In dem gemauerten Kamin mitten im Raum schmoren an Winterabenden duftende Bratäpfel, im Sommer wird auf der Dachterrasse gegrillt. Als Besprechungsraum dient die helle, große Küche, wo jeder nach Gusto den Kochlöffel schwingen darf. In der Kuschelecke liegt eine Gitarre. Behaglicher als an ihrem Arbeitsplatz im Hamburger Straßenbahnring 22 können es die 35 Mitarbeiter von Freiheit.com zu Hause nicht haben. Die vier sparsam möblierten Etagen in dem ehemaligen Straßenbahndepot aus den 30er Jahren würden "Schöner Wohnen" zur Ehre gereichen. Sogar die mit Formeln und Diagrammen übersäten Schultafeln an den weiß gekalkten Wänden wirken vor dieser Kulisse fast wie Design-Objekte. Sind sie aber nicht: Trotz liberaler Namensgebung und Wohlfühlambiente wird bei Freiheit.com hart gearbeitet. Das junge Softwarehaus produziert webbasierte Anwendungen für anspruchsvolle Großkunden: Tchibo, Unilever, Beiersdorf, DaimlerChrysler. Internet-Surfer, die zum Beispiel bei Buch.de einen Schmöker suchen oder im Travelchannel eine Reise buchen, nutzen unbemerkt Software aus der Hamburger Programmschmiede.Hauptsache pünktlich

Die besten Jobs von allen

Vom stressigen Online-Geschäft merkt der staunende Besucher wenig. Nirgendwo schrillen Telefone, türmen sich Aktenberge oder gar leere Pizzaschachteln. Keine bunten Post-its, kein Kabelsalat, keine hektischen Flecken. An blitzblank aufgeräumten XXL-Schreibtischen sitzen ernste junge Menschen vor Notebooks, einige tragen Headsets und hören leise Musik. Die Atmosphäre erinnert eher an die Uni-Bibliothek als an ein Softwarehaus, das unbedingt kritische Lieferfristen einhalten muss. In puncto Termintreue gönnt Firmenchef Stefan Richter sich und seinem Team nämlich keinerlei Freiheit: "Einen zugesagten Release haben wir noch nie verschoben", sagt der 40-Jährige stolz. Das ist in seiner Branche derart ungewöhnlich, dass Richter über sein Erfolgsrezept sogar schon ein Buch veröffentlicht hat: Feature-based Programming. Es handelt von der Kunst, systematisch zu planen und Pläne umzusetzen.Kreatives Chaos ist dem Diplom-Informatiker dagegen ein Graus. Wo liegt bitteschön der Vorteil, wenn wichtige Informationen im Papiermüll verrotten? Also wird bei Freiheit.com der Schreibtisch aufgeräumt, und zwar jeden Abend bis zur letzten Büroklammer. Wo es sinnvoll ist, werden Arbeitsabläufe automatisiert: "Release, Projektdokumentation und Projekt-Checking sind bei uns wie Heiligabend, erster und zweiter Weihnachtstag. Sie treten immer zusammen auf und überraschen niemanden", erläutert Richter, der im übrigen großen Wert darauf legt, dass alle pünktlich um neun Uhr morgens beginnen. Routinen mögen nerven, doch unterm Strich erhöhen sie die Effizienz, ist der junge Unternehmer überzeugt. So bleibt mehr Zeit für die wahre Leidenschaft - und die heißt Programmieren.Freak der ersten StundeStefan Richter ist einer jener Computervirtuosen, die "eigentlich schon immer programmiert haben". Im Abitur-Prüfungsfach Informatik saß er 1986 allein mit seiner Lehrerin: "Die war mir gerade mal zwei Stunden voraus." Im Rekordtempo und mit Topnoten schloss er ein Studium der Systemanalyse an der Fachhochschule Bremerhaven ab, bevor er sich 1990 an der Uni Bremen für Informatik einschrieb. Beide Studiengänge finanzierte er durch Programmiererjobs: zunächst im Bremerhavener Rechenzentrum des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, später am Institut für angewandte Systemtechnik ATB in Bremen. "Das war so cool, dass ich es eigentlich auch umsonst gemacht hätte", gibt er zu.Nicht unbedingt die beste Einstellung, um im Herbst 1998 in die Selbstständigkeit zu starten. Die Frau, die aus dem Ingenieurbüro eine Firma gemacht hat, heißt Claudia Dietze und ist heute kaufmännische Geschäftsführerin. Gemeinsam mit Jörg Kirchhof, einem ehemaligen Kollegen vom ATB, gründen die drei im Februar 1999 die Freiheit.com Technologies GmbH. "Wir saßen mit einem Glas Rotwein vor dem PC und konnten es gar nicht glauben, dass Freiheit.com noch frei war", erinnert sich die 39-Jährige, die für das Abenteuer Existenzgründung einen gut dotierten Posten bei einer großen Werbeagentur an den Nagel hing.Auf dem Teppich gebliebenWährend ringsherum die New Economy ihre Blüten trieb, blieb Diplom-Kauffrau Dietze bodenständig: keine Schulden, kein Wagniskapital, keine Fantasiegehälter für die Mitarbeiter. Jedes neue Stückchen Hardware mussten ihr die beiden Techies mühsam abhandeln. Statt Millionen für flippige Werbung auszugeben, schrieben die drei brav Fachartikel, besuchten Messen und hielten Vorträge. So viel Disziplin zahlt sich aus: Von Anfang an arbeitete Freiheit.com profitabel. Das Platzen der New-Economy-Blase überstand die junge Firma völlig unbeschadet. An Aufträgen mangelte es nicht, höchstens an fähigen Mitarbeitern: "Wer zu uns kommt, muss bereit sein, sich auf grundlegend andere Prozesse einzulassen", betont Stefan Richter. Am liebsten holt Freiheit.com sich den Nachwuchs direkt von der Uni. Praktikanten, die ein Faible für lizenzfreie OpenSource-Software und Forschungsthemen wie Information Retrival oder künstliche Intelligenz haben, sind herzlich willkommen. So wie zum Beispiel Sebastian, der gerade an einer neuen Suchtechnologie mit dem verheißungsvollen Namen Sisyphos arbeitet. Der Student der FH Wedel steckt mitten in der Diplomarbeit und hat seinen Job bei Freiheit.com schon so gut wie in der Tasche.Zeit zum TüftelnGerne vertraut Firmenchef Richter auch auf persönliche Empfehlungen: Kollegin Susanne hat zum Beispiel die Uni als Jahrgangsbeste abgeschlossen, Katrin war in ihrer vorigen Firma diejenige, die immer alle gefragt haben. Guten Leuten bietet Freiheit.com nicht nur überdurchschnittliche Gehälter - laut Claudia Dietze sind bis zu 30 Prozent über Branchenschnitt drin -, sondern auch die Freiheit zu forschen. "Wenn jemand eine gute Idee hat, kann er einen kleinen Forschungsantrag stellen und erhält dann ein Zeitbudget zum Tüfteln", erklärt Stefan Richter. So sind schon einige marktreife Produkte entstanden. Und die Aufstiegsmöglichkeiten? Auch da hat sich Stefan Richter schon eine innovative Lösung ausgedacht: "Vielleicht machen wir irgendwann mal in Franchise." So bleiben seine Topleute an Bord und haben trotzdem ihre ganz persönliche Freiheit.Gute Aussichten: Die Jobperspektive für junge InformatikerInformatik: Auf Erfolg programmiert
Dieser Artikel ist erschienen am 01.02.2007

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