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Wenn Freizeit zur Horrorvorstellung wird
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Ungesundes Engagement

Workaholics schaden dem Betriebsklima

Teil 2: Gefährlich wird es, wenn die Ausnahme zur Regel wird

Dabei geht es ist nicht um die reine Arbeitszeit, an der sich Arbeitssüchtige erkennen lassen. "Arbeitssucht kann sich auch darin zeigen, dass sie zwar nur sechs Stunden arbeiten, aber in denen ohne Pause unter enormem Druck stehen. Im Anschluss dann die Joggingschuhe anziehen und mit dem gleichen Elan und der gleichen Unnachgiebigkeit zweieinhalb Stunden laufen gehen", beschreibt es Rademacher.

Natürlich sei es hilfreich, wenn Personaler in der Zeiterfassung einfach prüfen könnten, wer regelmäßig kritisch viele Überstunden macht, so die Wirtschaftspsychologin. Doch das reiche leider nicht aus. "Arbeitssüchtige arbeiten natürlich häufig auch mehr und haben mehr Überstunden. Es gibt allerdings auch nicht Arbeitssüchtige, die über längere Zeiträume, in bestimmten Phasen deutlich über das Ziel hinausschießen", sagt Rademacher.

Ein Projekt muss fertig werden, die Beförderung soll schneller erreicht werden oder ein Kredit im Nacken verlangt möglichst viel Geld und Leistung – viele Gründe können Mehrarbeit und überproportional starkes Engagement hervorrufen. Gefährlich wird es, wenn es um das reine Gefühl des mehr Leistens, mehr Erreichens geht – und die Ausnahme zur Regel wird. "Ich kann nach einem schwierigen Projekt wieder einen Gang runterschalten und entspannen – oder ich denke: 'Das war toll. Super, dass ich das geschafft habe!' und setze mir neue hohe Ziele mit engen Deadlines und straffem Terminplan", beschreibt es Rademacher.

Arbeitssucht nicht verharmlosen

Arbeitssüchtige laden sich selbst immer mehr neue Aufgaben auf. Workaholics sind daran zu erkennen, dass ihnen das Nicht-Arbeiten mit einem guten, entspannten Gefühl einfach nicht mehr gelingen mag. Experten vergleichen Workaholics gerne mit Alkoholsüchtigen: "Nicht jeder der Wein trinkt, ist Alkoholiker. Aber wenn es Ihnen schwerfällt abends auf den Wein zu verzichten, ist das ein erster Hinweis darauf, dass Sie vielleicht die Kontrolle verlieren", erläutert Rademacher. Wer ohne Arbeit nervös wird und sich nur wohl fühlt, wenn er möglichst produktiv ist – bei dem sollten erste Alarmglocken läuten.

Wird ein freier Tag zur Horrorvorstellung, dann ist eine Schwelle überschritten. Und wer es weiter treibt, dem droht, dass irgendwann der Kopf nicht mehr kann und auch der Körper rebelliert. Neben Konzentrationsschwierigkeiten können zum Beispiel Schlafstörungen, Magengeschwüre Schweißausbrüche, Herzrasen bis hin zum Herzinfarkt und schließlich auch Depressionen und Burn-out die Folge sein. In der Hochleistungsgesellschaft Japan hat das Phänomen des sich-zu-Tode-arbeitens sogar einen eigenen Namen: Karoshi.

Früher wurde Arbeitssucht oft verharmlosend als Manager- oder Modekrankheit bezeichnet. "Sie ist aber eine ernsthafte Erkrankung", mahnt Rademacher, die erhebliche gesundheitliche Folgen und auch unternehmerische Schäden nach sich ziehen kann.

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