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Stress übertönt wie ein Lautsprecher alle Instinkte.
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Interview: Work-Life-Balance

"Wer ständig unter Druck steht, verliert die normalen Instinkte"

Teil 3: "Man braucht Zeiten des Genusses, der Ruhe und der Muße"

Hilft es da, einfach das Essen zu ändern?

Wilhelmi: Immerhin werden durch Fasten die Zeiger erst mal auf null gesetzt. Und die Menschen haben hier Bewusstseinsschübe, lernen Dinge, die sie sonst nicht mehr entwickeln. Und das kann man sehr gut in den Alltag hinüberretten. Deswegen gibt es in den Religionen ja auch die Zeit der Askese, um einfach zu neuen Ideen zu kommen. Viele unserer Gäste sagen, sie haben die besten Ideen hier. Ein bekannter Künstler hat es uns mal so gesagt: Fasten ist für mich – von der Erschöpfung zur Schöpfung.

Ist es überhaupt realistisch, den Körper einmal auf null zu setzen und zu glauben, danach habe man sein Leben im Griff?

Wilhelmi: Wir setzen die Leute ja nicht auf null und tun sonst nichts. Wir üben mit unseren Gästen schon hier ein, was sie für den Alltag brauchen. Viele machen dann zu Hause weiter – Ernährungsumstellung, Sport.

Poletto: Ich glaube, es ist wichtig, dass man für sich eine Benchmark setzt und sagt: Ab da ist gut. Ich bin 1,58 Meter groß. Ich werde nie mehr Modelmaße erreichen. Da muss man sagen, ich bin eben untergroß und nicht übergewichtig (lacht). Man braucht eine gewisse Grundzufriedenheit mit sich. Man darf nicht zu streng zu sich selbst sein.

Wilhelmi: Bei meinem Großvater hieß das noch sündigen. Wenn da ein Gast in die Stadt ging und dort etwas aß oder trank, hatte der gesündigt. Das Ganze mit moralischen Begriffen aufzuladen, das bringt überhaupt nichts. Die Spanier oder Italiener trinken schon mittags mal ein Glas Rotwein, sind aber nicht übergewichtiger oder sterben früher als wir.

Ein Volkswirt würde sagen, die Mittelmeerländer hinken deswegen hinterher, während der eher protestantische Norden auch ökonomisch besser ist.

Poletto: Das ist ja harter Tobak.

Wir stehen am Anfang des Luther-Jahres...

Wilhelmi: Die Deutschen sind keine großen Genießer, stimmt schon.

Poletto: Und entsprechend spaßbefreit. In Italien gibt es ein schönes Essen am Mittag, da gibt es dann einen Wein dazu. Es ist eine andere Art, auf das Leben zu blicken.

Deutsche Manager waren vor einem Jahrzehnt auch noch genussorientierter.

Wilhelmi: Es ist sicher so, dass auf eine Mode die andere folgt, auf ein Extrem das andere. Dieser extreme Fitnesswahn einiger Manager ist aber auch schon fast wieder vorbei. Weil sie gemerkt haben, wenn sie mit der gleichen Besessenheit aus dem Job auch den Sport verfolgen, dann ist das ungesund. Man braucht Zeiten des Genusses, der Ruhe und der Muße. Das trägt mehr zu Leistungsfähigkeit bei als Leistung in allen Lebenslagen. Das Thema Burn-out jedenfalls, das vielleicht etwas modisch verkommen ist, kennen wir seit 50 Jahren, das hat sicher auch mit diesem Leistungswahn zu tun.

Poletto: Burn-out ist aber das falsche Wort, weil man es zu leicht benutzt.

Wilhelmi: Das richtige Wort wäre Erschöpfungsdepression.

Poletto: Dann würden es weniger sagen. Burn-out ist zu schick. Es klingt nach einem Menschen, der mal wahnsinnig viel geleistet hat und deswegen Pause braucht.

Helfen diese ganzen digitalen Selbstvermesser eigentlich dabei, bewusster auf den Körper zu hören?

Wilhelmi: Das ist wie früher Kalorien zählen. Das kann man machen, aber es gibt ihnen letztlich nur einen Mittelwert. Man weiß doch eigentlich auch so, was gut ist.

Poletto: Sie helfen nicht wirklich, aber ich find ja solche Sachen immer super.

Wilhelmi: Ich habe ein Navigationsgerät im Auto. Wenn ich ein Ziel programmiert habe und mir das Gerät die Ankunftszeit anzeigt, versuche ich, diese Zeit zu schlagen, den Computer zu besiegen. So ist das mit den Apps auch.

Gibt es eine Schwelle, an der Disziplin in Freudlosigkeit, Verzicht in Geiz umschlägt?

Poletto: Ich verstehe zum Beispiel nicht die Menschen, die wohlhabend sind und nicht genießen können. Die sind Mitglieder in einem Aldi-Fan-Club und finden das auch noch lustig. Wilhelmi: Ich glaube, Verzicht schlägt ins Falsche um, wenn er dazu führt, sich nichts mehr zu gönnen.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 11.01.2017

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