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Depressionen bleiben unterschätzt
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Ungesunder Stress

Wenn Arbeit krank macht

Teil 2: Stress im Job rückt plötzlich ins Zentrum des Erlebens

Viele verwechselten eine Depression jedoch immer noch mit "schlecht drauf sein". Oft treffe sie Menschen, die als Gesunde sehr verantwortlich und leistungsorientiert seien. Die Veränderungen der Persönlichkeit stellten Mitmenschen deshalb vor ein besonders großes Rätsel. Sätze wie "Nun reiß' dich mal zusammen" bewirkten aber nur noch größere Verzweiflung der Betroffenen. "Bei einer schweren Depression kann sich auch der disziplinierteste Mensch nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen", sagt Hegerl. Mit professioneller Hilfe aber sei sie meist gut behandelbar.

Neigungen zu Depressionen können genetisch bedingt sein, aber auch durch traumatische Erlebnisse entstehen. "Die Veranlagung führt zu veränderten Hirnfunktionen, zum Beispiel zu stärkeren Reaktionen auf Stress unterschiedlichster Art", erläutert der Experte. Viele Botenstoffe im Körper, die den Schlaf steuerten, den Appetit, aber auch die Fähigkeit Freude oder Hoffnung zu empfinden, wirkten anders. Die Depression rückt alles Negative ins Zentrum des Erlebens und vergrößert es riesenhaft: Stress im Job, in der Partnerschaft oder auch körperliche Beschwerden.

Der Optimierungsspielraum ist noch immer groß

Vorurteile gegenüber Depressionen sind tief verwurzelt. Doch Hegerl sieht Fortschritte. Die Krankheit werde heute häufiger erkannt. Es steige also nicht die Häufigkeit an sich, sondern die Zahl der Diagnosen. "Eine sensationell gute Entwicklung sind die sinkenden Suizidraten in Deutschland", sagt er. Ein gutes Zeichen sei auch, dass Prominente wie Adele oder Bruce Springsteen offen über ihre Erkrankung sprächen. Dennoch kann es auch mit gutem Willen ein weiter Weg bis zum richtigen Arzt sein. "Depression ist die Erkrankung in unserem Gesundheitssystem mit dem größten Optimierungsspielraum", formuliert es Hegerl vorsichtig. Obwohl mit Antidepressiva und Psychotherapie gute Möglichkeiten zur Verfügung stünden, erhalte nur eine Minderheit der Patienten eine Behandlung nach den Leitlinien.

Dorothea Möller versucht bis heute, die Erkrankung ihres Mannes zu verstehen. Sie hat stapelweise Bücher darüber gelesen und mit anderen Betroffenen gesprochen. Nun vermeidet sie Druck, plötzliche Veränderungen und übt sich in Geduld. "Die Antidepressiva haben ihn ausgeglichener gemacht", sagt sie. Ihr Mann könne wieder arbeiten, aber maximal halbtags und ohne eigene Kanzlei. Doch einer Therapie verweigere er sich nach wie vor. "Er nennt die Depression eine Schwächephase", sagt sie. "So lange sich das nicht ändert, komme ich nicht zurück."


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 12.04.2017

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