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Die langen Ausfälle sind auch für den Arbeitgeber eine Belastung
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Krankheitsbedingte Fehlzeiten

Schnupfen im Büro, "Rücken" auf der Baustelle

Kerstin Dämon, wiwo.de
Wenn die Deutschen sich beim Arzt einen "gelben Schein" holen, dann vor allem wegen Rückenschmerzen, Erkältungen oder psychischer Probleme. Letztere sind in der Pflege besonders häufig und sorgen für lange und teure Ausfälle.
"Ich hab' Rücken": Rückenschmerzen vom vielen Sitzen, Hexenschuss oder Bandscheibenvorfall sind eine regelrechte Volkskrankheit. Kein Wunder, dass Rückenschmerzen zu den drei häufigsten Erkrankungen gehören, wegen denen die Deutschen nicht zur Arbeit gehen. Auch die Erkältung ist dabei. Genauso wie psychische Erkrankungen wie Burnout oder Depressionen.

Gemäß einer Analyse der Krankenkasse DAK-Gesundheit mit Daten von rund 2,3 Millionen berufstätigen Versicherten entfiel ein Großteil der Krankschreibungen im ersten Halbjahr 2017 auf diese drei Erkrankungen. 55 Prozent aller gelben Zettel wurden wegen Rückenschmerzen, Rotznase oder kranker Seele ausgestellt.

Insgesamt sank der Krankenstand im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwar leicht von 4,4 auf 4,3 Prozent, die durchschnittliche Erkrankungsdauer stieg jedoch von 12,3 auf 12,6 Tage. Wer wegen einer psychischer Erkrankung nicht arbeiten kann, fehlt dagegen im Schnitt 34,7 Tage.

Branchenspezifische Unterschiede bei den Fehlzeiten

Die langen Ausfälle sind auch für den Arbeitgeber eine Belastung. Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zufolge, führten krankheitsbedingte Fehlzeiten im Jahr 2015 zu volkswirtschaftlichen Produktionsausfälle von insgesamt 64 Milliarden Euro. Den Ausfall der Bruttowertschöpfung schätzt die BAuA auf 113 Milliarden Euro.

Manche Branchen sind von krankheitsbedingten Ausfällen ihrer Mitarbeiter stärker betroffen als andere. Grundsätzlich gilt: Wo körperlich gearbeitet wird, kommt es eher zu sogenannten Muskel-Skelett-Erkrankungen, die länger dauern, als der Schnupfen, der die Angestellten im Büro ans Bett fesselt.

Vor psychischen Erkrankungen ist niemand gefeit, besonders häufig kommen sie jedoch in sozialen und medizinischen Berufen vor, wie der aktuelle BKK Gesundheitsatlas belegt. Demnach sind die rund 3,2 Millionen Deutschen, die in diesen Berufen arbeiten, im Vergleich zu allen anderen Beschäftigten länger krank. Krankenpfleger, Ärzte, Sozialpädagogen, Erzieherinnen und Co. sind im Schnitt 16 Tage krank. Rund 24 Tage sind es diejenigen, die in Pflege- oder Altenheimen arbeiten.

Das Lagern, Waschen, Anziehen und Versorgen der Bewohner geht auf Knochen und auf Seele. Entsprechend sind Frauen, die in Pflegeheimen arbeiten, die Spitzenreiter hinsichtlich psychischer Erkrankungen. Sie sind doppelt so lange seelisch krank wie der Durchschnitt aller Arbeitnehmer (4,6 Krankentage in Pflegeheimen gegenüber 2,3 Tage bei den Beschäftigte aller Branchen).

Weniger Krankmeldungen durch betriebliche Gesundheitsförderung

Das liegt nicht nur daran, dass die Altenpflegerinnen – in der Statistik ist explizit von weiblichen Pflegekräften die Rede – einen emotional kräftezehrenden Job machen.

In Gesundheitsberufen werde auch erstaunlich wenig für die psychische Gesundheit der Mitarbeiter getan, wie die BKK moniert. In 57 Prozent der Altenheime und Seniorenresidenzen gebe es keine betriebliche Gesundheitsförderung – weder für Körper noch Geist. Sind solche Maßnahmen jedoch vorhanden, ist die Inanspruchnahme sehr hoch (79 Prozent).

Die Maßnahmen rentieren sich auch für den Arbeitgeber – unabhängig davon, ob es sich um ein Pflegeheim, einen Produktionsbetrieb oder einen Software-Entwickler handelt. Unternehmen mit betrieblicher Gesundheitsförderung beklagen geringere Fehlzeiten ihrer Mitarbeiter. Durchschnittlich werden – konservativ gerechnet – für jeden in derartige Maßnahmen investierten Euro allein durch die Reduktion von Fehlzeiten 2,70 Euro eingespart.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 02.08.2017

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