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Vom Werkstolz zum Erschöpfungsstolz
Foto: Ingo Bartussek / Fotolia.com
Leistungsgesellschaft

Permanent unter Druck

Teil 2: Jeder ist dem Leistungsdruck ausgeliefert

Was passiert dann?

Wir können krank werden. Wichtig ist, dass wir im Vorfeld auf Warnsignale hören. Denn wenn der Druck zu stark ist, bekommen wir Kopfschmerzen. Das sind seelische Verdauungsstörungen. Es lastet zu viel Druck auf uns, den wir gar nicht mehr verarbeiten können. Dieses "zu viel" wird in Schmerz verwandelt. Wenn wir dann immer nur die Kopfschmerztablette einwerfen, kann das langfristig zu gesundheitlichen Schäden führen.

Auch Schlafstörungen sind ein wichtiges Warnsignal. Wenn wir noch nicht einmal nachts in die Ruhephase kommen, sind wir irgendwann komplett ausgezerrt.

Es gibt aber auch viele Studien, die beweisen, dass Leistungsdruck die Gesundheit fördern kann.

Genau, wenn wir das Gefühl haben, motiviert und höchst konzentriert zu sein – also in einem aktiven Zustand sind.

Ist die Putzfrau dem Leistungsdruck genauso ausgeliefert wie der Manager eines Dax-Konzerns?

Je größer die Möglichkeit ist, das Arbeitspensum auszuweiten, umso wahrscheinlicher ist es, unter enormen Leistungsdruck zu geraten. Denn wir brauchen immer größere Erschöpfungszustände, um unseren Erschöpfungsstolz zu befriedigen. Manager und Selbstständige sind deshalb deutlich stärker gefährdet als Menschen, die ein vorgegebenes Pensum abarbeiten müssen. Aber auch die Putzfrau kann unter Leistungsdruck geraten, wenn der Kolonnen-Chef immer größere Tagesziele vorgibt.

Wann beginnt das Streben nach Erfolg?

Schon im frühen Kindesalter. Denn das gesellschaftlich vorgegebene Effizienzdiktat hat unser Leben insgeheim radikal verändert: In den Kindergärten gibt es weniger Spielsphäre, sondern immer mehr schulische Elemente und auch die Schulzeit wurde auf acht Jahre verdichtet.

Wir geben den Jugendlichen heute nicht mehr die Zeit, in der sie sich selbst verstehen und mit Lebens-, Liebens- und Wohnformen experimentieren. Wir haben es mit einer Jugend zu tun, die durch die verkürzte Schulzeit gepresst wird, direkt in einen verschulten Studiengang einsteigt und nach vier Semestern den Bachelor haben muss. Wir haben also Leute, die mit Anfang 20 auf den Arbeitsmarkt kommen und noch nicht einmal die Zeit hatten, sich unglücklich zu verlieben.

In anderen Ländern ist das Schulsystem aber ähnlich.

Bei der Veränderung der deutschen Schullandschaft wurden aber die Fähigkeiten der Deutschen verkannt. Wir können Aufgaben nicht nur effizient abarbeiten. Deutschland ist auch das Land der Dichter, Denker und Träumer – das Land mit den meisten Patenten. Wir zeichnen uns durch eine große Kreativität und Erfindungsreichtum aus. Aber Kreativität wächst nicht im Hamsterrad, sondern in Pausen und ungeplanten Zeiten. Die Kreativitätsnischen, die wir hatten, betonieren wir dadurch zu.

In Ihrem Buch "Die erschöpfte Gesellschaft" fordern Sie dazu auf, den Lebenssinn neu zu entdecken. Wie soll das gehen?


Grundsätzlich haben wir einen ritualisierten Ausstieg aus dem Leistungsdruck, wenn wir abends ins Bett gehen. Die nächtlichen Träume sind eine Art Korrektiv. Wir sind dann in der besinnungsvollen Unbetriebsamkeit. Unsere Träume führen uns vor Augen, was unsere eigentlichen Lebensziele, Sehnsüchte und Wünsche sind.

Wenn wir nach dem Aufstehen nicht direkt wieder aufs Smartphone starren, dann sind wir noch in einer sehr kreativen Sphäre, die uns nicht nur Ideen beschert, sondern uns auch klar macht, wie es uns geht und dass wir vielleicht mal wieder einen guten alten Freund anrufen müssten.

Also setzt uns die Digitalisierung noch mehr unter Leistungsdruck?

Die Digitalisierung ist ja per se nicht schlecht. Nur wenn wir uns zum Büttel des technischen Fortschritts machen – indem wir uns beispielsweise verpflichtet sehen, jede Mail innerhalb von 30 Minuten zu beantworten, dann können wir die Dinge nicht mehr überschlafen. Aber wenn wir gewissen Dingen Zeit geben, treffen wir meistens die bessere Wahl. Wir entscheiden oft zu schnell und müssen dann korrigieren und zurückrudern. Das ist unterm Strich viel aufwendiger, als wenn die Entscheidung vorher einmal reiflich überlegt worden wäre.

Aber ist es überhaupt möglich, in einer unter Leistungsdruck stehenden Gesellschaft einen Gang zurück zu schalten?

Ich plädiere ja nicht dafür, dass man aus dieser Gesellschaft vollkommen aussteigt, sondern dass man Phasen der Reflexion hat. Bei wichtigen Entscheidungen sollte man sich unbedingt die Freiheit nehmen. Denn genau das macht uns letzten Endes auch erfolgreicher. Denn der Erfolg entwächst nicht dem Schnellschuss, sondern der bedachten Strategie.

Und wie entwickeln wir diese Strategie?

Durch die Doppelbegabung, welche die Deutschen haben: Wir waren einerseits Weltmeister im Wegarbeiten. Andererseits hatten wir Deutschen immer unsere Refugien – den Schrebergarten, die Laube, den Hobbykeller, wo wir zweckfrei schöpferisch werden konnten. Wir sollten die Refugien erhalten, um auch während der Arbeit leistungsfähig zu bleiben und unsere Schöpferkraft zu erhalten.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Mehrheit der Deutschen sich plötzlich in ihren Schrebergarten oder Hobbykeller zurückzieht.

Das stimmt. Im Moment funktioniert die Gesellschaft trotz Leistungsdruck. Die Frage ist, ob wir nicht irgendwann den Kreativitäts-Burn-out erleben. Wir zehren momentan von der Substanz. Neben dem Effizienzdiktat ist es aber wichtig, neu zu träumen. Wenn wir diese Zeit zum Träumen haben, sind wir erfindungsreich.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 06.04.2017

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