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Angestellte und Manager stehen unter immer größerem Druck
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Führungskräfte unter Druck

Ist Coaching jetzt nur Hokuspokus?

Teil 2: Stressabbau durch Entspannung

Ich soll mir vorstellen, wie der Stress der letzten Tage von meinem Kopf durch meine Arme in meine Hände fließt? Kein Problem. Probleme mit Kollegen und Vorgesetzten? Ab in die Hände damit. Peinliches aus Jugend und Kindheit? Raus aus dem Kopf und hinein in die Hände.

Der Skeptiker in mir ist viel zu entspannt, um "Unfug" zu denken. Wird schon stimmen, die Sache mit den Händen. Und kribbelt da nicht etwas, als fließe tatsächlich etwas in die Finger hinein?

Uhlig ermuntert mich, meine Hände nach oben zu drehen und den ganzen Stress, der sich in ihnen gesammelt hat, hinaus fließen zu lassen. Und auch hier hat das ungläubige Männchen in meinem Kopf Pause. Tatsächlich habe ich das Bedürfnis, genau das zu tun, was Uhlig sagt und meine Hände zu drehen, damit der ganze Ärger, der sich darin gesammelt hat, ablaufen kann. Währenddessen fühle ich mich wohl und entspannt. Dass der Teil meiner Person, der derartiges mehr als albern findet, Urlaub macht, stört mich nicht.

Ich lasse den Stress aus meinen Händen entweichen und fühle mich gut dabei.

Uhlig sagt mir, ich sei eine starke Persönlichkeit, die sich in den nächsten Tagen und Wochen voller Motivation an die Arbeit machen werde. Dass ich mich nicht über Kollegen ärgern würde und morgens motiviert und Energie geladen aufstehen würde. In der Regel klammere ich mich beim Klingeln des Weckers protestierend an der Matratze fest – "ich will nicht aufstehen" – und kämpfe um jede Sekunde, die ich im Bett bleiben kann. Motivation vor dem ersten Kaffee? Fehlanzeige.

Die innere Ausgeglichenheit hat ihren Preis 

Trotzdem klingt das, was Uhlig mir hier in der Vorstandsetage der UBS über den Dächern von Frankfurt erzählt, völlig logisch: Montag werde ich motiviert und sprühend vor Kreativität aufstehen und an die Arbeit gehen. Was denn sonst? Was auf meiner To-do-Liste liegt, erledige ich mit Links – und Spaß dabei. Ich werde mich nicht ärgern. Davon bin ich überzeugt.

Uhlig sagt mir, sie werde jetzt bis fünf zählen und dann soll ich bitte wieder mental in den Raum Bellini zurückkehren. Schade eigentlich. Ich soll meine Beine ausschütteln und in die Hände klatschen, bevor ich die Augen öffne. Ich fühle mich, als wäre ich gerade aus einem tiefen Mittagsschlaf geweckt. Ich bin erfrischt, aber noch ein bisschen duselig im Kopf. Es ist kein unangenehmes Gefühl. Gedauert hat dieses Blockaden lösen 25 Minuten. Angefühlt hat es sich wie fünf. Echte Klienten werden eine bis anderthalb Stunden hypnotisiert. Die Suggestion soll schließlich greifen.

Das durchschnittliche Stundenhonorar eines Coaches lag in Deutschland im Jahr 2015 bei 168 Euro. Nebenberufliche Coaches verlangen im Mittel 120 Euro pro Stunde, Freiberufler 178 Euro und institutionelle Anbieter 226 Euro, wie aus der Studie "Weiterbildungsszene Deutschland 2016" hervorgeht. Uhlig liegt mit ihren Preisen pro Stunde innerhalb dieser Spanne. Je nach gebuchtem Paket zahlen die Kunden für eine Coachingstunde ab 160 Euro aufwärts.

Aber funktioniert es auch? Zumindest ist die Autorin dieses Textes sowohl Montag, Dienstag als auch Mittwoch und Donnerstag ohne Zetern aus dem Bett gekommen und hatte selbst am Montag auch ganz ohne Kaffee den ganzen Tag über gute Laune. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag wieder: gute Laune trotz verspätetem Zug, konzentriertes Durcharbeiten, kein Stress. Donnerstagmorgen pfeifend vom Düsseldorfer Hauptbahnhof ins Büro gelaufen – obwohl einiges auf der To-do-Liste steht. Allerdings gab es außer am Montag jeweils eine Tasse "Hallo wach" aus der Redaktionskaffeekanne – alte Gewohnheiten lassen sich eben nicht in 25 Minuten austreiben.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 23.03.2017

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