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Menschen, die krank zur Arbeit gehen, machen statistisch nachweisbar mehr teure Fehler
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Krank im Büro

Die Kollegen fiebern mit

Rebecca Welsch, wiwo.de
Fast jeder zweite Deutsche geht auch zur Arbeit, wenn er sich krank fühlt. Denn viele Mitarbeiter haben Angst, ihre Kollegen zu überlasten. Warum zu viel Pflichtbewusstsein kontraproduktiv ist.
Eine Erkältung, erhöhte Temperatur oder Kopfschmerzen – es gibt viele Menschen, die trotz dieser Krankheiten zur Arbeit gehen. Das Marktforschungsinstituts GfK befragte für das Patientenmagazin "Hausarzt" 600 Arbeitnehmer, ob sie ab und zu auch krank arbeiten. Das Ergebnis: 46,2 Prozent der Befragten gaben an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten nicht konsequent zu Hause geblieben waren, obwohl sie unter einer Krankheit litten oder sich krank fühlten.

Zwar gaben etwa ein Drittel der Teilnehmer in der Umfrage an, sich im vergangenen Jahr kein einziges Mal krank gefühlt zu haben. Aber es gab auch genug Menschen, welche durchaus mehrfach krank zu ihrer Arbeit gegangen waren.

Jeder zehnte Teilnehmende der Umfrage ging an einem bis drei Tagen gesundheitlich beeinträchtigt zu seiner Arbeit. Weitere zehn Prozent der befragten Menschen gaben an, im vergangenen Jahr vier bis fünf Tagen krank zur Arbeit gegangen zu sein. Und 13 Prozent der Befragten gingen trotz einer Krankheit an sechs bis zehn Tagen zu ihrer Arbeitsstelle. Zwölf Prozent der Menschen gingen sogar an mehr als zehn Tagen trotz einer Erkrankung zur Arbeit. Nur jeder fünfte Befragte blieb immer zu Hause, wenn er krank war.

Verantwortung den Kollegen gegenüber

Anwesenheit am Arbeitsplatz, obwohl der Arbeitnehmer krank ist und mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Arzt krankgeschrieben würde, bezeichnet man als Präsentismus. Doch was bewegt Beschäftigte dazu, krank zur Arbeit zu gehen? "Präsentismus entsteht vor allem durch Verantwortungsbewusstsein den anderen Kollegen gegenüber", sagt Gesundheitspsychologe Tim Hagemann von der Fachhochschule der Diakonie. Vor allem in kleinen Teams in den sozialen Berufsfeldern seien einzelne Mitarbeiter kaum ersetzbar.

Das könnte auch erklären, dass das krank zur Arbeit zu gehen unter Frauen weiter verbreitet ist als unter Männern. Von den befragten Frauen gingen etwa 50 Prozent krank zur Arbeit. Unter den teilnehmenden Männern war die ermittelte Quote geringer. Sie lag bei 43 Prozent. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: "Frauen arbeiten rein statistisch häufiger in sozialen Berufen als Männer", sagt Hagemann. Deshalb hätten sie meist mehr soziale Verantwortung ihren Kollegen gegenüber: "Kurzfristig eine Kita-Betreuerin zu ersetzen ist wesentlich schwieriger, als auf einen Mitarbeiter in einer Produktionsfirma zu verzichten", meint Hagemann.

Pflichtbewusstsein schadet

Doch auch Angst um den Arbeitsplatz sei ein Grund für Mitarbeiter, krank zur Arbeit zu kommen. Das falle besonders auf, wenn die gesamtwirtschaftliche Situation schlecht sei: "Viele Mitarbeiter fürchten, zuerst entlassen zu werden, wenn es dem Betrieb schlecht geht, deshalb arbeiten sie auch trotz Krankheit", sagt Hagemann. Ein weiterer Grund, krank zu arbeiten, sei der interne Betriebsdruck durch den Chef, aber auch durch andere Kollegen. Wenn Menschen krank zur Arbeit gehen, kann dies zu negativen gesundheitlichen Auswirkungen für die betroffene Person selber und auch für die anderen Mitarbeiter führen. Denn kranke Arbeitnehmer schaden mit ihrem Pflichtbewusstsein ihrer Firma nachweislich mehr, als sie ihr nützen.

Die Unternehmensberatung Booz & Company hat sich schon vor einiger Zeit des Themas Präsentismus angenommen. Nach ihren Berechnungen entstehen zwei Drittel der Krankheitskosten in den Unternehmen durch die Präsenz von kranken Mitarbeitern. Im Schnitt haben die Unternehmen pro Mitarbeiter im Jahr 1.199 Euro Verlust durch Fehlzeiten. Demgegenüber belaufen sich die Kosten, wenn der Kranke ins Büro kommt, auf 2.399 Euro. Ein kranker Mitarbeiter im Büro kostet den Arbeitgeber also rund doppelt so viel wie einer, der sich zuhause auskuriert.

Das liegt daran, dass Menschen, die krank zur Arbeit gehen, statistisch nachweisbar mehr teure Fehler machen. Ihre Konzentration lässt schneller als gewöhnlich nach, die Arbeit dauert länger und die Arbeitsergebnisse sind oftmals schlechter als normalerweise. Aber auch das Risiko, andere Kollegen mit der Krankheit anzustecken, steigt erheblich. Zudem hat das Arbeiten gesundheitliche Folgen für den Betroffenen: Eine nicht auskurierte Krankheit kann chronisch werden oder im schlimmsten Fall sogar zum Burnout führen. Deshalb ist es fürs Unternehmen grundsätzlich besser, wenn der Mitarbeiter zuhause bleibt und schnellstmöglich gesund wird.

Unternehmen müssen die Fürsorgepflicht ernst nehmen

Auch arbeitsrechtlich kann das Arbeiten trotz Krankheit Konsequenzen haben – allerdings für den Chef. Denn dieser hat eine Fürsorgepflicht für seine Mitarbeiter. Wenn die Gefahr besteht, dass sich die Krankheit intern ausweitet und andere Kollegen angesteckt werden, muss der Arbeitgeber ihm das Arbeiten verbieten. Der Angestellte muss nach Hause geschickt werden – auch wenn er selbst arbeiten möchte.

Damit es aber gar nicht erst dazu kommt, dass kranke Mitarbeiter am Arbeitsplatz erscheinen, können Firmen vorsorgen: "Die Unternehmen müssen eine Sensibilität für das Thema Präsentismus entwickeln und erkennen, dass kranke Mitarbeiter dem Betrieb zwar kurzfristig helfen, aber langfristig zu ihrem Nachteil sind", sagt Hagemann. Auch wenn das Thema wissenschaftlich recht gut erforscht sei, würden Unternehmen zu wenig auf das Phänomen reagieren. "Am besten ist es natürlich, wenn sich das Unternehmen präventiv auf Krankheitsfälle vorbereiten kann, etwa durch genug Personalpuffer", sagt Hagemann. Wenn der Mitarbeiter das Gefühl bekäme, ausreichend vertreten zu werden, würde er eher zuhause bleiben. Das sei aber leider nicht in jedem Betrieb möglich.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 13.10.2017

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