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Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch
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Produktivität im Job

Chefs unterschätzen Depressionen

Teil 2: Arbeitsrhythmus beibehalten, Arbeitspensum senken

"Ich kann durch Stressmanagement und sonstige Wellbeing-Maßnahmen sehr viel für das Wohlbefinden tun, aber ob dadurch das Auftreten von Depressionen verhindert werden kann, das würde ich in Frage stellen. Hier werden manchmal naive Versprechungen gemacht".

Was nicht heißt, dass Kurse zur Stressreduktion nichts bringen, aber gegen eine Stoffwechselstörung im Gehirn – was eine Depression nun mal ist – helfen sie nicht. Betroffene brauchen eine Therapie. Die bekommt aber nur eine Minderheit. Oftmals müssen Patienten lange Wartezeiten überbrücken, bis sie einen Termin beim Facharzt oder Psychotherapeuten erhalten und eine adäquate Behandlung erfahren, wie die Studie zeigt.

Bis zum Therapiebeginn müssen viele im Job noch funktionieren. "Besteht ein vertrauensvolles Verhältnis zu Kollegen und Arbeitgebern, dann lassen sich manchmal Arrangements treffen, zum Beispiel kann der Betroffene weiter im Arbeitsrhythmus bleiben, das Arbeitspensum wird aber deutlich reduziert. Bei leichteren Depressionen ist das oft besser, als grübelnd zu Hause im Bett zu liegen", sagt Hegerl. Aber dafür müssten Betroffene ihre Situation ansprechen, wenn der Vorgesetzte es nicht selbst bemerkt.

Auf Schichtdienste verzichten – um Rückfällen vorzubeugen

Gleiches gilt, wenn eine Depression überwunden ist und es darum geht, Rückfälle zu vermeiden. Hier empfehlen Experten, Schichtdienste und den häufigen Wechsel von Früh- auf Nachtschichten zu vermeiden. "Ein regelmäßiger Schlafrhythmus hilft häufig, um gesund zu bleiben", sagt Hegerl. Dass sich Arbeitgeber darauf einlassen müssen – so es andere Einsatzmöglichkeiten gibt – hat das Bundesarbeitsgericht in Erfurt bereits 2014 entschieden. Im konkreten Fall ging es um eine Krankenschwester aus Potsdam. Sie konnte wegen einer Depression keine Nachtdienste mehr leisten. Die Klinik erklärte sie deswegen 2012 für arbeitsunfähig.

Die Krankenschwester verlangte dagegen, ohne Nachtschichten weiterarbeiten zu können – und bekam Recht. "Die Klägerin ist weder arbeitsunfähig krank, noch ist ihr die Arbeitsleistung unmöglich geworden", hieß es im Urteil. Sie könne alle Tätigkeiten einer Krankenschwester ausführen. Der Arbeitgeber müsse deshalb bei der Schichteinteilung auf das gesundheitliche Defizit der Klägerin Rücksicht nehmen.

Hegerl möchte trotzdem nicht zwangsläufig dazu raten, die Diagnose Depression offenzulegen. Das solle sich jeder Betroffene sehr gründlich überlegen – wegen möglicher beruflicher Nachteile und weil man auch auf Unverständnis stoßen kann. Er sagt: "Dem Arbeitgeber gehen meine Diagnosen zunächst mal nichts an. Das gilt für Depressionen genauso wie für Migräne".

Diagnose muss nicht offengelegt werden 

"Ich würde mir wünschen, dass es für Depressionen ebenso Handlungsleitfäden für Personalverantwortliche gibt wie für Alkoholprobleme", so der Experte. "Wenn einer morgens mit Fahne zur Arbeit kommt, wird er darauf angesprochen. Wenn er wiederholt weinend vor dem Computer sitzt und nicht mehr in die Mensa geht, dann wissen die Vorgesetzten meist nicht, was sie tun sollen. Das muss sich ändern." Denn die Menschen brauchen rasche Hilfe. Wer eine Veränderung an Kollegen oder Angestellten bemerkt, die Symptom einer Depression sein könnte, sollte also nicht wochenlang tatenlos zusehen.

"Es ist doch selbstverständlich, hinzugehen und zu sagen: 'Ich mache mir Sorgen um Sie. Sie wirken verzweifelt, und Ihre Leistung hat auch nachgelassen. Ich würde gerne mit Ihnen sprechen. Vielleicht kann ich helfen'", sagt Hegerl. Klar, wenn das Verhältnis nicht stimme, werde der Betroffene darauf nicht eingehen.

Auch Jurist Möller hat lange keine Hilfe zugelassen und sich gegen das vermeintliche Stigma Depression gewehrt. Selbst die Experten waren sich uneins. Sein Hausarzt vermutete Sauerstoffmangel im Schlaf. Eine Psychologin stellte nach zehn Sitzungen die Diagnose Partnerschaftsproblem. Es dauerte ein Jahr, bis Möller aus eigenem Antrieb Hilfe bei einem Psychiater suchte und die Diagnose mittelschwere Depression erhielt. Bis dahin sprach er selbst nur von einer "Schwächephase". So wie insgesamt 17,6 Prozent der Betroffenen die Schuld bei sich suchen.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 01.12.2017

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