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Psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch
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Produktivität im Job

Chefs unterschätzen Depressionen

Kerstin Dämon, wiwo.de
Jeder fünfte Deutsche bekommt einmal im Leben eine Depression. Für Unternehmen ist das ein gewaltiger Kostenpunkt, weil Mitarbeiter lange ausfallen.
Sven Möller (Name geändert) zahlte eine horrende Büromiete, ging aber nie in seine Kanzlei. Er konnte nicht schlafen, stand morgens um vier Uhr auf. In drei Monaten verlor er fast zehn Kilo Gewicht. Jeder Nachfrage oder Berührung durch seine Frau wich er aus. "Warten Sie drei Monate, dann wird das besser. Bei dem Wetter ist doch jeder mies drauf", sagte sein Arzt.

So denken viele Deutsche, wie die Studie "Volkskrankheit Depression – So denkt Deutschland" der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zeigt. Insgesamt erkranken jedes Jahr in Deutschland etwa 5,3 Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression.

Alleine kann man mit der Krankheit nicht klarkommen

Trotzdem haben viele Menschen keine Ahnung, wie sie mit Betroffenen umgehen sollen. Von den rund 2000 Teilnehmern an der Umfrage glaubten fast 80 Prozent, dass ein Urlaub ein geeignetes Mittel gegen Depression sei. Rund jeder Fünfte sagte, dass "Schokolade essen" gegen Depressionen helfe (18 Prozent), 19 Prozent sagten, die Betroffenen sollten sich eben zusammenreißen.

Oft treffen Depressionen Menschen, die als Gesunde sehr verantwortungsbewusst und leistungsorientiert sind. Die Veränderungen der Persönlichkeit stellen Mitmenschen deshalb vor ein besonders großes Rätsel. Sätze wie: "Nun reiß' dich mal zusammen" bewirken nur noch größere Verzweiflung der Betroffenen.

"Bei einer schweren Depression kann sich auch der disziplinierteste Mensch nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen", sagt Ulrich Hegerl. Er ist Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Erst Abstellgleis, dann Auflösungsvertrag

Trotzdem versuchen viele, allein mit der Krankheit klarzukommen: 37 Prozent quälen sich noch zur Arbeit, obwohl sie längst beim Therapeuten sitzen sollten. Auch Johanna Weimer (Name geändert) hat sich zusammengerissen. Drei Jahre lang. Dann ging sie für ein paar Wochen in eine Klinik.

Als die Werbekauffrau in ihren Job zurückkehrte, hatte ihr Chef bereits Ersatz für sie gefunden. Weimer bekam erst einen Arbeitsplatz im Abstellzimmer, dann einen Auflösungsvertrag. Hegerl überrascht das nicht. "Bei Menschen, die einem sehr nahe und wichtig sind, ist es meist ratsam, mit der Erkrankung offen umzugehen. Gegenüber dem Arbeitgeber sollte man sich das immer gut überlegen", sagt er. Wie auch bei anderen schweren Erkrankungen könnte es sich negativ auf die Karriere auswirken, wenn der Arbeitgeber davon weiß.

Aufklärungsbedarf bei den Führungskräften

Doch es ist eben nicht nur die Angst der Chefs, dass Menschen wie Weimer regelmäßig ausfallen könnten. Viele verwechselten eine Depression immer noch mit "schlecht drauf sein", wie die Studie zeigt. 53,3 Prozent der Befragten glauben, dass Depressionen auf falsche Lebensführung zurückzuführen seien – Betroffene sind in ihren Augen also selbst schuld. 31,1 Prozent stimmen gar der Aussage zu: "Depressionen sind ein Zeichen von Charakterschwäche"

"Es wird deutlich, dass noch ein großer Aufklärungsbedarf besteht", bestätigt Christian Gravert, Projektleiter Psychische Gesundheit bei der Deutsche Bahn Stiftung und Leitender Konzernbetriebsarzt der Deutsche Bahn. Denn egal, ob stressiger oder gar kein Job, glückliche Familie oder frisch getrennt – eine Depression kann jeder bekommen. Jeden Fünften trifft es mindestens einmal im Leben. Fast jede dritte Berufsunfähigkeit entfällt derzeit auf psychische Erkrankungen.

Gesundheitsangebote anpassen

Auch bei den Krankschreibungen sind psychische Erkrankungen auf dem Weg, Rückenprobleme abzulösen. Laut dem aktuellen BKK Gesundheitsreport sind sie die dritthäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibung. 2017 kamen auf 100 Arbeitnehmer 237 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen zusammen; im Schnitt 36 Tage pro Fall. "Größere Unternehmen wissen, dass sie etwas tun müssen, weil psychische Erkrankungen ein riesiger Kostenfaktor sind", sagt Hegerl.

Allein die direkten Krankheitskosten für psychische Erkrankungen betragen knapp 16 Milliarden Euro pro Jahr. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schätzt, dass diese Kosten bis zum Jahr 2030 auf rund 32 Milliarden Euro ansteigen könnten. Dabei ist der noch größere Anteil an indirekten Kosten – geringere Produktivität und vorzeitige Verrentung – noch gar nicht berücksichtigt.

Das Problem ist aus Hegerls Sicht, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern zwar Rückengymnastik, Stresscoachings und Yoga anbieten können, das aber gegen Depression weder hilft, noch sie verhindert. "Man muss immer unterscheiden zwischen Befindlichkeitsstörungen und der Krankheit Depression", sagt er.

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