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Wirtschaft

Gesucht: Quereinsteiger mit Fachwissen

S. Kammler, S. Hergert
Quereinsteiger hatten es nie leicht in der Wirtschaft. Jetzt aber suchen Unternehmen Philosophen, Soziologen oder Absolventen mit Sprachkenntnissen. Vorausgesetzt sie sind lernbereit und setzen ihr Fachwissen gezielt ein.
Vom Germanistik-Student zum Top-ManagerFoto: © Wieslaw Smetek
Lehrerin, das ist ihr Traumberuf, schon als Kind unterrichtet Ines Funke ihre Plüschtiere. Auch Jahre später, an der Uni, glaubt sie, ihre Bestimmung gefunden zu haben. Sie studiert Germanistik und Musik auf Lehramt und geht an die Schule. Doch eineinhalb Jahre reichen, um ihr die Illusion zu nehmen. Sie sieht kaum Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Funkes Konsequenz: der Seitensprung in die Wirtschaft. Sie steigt aus und fängt als Trainee bei der Allianz an.Zehn Jahre ist das her, und bereut hat die 36-Jährige den Wechsel ins Versicherungsgeschäft nicht. Sie leitet eine Filiale in Dessau und ist für mehr als 180 Mitarbeiter und Selbstständige zuständig. Was sie einst im Studium gelernt hat, kann sie auch heute noch anwenden. "Der pädagogische und psychologische Teil meiner Ausbildung hilft mir insbesondere bei der Arbeit im Personalbereich. Ich gehe da anders heran als ein Wirtschaftswissenschaftler."

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So leicht wie Ines Funke haben es Quereinsteiger in Deutschland nicht immer. Eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unter großen Unternehmen ergab, dass nur zwei Drittel der befragten Firmen Geisteswissenschaftler beschäftigen. Doch die Studie zeigt auch, dass viele Unternehmen ihnen gegenüber aufgeschlossener geworden sind. Wer etwas anderes als BWL und VWL studiert hat, hat während seiner Zeit an der Uni oft eine andere Methodik kennengelernt - und mit der kann er sich schnell in fremde Themen einarbeiten. Im Vorstellungsgespräch sollten Geisteswissenschaftler diese Kenntnisse in den Mittelpunkt rücken, sagt Frank Walzel, der Politik und Geschichte auf Magister studiert hat, heute bei der Personalberatung Heidrick & Struggles arbeitet und das Blog Unternehmensgeist.de betreibt. "Wenn jemand nur sagt, er hat Geisteswissenschaften studiert, weil ihn das von Grund auf interessiert hat, ist das der falsche Ansatz."Den typischen Quereinsteiger gibt es allerdings nicht, daher sind beispielhafte Biografien kaum allgemein gültig. Da ist der Arzt, der lieber Unternehmen berät, der Sozialwissenschaftler, der auf einem Ingenieurposten landet oder eben die Lehrerin, die sich heute nicht mehr um Lehrpläne kümmert, sondern um Mitarbeiter und Versicherungen. Angst vor der Herausforderung, sich in der Wirtschaft durchzusetzen, hatte Ines Funke nicht. Sie sieht es pragmatisch: "Als Lehrerin habe ich Schüler für Literatur und Musik begeistert, heute begeistere ich meine Mitarbeiter für das Versicherungsgeschäft."Diagnose fürs UnternehmenGrundsätzlich gilt: Quereinsteiger müssen Unternehmen einen Mehrwert liefern. "Sie werden nicht wegen irgendeiner allgemeinen Querschnittsqualifikation eingestellt, sondern weil sie aus dem anderen Fach spezifische Spezialqualifikation mitbringen", sagt Christian Scholz, BWL-Professor an der Uni Saarbrücken. Wer beispielsweise Medizin studiert hat, überträgt die Herangehensweise an Patienten auf Projekte. "Ich denke über Unternehmen ähnlich nach wie über Patienten", sagt die Medizinerin Anne Schnieber, die heute für McKinsey tätig ist. "Ich analysiere, stelle eine Diagnose und entwickle schließlich eine Therapie." Daher ist Schnieber in der Beratung keine Exotin. Ihre Kunden kommen größtenteils aus dem Gesundheitswesen - da kann sie zusätzlich mit ihrem Fachwissen punkten.Das gilt auch für Julia Wasilke, 29. Die promovierte Chemikerin kam vor drei Jahren zur Boston Consulting Group (BCG) und kann mit ihren Kunden aus der Chemie-Branche "auf Molekülbasis diskutieren". Und wenn sie eine Bank betreut und Fachfragen zu einem Derivat hat, bittet sie einen BCG-Experten um Rat. Ebenso kommen auch die Kollegen auf sie zu, wenn sie mehr über die chemische Zusammensetzung eines Agrarproduktes wissen müssen, sagt Wasilke. Dass sie oft einen anderen Ansatz verfolgt als ihre Kollegen, die Wirtschaft studiert haben, ist ihr Vorteil.In angelsächsischen Ländern hat diese Zusammenarbeit eine längere Tradition als in Deutschland. Hier werde es Quereinsteigern immer noch schwerer gemacht als zum Beispiel in Amerika, sagt Bernd Süßmuth, Seniorberater der Human Capital Group bei Watson Wyatt Heissmann. "Dort fangen viele Studenten direkt nach dem Bachelor an zu arbeiten." Der Bachelor wird als Berufsbefähigung gesehen, er ist der erste Schritt in den Beruf. Den Rest lernt man "on the Job". "Viele Akademiker arbeiten erst mal drei oder vier Jahre, um Geld für das Master-Studium zu verdienen", sagt Süßmuth.Hierzulande zählten die Beratungsfirmen in den 60er- und 70er-Jahren zu den ersten Firmen, die auch auf Absolventen anderer Fachrichtungen setzten. Mittlerweile haben die Exoten die BWLer eingeholt. "Bei uns hat die Hälfte unserer Mitarbeiter keinen wirtschaftswissenschaftlichen Hintergrund. Wir rekrutieren Quereinsteiger, um die Vielfalt unserer Teams zu erhöhen. Es ist also keine Notlösung, sondern bewusste Strategie", sagt Thomas Fritz, der das Recruiting bei McKinsey verantwortet. Auch Just Schürmann, Recruitingchef von BCG, sagt: "Physiker zum Beispiel lernen in komplexen physikalischen Modellen zu denken, ähnlich wie Ökonomen es bei wirtschaftlichen Fragestellungen tun."Einfacher als Ökonomen haben sie es beim Einstieg trotzdem nicht. Sehr gute Noten und Auslandserfahrung sind Pflicht, Wirtschaftswissen dagegen nicht. "Es ist erstaunlich, wie schnell die Exoten sich wirtschaftswissenschaftliche Kenntnisse aneignen", sagt Diana Eid, Recruitingchefin bei Bain & Company. Viele Beratungsunternehmen bieten die Möglichkeit, sich nach ein, zwei Jahren durch einen MBA weiterzuqualifizieren, und sie veranstalten Workshops, zu denen sie Stipendiaten von Studienstiftungen einladen. Max Gärtner, 26, hat so über die Studienstiftung des Deutschen Volkes Unternehmensberatungen als Arbeitgeber kennengelernt. Heute ist er Berater bei Bain & Company.Interkulturelle KompetenzZu dem spezifischen Wissen, mit dem Quereinsteiger punkten, zählt auch ihre interkulturelle Kompetenz. Die IW-Umfrage zeigt, dass rund ein Drittel bis knapp die Hälfte der befragten Unternehmen den interkulturellen Beitrag der Geisteswissenschaftler als relevant für den Erfolg ihres Unternehmens einschätzen. Wer also etwa weiß, wie man mit asiatischen Geschäftspartnern verhandelt, sollte dies im Vorstellungsgespräch erwähnen. Firmen, die bereits Geisteswissenschaftler im Team haben, bewerten deren Beiträge zum Erfolg wesentlich höher ein als Unternehmen, die keine beschäftigen. "Die interkulturelle Kompetenz und die Sprachenkenntnisse sind bei Geisteswissenschaftlern sehr ausgeprägt", sagt Georg Johann Bachmaier, Leiter Recruiting für Deutschland bei der Deutschen Bank. Sehr stark sei auch ihre internationale Erfahrung.

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