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Wenn Gehälter aus dem Ruder liefen, sei das kein Fehler im System, sondern menschliches Versagen.
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Konstruierte Vergütung

Vorstandsgehälter im Visier

Teil 2: Aufsichtsräte sollten das System auch verstehen

Das müssen sie aber. Da der Aufsichtsrat rechtlich für die Vorstandsvergütung verantwortlich ist, haftet er bei Fehlern. Schaltet er Experten ein, sichert er sich gegen Klagen von Aktionären oder den Vorwurf der Untreue ab. Kaum ein größeres Unternehmen verzichtet heute deshalb noch auf Berater. "Hier hat der Gesetzgeber selbst einen Markt geschaffen", sagt Theisen.

Dabei ist der Einsatz der Experten noch keine Garantie dafür, dass alles rund läuft. So hatte die Deutsche Börse ein Regelwerk entwickelt, das ihrem Chef Carsten Kengeter einen Millionenbonus verschaffte. Da er dabei womöglich Aktien kaufte, während er bereits die Fusion mit der Londoner Börse plante, ermitteln Staatsanwälte. Das System der Deutschen Bank fiel 2016 bei den Aktionären glatt durch.

Für Berater Uder sind das Einzelfälle. "Wir hinterfragen Vergütungsmodelle kritisch und nehmen umfassende Analysen vor", sagt er. Dafür zögen die Berater Daten aus bis zu 20 Unternehmen heran, verglichen sie und unterstützten dann den Aufsichtsrat dabei, auf dieser Grundlage eine angemessene Spannbreite für die Entlohnung des Vorstands festzulegen. "Bei den gesetzlichen Vorgaben gibt es Spielraum, den der Aufsichtsrat nutzen kann, um die Interessen der Eigentümer wahrzunehmen. Den nutzen wir natürlich für unsere Kunden", sagt Uder.

Aber profitiert davon am Ende nicht doch vor allem die Unternehmensspitze?


Berater dürfen laut Gesetz nur für den Vorstand oder nur für den Aufsichtsrat arbeiten, der über die Vorstandsvergütung entscheidet. Für eine klare Trennung der Interessen reicht das nicht. "Im Ergebnis bezahlt der Vorstand selbst die Experten, die seine nachhaltige und hochkomplexe Vergütung entwickeln und in immer kompliziertere Vertragswerke stecken", sagt Experte Theisen. Der Aufsichtsrat hat kein eigenes Budget, um die Berater wirklich unabhängig zu bestellen, zu bezahlen und zu instruieren. Aus dieser Schieflage resultieren für Theisen die teilweise übertriebenen Vergütungen.

Investoren wollen mehr Licht ins halbdunkle Wirken der Berater bringen. So fordert etwa der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock, dass Unternehmen offenlegen, wen sie warum beschäftigen und wie viel sie wofür zahlen. "Mehr Transparenz", so heißt es in der Empfehlung des Fondsriesen, "wird helfen, die Kompetenzen der Berater einzuschätzen und Interessenkonflikte zu vermeiden." Bisher ist das nur ein frommer Wunsch.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 06.04.2017