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Die Gehälter von Frauen und Männern fallen recht unterschiedlich aus. Daran muss gearbeitet werden.
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Gehältervergleich

Tiefe Kluft zwischen Frauen und Männern

Nora Schareika wiwo.de
Frauen verdienen weniger als Männer, in Deutschland ist der Unterschied besonders ausgeprägt. Aber wie ist die Gehaltslücke zu beziffern? Sind es 4, 7 oder 22 Prozent? Der Kampf um die Deutungshoheit ist hochideologisch.
Nach dem Weltfrauentag kommt ganz schnell der Equal Pay Day: Er markiert das Datum, an dem Frauen rechnerisch beginnen, ein Einkommen zu haben. Das erklärt sich so: Wegen des Einkommensunterschieds von rund 21 Prozent zwischen Frauen und Männern kann man rechnen: 21 Prozent von 365 Tagen sind 77 Tage. Die sind am 18. März rum – und dann beginnen Frauen knapp drei Monate nach den Männern, Geld zu verdienen.

Das Rechenspiel ist natürlich mehr PR-Gag als Realität, schließlich hatten erwerbstätige Frauen auch im Januar schon Geld auf dem Konto. Es weist aber auf eine Tatsache hin, die sich seit Jahren nicht zu ändern scheint: Frauen verdienen weniger als Männer.

Nur: Taugt die Angabe des Statistischen Bundesamtes, es seien 21 Prozent weniger? Laut einer neuen Studie des Beratungsunternehmens Price Waterhouse Coopers sind es sogar wieder 22 Prozent. Oder ist der Wert eine "Kampfzahl"? Auf dieser Basis setzte die SPD das Entgelttransparenzgesetz durch, es sollte Frauen endlich Klarheit bringen, ob und wieviel weniger sie in ihrem Unternehmen verdienen. Allein: Wegen des Widerstands der Union wurde das Gesetz derart verwässert, dass der Auskunftsanspruch und die Klagemöglichkeit nun nicht allzu viele Arbeitnehmer reizt.

Teilzeit schlägt sich nieder

Der Kampf um die Deutungshoheit über den "wahren" Einkommensunterschied ist hochideologisch. Kritiker sagen, es seien in Wahrheit "nur" knapp 7 Prozent. Dann sind Faktoren wie Teilzeit, Berufswahl und weniger Führungspositionen herausgerechnet, man spricht vom bereinigten Gender Pay Gap. 7 Prozent markieren den verbliebenen Gehaltsunterschied bei gleicher Qualifikation und Stelle – auch nicht gerade wenig.

Manche erachten auch diese Berechnung noch als falsch und halten den Einkommensunterschied mit weniger als 4 Prozent für marginal bis nicht existent. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) errechnete 2016 einen Wert von 3,8 und fügte hinzu, der Restwert enthalte vermutlich Dinge wie "persönliche Präferenzen" und individuelle Risikoneigung.

Was hat es also mit diesen Zahlen auf sich?

Wieviel Wahrheit steckt darin und wieviel Mythos? Astrid Bendiks, Münchner Rechtsanwältin, Arbeitsrechtsexpertin und Mitglied im Netzwerk Business Professional Women, will da nicht mehr diskutieren. "Der große Unterschied kommt daher, dass Frauen in frauenspezifischen, schlechter bezahlten Berufen tätig sind, länger und häufiger ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen, um Kinder zu erziehen oder Angehörige zu pflegen, und nach dieser Unterbrechung häufig in Teilzeit arbeiten."

Doch Teilzeit mit logischerweise niedrigerem Gehalt hin oder her: Die Lohnlücke sei eben Fakt, während die Gründe für Teilzeit, längere Unterbrechungen und die Wahl schlechter bezahlter Berufe struktureller Art seien. Sprich: Das Argument, Frauen wollten es doch so, zieht nicht. "45 Prozent der Frauen arbeiten Teilzeit, 3,4 Millionen in Minijobs. Das sind schon ziemlich verheerende Zahlen", sagt Bendiks.

Äpfel mit Birnen würden verglichen, wenn man behaupte, der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern betrage 21 Prozent, wehrt dagegen Wido Geis vom IW in Köln ab. "Es gibt in Deutschland viele Frauen, die in Teilzeit sind, wir haben ganz andere Berufswahlmuster als bei Männern. Das ist letztlich nicht den Unternehmen anzulasten", sagt der Sozialforscher. Gegen diese Sichtweise sprechen internationale Vergleichszahlen. So gehört Deutschland zu den OECD-Staaten mit dem höchsten Geschlechterunterschied beim Einkommen – hinter Japan, Südkorea, Estland und Chile. Belgien und Griechenland etwa warten mit 6 Prozent unbereinigtem Unterschied auf, Luxemburg nur mit 4 Prozent.

Zu viele Geringverdienerinnen

Die Strukturen, die so viele Frauen unfreiwillig zu sogenannten Zuverdienerinnen ohne eigene Karriere machen, sieht auch Wido Geis vom IW kritisch. Denn dass die Zahl der Geringverdienerinnen zu hoch ist, findet auch er. Die gesellschaftlichen Faktoren könne man aber mit "keiner Arbeitsmarktmaßnahme umkehren", sagt Geis.

Einen etwas unorthodoxen Tipp hat er für Frauen aber trotzdem: Augen auf bei der Partnerwahl. "Viele Frauen orientieren sich 'aufwärts', heiraten einen etwas älteren und besser verdienenden Mann. In so einer Konstellation kommt die Frau bei Familiengründung sehr schnell in die Position, die das Zuhausebleiben nahelegt, weil das Einkommen des Mannes einfach höher ist."

Trotz auch einer nicht unerheblichen Zahl von Paaren, die sich gleichberechtigt die Aufgaben teilen und gleichberechtigt Karriere machen, zeigen die Zahlen, dass die Realität der Masse noch eine andere ist. So nehmen fast ausschließlich Frauen eine lange Elternzeit, Männer nehmen meist nur zwei Monate, wenn auch in steigender Zahl. Darin sieht Waltraud Kratzenberg-Franke, die Koordinatorin des Equal Pay Days in Deutschland, einen Schritt in die richtige Richtung. "Es ändert sich etwas, aber langsam", sagt sie.

Care-Arbeit bleibt zu oft unberücksichtigt

Wenn Waltraud Kratzenberg-Franke Argumente hört, dass Frauen sich doch nicht auf für sie benachteiligende Konstellationen einlassen müssten, dass sie mit ihrem Partner die Arbeitsverteilung aushandeln und sich vor allem nicht auf die überkommene Aufteilung der Steuerklassen in die Kategorien 3 und 5 einlassen müssten, kommt sie in Fahrt. "Die Gründe, warum mit 21 Prozent die reale Lohnlücke abgebildet wird, liegen unter anderem an strukturellen arbeitsmarktrelevanten Merkmalen. Es reicht nicht, zu sagen: 'Geht doch Vollzeit arbeiten, dann verdient ihr auch mehr oder sucht euch direkt Berufe aus, in denen besser bezahlt wird.'"

Wichtig sei es auch, die nicht bezahlte Care-Arbeit, die zum größten Teil von Frauen geleistet werde, mit in die Betrachtung einzubeziehen. "Wer organisiert Kinder, Haushalt, Pflege von Angehörigen etc.? Und wer reduziert sein Berufstätigkeit, um diese Aufgaben zu bewältigen?"

In Berliner Szenestadtteilen mag der Hipster mit Babytrage mittlerweile zum Stadtbild gehören und die gleichberechtigtere Arbeitsteilung einer zunehmenden Zahl von Paaren symbolisieren: Die traditionellen Rollenmuster seien außerhalb davon noch stärker, als mancher denkt, mahnt Kratzenberg-Franke. Sie beeinflussten die Berufswahl, die daraus entstehende Lohnlücke setze sich wie ein Teufelskreis fort, weil sie schlechtere Einkommensperspektiven und niedrigere Erwerbsbeteiligung nach sich zieht.