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Freizeit und Work-Life-Balance sind wichtige, zusätzliche Anreize, die das Gehalt aber eben nur ergänzen
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Mysterium Gehalt

Der Lockruf des Geldes

Teil 2: Gehaltsfrage direkt im ersten Gespräch stellen

Sie ist sich sicher, dass sie heute anders entscheiden würde, auch wenn sie weiß, dass Start-ups längst nicht so hohe Gehälter zahlen können wie große Konzerne. Aber mehr als der Mindestlohn müsse drin sein, sagt sie und empfiehlt allen Jobsuchenden: selbstbewusst auftreten und für das einstehen, was einem wirklich wichtig ist, sowie anständiges Gehalt für anständige Arbeit verlangen.

Das Gehalt neu verhandeln

"Chefs, die nicht besonders gut zahlen und glauben, eine kostenlose Monatskarte fürs Fitnessstudio reiche aus, um Mitarbeiter langfristig an sich zu binden, sind unseriös", sagt sie. Mittlerweile sei sie dazu übergegangen, gleich im ersten Gespräch die Gehaltsfrage anzusprechen.

Dass diese Strategie für viele nicht ganz falsch sein dürfte, belegt die aktuelle Kienbaum-Studie – zumindest derzeit ist die lange Zeit der Bescheidenheit erst einmal vorbei. In Deutschland werden Fachkräfte gesucht, die Arbeitslosigkeit ist extrem niedrig. Selten gab es bessere Voraussetzungen, um das monetäre Entgelt neu zu verhandeln.

"Die Gehälter in Deutschland werden 2018 weiter steigen", sagt Gehaltsexperte Sebastian Pacher, Koautor der Studie. Vor allem die der Fachkräfte legen im westeuropäischen Vergleich zu: im Schnitt um 3,3 Prozent. Im westeuropäischen Durchschnitt erhöhen sich die Gehälter um 2,6 Prozent bei einer erwarteten Inflation von 1,3 bis 1,8 Prozent. Es wird eine Reallohnsteigerung für Deutschland von etwa 1,5 Prozent erwartet. Das betrifft das Topmanagement bis hin zu den Spezialisten und Fachkräften.

Der Fachkräftemangel steigert den eigenen Marktwert

Von diesem Trend können Bewerber und langjährige Mitarbeiter stark profitieren. Arbeitgeber müssen sich darauf einstellen, dass sie qualifizierten Arbeitnehmern zum Teil höhere Gehälter bieten müssen. Denn: Demografischer Wandel und eine gute Konjunktur verstärken den Mangel an erfahrenen Fachkräften. Und knappe Güter sind eben teuer. "Das Gehalt ist der Hygienefaktor, der für Stabilität und Sicherheit sorgt", bestätigt Steffen Brinkmann, Leiter Personal Deutschland beim Technologieunternehmen Continental, und formuliert es bewusst ein wenig überspitzt: Für einen symbolischen Euro würden nicht viele für den Konzern arbeiten, sei die Tätigkeit auch noch so spannend oder zukunftsweisend. Längst wissen Bewerber, was sie verlangen können, haben Gehaltstabellen gut studiert. Sie verlangen marktgerechte Bezahlung.

Es scheint ein wenig paradox. Da arbeiten in ganz Deutschland unzählige Personalabteilungen daran, Bewerbern ein bestmögliches Rundum-Paket zu schnüren – mit Dienstwagen, teuren Handys oder einem Concierge-Service. Doch was am Ende des Tages interessiert, ist der Kontostand.

Nichtsdestotrotz haben Fachkräfte zusätzlich ein großes Interesse an dem, was das Unternehmen ihnen außer einem guten Gehalt noch bieten kann. Das entscheidende Stichwort dabei lautet: "zusätzlich". Themen wie Kinderbetreuung, Wäscheservice, ein freier Tag in der Woche ... Doch ohne das passende Gehalt zählen diese Zusatzleistungen wenig.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.10.2017