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Freizeit und Work-Life-Balance sind wichtige, zusätzliche Anreize, die das Gehalt aber eben nur ergänzen
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Mysterium Gehalt

Der Lockruf des Geldes

Diana Fröhlich
Arbeitgeber, die glauben, eine teure Weiterbildung, Homeoffice und ab und zu ein Sabbatical reichen, um Fachkräfte für sich zu gewinnen, irren. Laut einer neuen Studie ist noch immer das Gehalt das zentrale Argument für den Traumjob.
"Lassen Sie uns doch bitte zunächst über mein Gehalt sprechen." Bewerber, die gleich im ersten Gespräch mit ihrem potenziellen Chef das Thema Geld offensiv ansprechen, sind wohl ein wenig direkter, vielleicht aber einfach nur ehrlicher als viele andere. Sie formulieren klar, was ihnen wirklich wichtig ist: Geld.

Warum also ausweichen, umständlich darum herumreden oder gar schweigen? Für viele Arbeitnehmer ist das, was am Ende des Monats auf dem Konto landet, das entscheidende Kriterium, einen neuen Job anzunehmen oder abzulehnen. Daher sollte im Vorstellungsgespräch die Gelegenheit wahrgenommen werden, offen über das Thema Geld zu sprechen – bevor die Chance dazu verpasst wird.

Und was ist eigentlich mit den viel zitierten weichen Faktoren wie Homeoffice, flexiblen Arbeitszeiten, dem harmonischen Umfeld oder der Chance zur Selbstverwirklichung, die Arbeitnehmer motivieren? Alles Humbug?

Ein gutes Gehalt macht einen Job erst zum Traumjob

Nun, nicht ganz. Doch laut den Ergebnissen einer aktuellen Studie, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, ist das Gehalt immer noch das zentrale Argument, das aus einem Job einen Traumjob macht. Personalverantwortliche sollten sich vor allem eine zentrale Aussage mit Textmarker anstreichen: Für jeden zweiten Befragten hat die Grundvergütung einen großen Stellenwert – nach wie vor.

Die Personal- und Managementberatung Kienbaum hat für ihre "Gehaltsentwicklungsprognose 2018" in 36 Ländern weltweit über 1 550 Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Größen befragt und neben umfangreichen Gehaltsdaten auch aussagekräftige Informationen zum Thema "New Work" und "Arbeit 4.0" erhalten. "Die monetäre Vergütung bleibt weiterhin ein elementarer Bestandteil, um Mitarbeiter langfristig an sich zu binden", sagt Markus Gunnesch, der bei Kienbaum die Studie betreut. Freizeit und Work-Life-Balance sind wichtige, zusätzliche Anreize, die das Gehalt aber eben nur ergänzen.

Ist die monetäre Vergütung tatsächlich wichtiger als die Möglichkeit, regelmäßig am heimischen Schreibtisch zu arbeiten, um etwa Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren? Wird sie höher bewertet als teure Weiterbildungen oder die Chance auf ein Sabbatical? Nein, denn "das alles erwartet ein Mitarbeiter heute ohnehin vom potenziellen Arbeitgeber", sagt HR-Experte Gunnesch. Allerdings ist das eine ohne das andere eben nicht vorstellbar.

"Eine Illusion, mehr nicht"

Wie aber sieht es in der Realität aus? Gibt es schon Bewerber, die im Vorstellungsgespräch "Wünsch dir was" spielen können? Die neben einem guten Gehalt auch sonst alles bekommen, wovon sie im Berufsalltag so träumen?

Mathilde Ramadier blickt auf ihre eigenen Erfahrungen zurück. Die gebürtige Französin, die als Autorin in Berlin lebt, hat in früheren Jahren immer mal wieder den Job gewechselt, arbeitete in zwölf verschiedenen Start-ups in der deutschen Hauptstadt. Sie erinnert sich: Kein einziges Mal hat sie sich im Vorstellungsgespräch getraut, das Thema Geld anzusprechen. Nicht einmal ganz leise. Und: Kein einziges Mal wurde ihr ein angemessenes Gehalt angeboten. In ihrem neuen Buch "Bienvenue dans le nouveau monde" (Willkommen in der neuen Welt) schreibt sie, dass sie als Fachkraft für eine Vier-Tage-Woche häufig nur 900 Euro netto pro Monat verdient habe. Statt gutes Geld gab es im Gegenzug: ein gutes Arbeitsklima, kostenloses Essen, eine Playstation im Gemeinschaftsraum. "Eine Illusion, mehr nicht", sagt sie rückblickend. Und es sei ein Riesenfehler gewesen, Arbeit anzunehmen, die nicht gebührend mit Geld gewürdigt worden sei, die sich einfach nicht gelohnt habe, urteilt Ramadier.