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Geld motiviert nur die Unmotivierten
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Vergütung

Boni fürs Team, nicht für den Chef

Kerstin Dämon, wiwo.de
Neun von zehn Top-Managern beziehen Boni. Doch viele halten die variable Vergütung für veraltet – selbst Führungskräfte wollen dem System an den Kragen. In Zukunft könnte das Team das Geld bekommen und nicht der Chef.
Diese Aufnahme einer Überwachungskamera erhitzt die Gemüter in den USA: Zu sehen ist Jeffrey Metzer, Chef des amerikanischen Immobilienunternehmens KB Home, der seine Nachbarin wüst beschimpft. Das Video wurde in der vergangenen Woche publik gemacht. Binnen 48 Stunden reagierte das Unternehmen auf das unangemessene Verhalten des Managers: Metzers Bonus wurde um 25 Prozent gekürzt, wie KB Home am 21. September der US-Börsenaufsicht SEC mitteilte. Boni sollen schließlich gute Leistungen honorieren – und Metzers Verhalten könne im schlimmsten Falle geschäftsschädigend sein.

Auch in Deutschland wird Fehlverhalten von Managern gerne durch eine Kürzung der variablen Bezüge geahndet. Zuletzt im großen Stil bei der Deutschen Bank und Volkswagen. Dort mussten die Führungsspitzen wegen des Dieselskandals auf 30 Prozent ihrer Boni verzichten.

Ist der individuelle Bonus nicht mehr zeitgemäß?

Bis heute sind Extrazahlungen in Deutschland weit verbreitet. 90 Prozent der Top-Manager und 84 Prozent der Führungskräfte im mittleren Management erhalten individuelle Boni, wie eine Studie der Personal- und Managementberatung Kienbaum belegt.

Obwohl die Befragten Nutznießer des Bonisystems sind, hält gut ein Drittel diese Vergütung offenbar für nicht mehr zeitgemäß. Zumindest gaben 27 Prozent an, den individuellen Bonus kürzen oder ganz abschaffen zu wollen.

Dass diese monetäre Karotte, hinter der die Führungskräfte herlaufen sollen, ihre Wirkung auf Dauer verfehlt, berichtete auch Dirk Sliwka auf der Personalmesse Zukunft Personal. Der Leiter des Seminars für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Personalwirtschaftslehre an der Universität zu Köln hat gemeinsam mit seinen Kollegen Sebastian Butschek und Lea Petters den Zusammenhang zwischen Arbeitsqualität, wirtschaftlichem Erfolg eines Unternehmens und der variablen Vergütung untersucht.

"Vergütung hat etwas mit Unternehmenskultur zu tun"

"Wenn Zielvereinbarungen an eine variable Vergütung geknüpft sind, sinken die Arbeitszufriedenheit und die emotionale Bindung an ein Unternehmen", sagte er bei der Vorstellung der ersten Ergebnisse der neuen Untersuchung. Die komplette Studie, die gemeinsam mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales entstanden ist, soll Anfang kommenden Jahres veröffentlicht werden. Im Einzelfall könne es – abhängig von der Branchen – zwar durchaus Sinn ergeben, nach Leistung zu bezahlen, nachweisen könne man es jedoch noch nicht, so der Betriebswirt.

"Vergütung hat etwas mit Unternehmenskultur zu tun", ergänzt André Große-Jäger, Referatsleiter im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. "Wer nicht intrinsisch motiviert ist, arbeitet weniger, wenn er weniger Geld bekommt." Umgekehrt könne die Aussicht auf mehr Geld all jene, die für ihren Beruf brennen, nicht zusätzlich motivieren. Entsprechen gehe er davon aus, dass sich Vergütungssysteme in naher Zeit verändern werden.

Der Chef als Coach und Mentor

Und tatsächlich überlegen einige der von Kienbaum befragten Führungskräfte, zumindest die Art der Ausschüttung zu verändern. "Einige Unternehmen denken durchaus darüber nach, die Boni durch das Team verteilen zu lassen, anstatt durch den Vorgesetzten allein. Das ist zwar für die meisten Teilnehmer noch Zukunftsmusik, aber immerhin wird solch eine Teamverteilung derzeit von zehn Prozent der Unternehmen in ihre Überlegungen aufgenommen", sagt Hans-Carl von Hülsen, Studienautor und Vergütungsexperte bei Kienbaum. Damit wäre eine Bedingung für den kulturellen und damit auch digitalen Wandel in Unternehmen geschaffen: nämlich Transparenz.

Entsprechend wollen die Führungskräfte zusätzlich zu den traditionellen Instrumenten wie Zielvereinbarung und Leistungsbewertung 360-Grad-Feedbacks und Mehrfachbeurteilungen einführen, die den Mitarbeitern mehr Mitspracherecht einräumen. Der Chef als Zirkusdirektor, der für die Leistung seines Teams ein Extra bekommt, kommt dem Aussterben damit noch ein wenig näher.

Das sehen auch die Befragten so: Rund 80 Prozent sehen sich in der Zukunft weniger als Entscheider, denn als Coach und Mentor. Und der bekommt schließlich auch keinen Bonus.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 02.10.2017