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Wie wichtig ist Gehaltstransparenz für ein gerechtes Gehalt?
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Gehaltstransparenz

Auf der Suche nach Gerechtigkeit

Katja Joho, wiwo.de
Dass die Kollegen untereinander wissen, was der andere verdient, ist eher die Ausnahme als die Regel. Über ihre Gehälter wollen viele Deutsche grundsätzlich nicht mit Kollegen reden. Aus Angst, dadurch die Atmosphäre zu vergiften.
Die Deutschen rücken auf der Arbeit immer weiter zusammen. In viele Unternehmen sind die Kollegen längst ganz selbstverständlich per Du. In der Mittagspause gehen sie gemeinsam in die Kantine oder zum Italiener um die Ecke und plauschen über die nervigen Arbeitsbedingungen, den letzten Urlaub oder Hobbys und Familie. Nur ein Thema meiden sie: das Gehalt. Offen über ihre Gehälter zu reden, das widerstrebt den meisten noch immer.

Der Wirtschaftspsychologe Florian Becker begründet das mit der Philosophie hierzulande: "In Deutschland ist Gleichheit ein besonders wichtiger Begriff", sagt Becker, der Gründungsmitglied der Wirtschaftspsychologischen Gesellschaft in München ist. "Wenn jemand hierzulande das Gefühl hat, er habe weniger als der andere – nimmt er das besonders sensibel auf. Denn wir frönen eigentlich dem Gedanken, dass alle gleich sein sollten."

Die große Diskussion in den vergangenen Jahren über Managergehälter und Boni sei symptomatisch dafür, findet Becker: "Managergehälter interessieren in den USA beispielsweise niemanden – in Deutschland sind sie ein riesiges Thema, weil es hierzulande einen starken egalitären Gedanken gibt." Das sei auch der Grund, warum es beim Thema Geld schneller zu Zerwürfnissen komme, als in anderen Ländern.

Genau aus diesem Grund hält der Wirtschaftspsychologe zu viel Offenheit für falsch. "Es ist hierzulande nicht besonders schlau, offen über sein Gehalt zu reden – es sei denn, Sie sind benachteiligt", rät Becker. Vor allem zu betonen, dass das eigene Gehalt vielleicht sogar höher ist, als das des Fragenden – keine gute Idee.

Unwirksame Schweigeklausel

Also Schweigen oder doch drüber reden? Manche fühlen sich zum Schweigen sogar verpflichtet – steht doch in ihren Arbeitsverträgen eine sogenannte Schweigeklausel, die besagt, dass sie mit ihren Kollegen überhaupt nicht über ihren Verdienst reden dürfen. Der Gesetzgeber ist hier aber ziemlich eindeutig: Das Landesarbeitsgericht Mecklenburg-Vorpommern in Rostock (Az.: 2 Sa 237/09) urteilte bereits 2011, dass eine solche Klausel im Arbeitsvertrag unwirksam ist.

Als Ausnahmen gelten lediglich große Gehälter, deren Bekanntwerden die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens gefährden könnten. Diese fallen unter das Betriebsgeheimnis, entschied einst das Bundesarbeitsgericht (Az.: 6 ABR 46/84). Das heißt, grundsätzlich haben die meisten Angestellten also das Recht, mit ihren Kollegen ganz offen über ihre Löhne zu sprechen.

Trotzdem tut es kaum jemand. In vielen Branchen, herrsche durch Tarifverträge ohnehin eine klare Gehaltsstruktur und damit automatisch eine gewisse Transparenz, sagt Becker. "Dann ist der Austausch übers Gehalt überhaupt kein Problem. Im Gegenteil: Die Kollegen können sich Tipps über verschiedene Optionen geben."

Schwierig werde es erst, wenn Transparenz dort entstehe, wo die Gehälter sich augenscheinlich nicht an klaren Regeln orientieren. Erschließt sich für die Mitarbeiter nicht, warum der eine so viel mehr verdient als der andere, so kann das ordentlich Unruhe stiften und nachhaltig unglücklich machen. "Sie können überrascht werden", sagt Karriereberaterin und Diplompsychologin Madeleine Leitner. "Entweder positiv – dass man eigentlich gut dasteht oder sogar besser, aber auch negativ – dass andere besser bezahlt werden für die gleiche Arbeit."

Störung des Selbstwertgefühls


Plötzlich ist da eine Unzufriedenheit, die vorher überhaupt nicht da war. "Das habe ich bei einigen meiner Klienten so erlebt: Eigentlich ging es ihnen gut – bis sie erfahren haben, dass manche Kollegen einfach besser bezahlt wurden. Dann fängt es an zu nagen. Das Selbstwert- und Gerechtigkeitsgefühl sind empfindlich gestört, Kündigungsphantasien, Rachegelüste können entstehen."

Für die Karriereentwicklung könne das aber aus Sicht der Beraterin manchmal auch ein Motor dafür sein, sich in Bewegung zu setzen. "So könnte man sich dann das Ziel einer Gehaltserhöhung setzen oder die Suche nach einem besser bezahlten Job starten", sagt Leitner. Zu viele Gedanken ums Gehalt seien aus psychologischer Sicht aber vor allem Unruhestifter, sagt Wirtschaftspsychologe Becker: "In Forschungen hat sich gezeigt, dass Menschen weniger hilfsbereit sind, wenn sie unbewusst an Geld denken. Gleichzeitig sind sie weniger schmerzempfindlich und viel impulsiver. Das ist keine gute Mischung – vor allem nicht für eine kollegiale Zusammenarbeit." Sein Fazit: Gedanken an Geld vergiften die Atmosphäre.

Kollegen sind keine guten Ratgeber

Wer sich in Gehaltsfragen ungerecht behandelt fühlt, ist aus Sicht der Wirtschaftspsychologen bei seinen Kollegen sowieso an der falschen Adresse: "Die Kollegen werden das in jedem Fall anders sehen. Denn jeder findet, er arbeite selbst am meisten", so Becker.

Der Tipp der Karriereberaterin: "Statt mit den Kollegen zu sprechen, könnte man versuchen, die eigene Situation zu objektivieren", so Leitner. "Etwa mittels Gehaltsstudien oder indem man andere Personen befragt, die außerhalb des eigenen Unternehmens eine ähnliche Position haben."

Um beim Gehalt zuzulegen, zählt letztendlich nur ein Gespräch mit dem Chef. Und dabei helfen die Gerechtigkeitsdiskussion und der Kollegenvergleich sowieso nicht, sagen Experten. "Ich finde, ich habe das gleiche verdient wie…" gilt also nicht als adäquate Verhandlungsgrundlage. Um beim Chef mehr Gehalt rauszuschlagen, zählt am Ende vor allem die eigene Leistung.

Die Experten raten deshalb dazu, sich selbst zu fragen: Ist das Gehalt des Kollegen für mich selbst überhaupt relevant? Wenn ja, fragen! Wenn nein, es lieber weiter so halten wie bislang: Stillschweigen.

Zuerst veröffentlicht auf wiwo.de


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Dieser Artikel ist erschienen am 17.01.2018