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Rhetorik

Gegen das große Gähnen

Teil 2

 Foto: U. Steinbrich/Pixelio

Rhetorikschulen und Coachings

Jeder kann das Handwerk der fesselnden Rede erlernen, sind sich Trainer einig. „Die besondere Herausforderung für Führungskräfte liegt darin, die gesamte Klaviatur der Kommunikation zu beherrschen. Also im richtigen Moment den richtigen Ton zu treffen“, sagt Gabriele Zienterra vom Zienterra-Institut für Rhetorik und Kommunikation. Dazu ist ein Bewusstsein für die psychologische Wirkung von Sprache wichtig. „Viele Manager formulieren stark abwertend oder arbeiten mit negativen Bildern wie ,draußen herrscht Krieg‘. Das löst jedoch Ängste und Abwehrreaktionen aus statt Motivation“, sagt Zienterra.
 
Gemeinsam mit ihrem Mann leitet sie die erste, vor 50 Jahren in Deutschland gegründete Rhetorikschule. Die beiden trainieren Manager, aber auch Führungsnachwuchs in Bornheim bei Bonn und in Berlin sowie bei Unternehmen vor Ort. „Zunehmend gefragt ist persönliches Coaching für den überzeugenden und sicheren Auftritt“, sagt Zienterra. Denn „unter Redeblockaden leiden mehr Manager als man denkt“.

Herzrasen, Knoten im Hirn. Gegen solche Symptome vor dem Auftritt hilft nur gnadenlose Konfrontation, meint Mathias Pöhm. Um von ihm ins kalte Wasser geworfen zu werden, bezahlen Leute mit Redehemmung inzwischen je 6000 Euro: Dafür absolvieren die je zwölf Teilnehmer einen Rhetorik-Marathon. Zwei Tage lang legen sie mindestens 17 Auftritte hin: Sie sprechen über Themen wie „Deutsche Soldaten in Afghanistan“ oder müssen Zuhörer vom Tempolimit auf Autobahnen überzeugen. Und noch mehr: Im nächsten Saal müssen sie begründen, warum Unternehmen möglichst hohe Profite erzielen sollten. Geübt wird so lange, bis die die Rhetoriktricks sitzen. Der Clou sind mehr als 100 zahlende Besucher, die zum einen eine reale Bedrohung auslösen und Redner an Lampenfieber und Bühnenbedingungen gewöhnen. Und die zum anderen Pöhms Coaching verfolgen.

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Club der netten Richter

Systematisches Redetraining auf die sanfte und unterhaltsame Art – das haben sich dagegen die Toastmasters-Clubs auf ihre Vereinsfahne geschrieben. „Bei uns kann jeder mitmachen, um die Scheu vor Auftritten zu überwinden und Fertigkeiten der freien Rede zu üben“, lädt Manfred Grams, Präsident des Kölner Clubs, Studenten, Berufstätige oder Selbstständige zum kostenlosen Schnuppern bei den „Meisterrednern“ ein. Damit unterscheidet sich die globale Rednervereinigung mit in Deutschland derzeit rund 50 Vereinen von uni-nahen Debattierclubs oder kostspieligen Power-Seminaren.

Egal, ob ein deutscher oder englischer Abend ansteht, das zweistündige Clubtreffen nach amerikanischem Vorbild folgt stets dem gleichen Ritual: Auf die Aufwärmphase mit Begrüßung und Stegreif-Improvisation folgen vorbereitete Vorträge. Worüber ein Toastmaster spricht, entscheidet er selbst. Die Vereinsmitglieder präparieren sich dazu zu Hause per Handbuch. Dort sind zehn Redeprojekte mit unterschiedlichen Aufgaben, Schwierigkeitsgraden und Tipps beschrieben. Sie decken alle Facetten eines guten Auftritts ab. „Wir haben Teilnehmer, die sich ein paar Wochen auf eine berufliche Redesituation vorbereiten, und andere, die seit Jahren jeden Dienstag kommen, um zu üben“, sagt Grams.

Für die fünf Redner des Abends heißt es, jeweils fünf bis sieben Minuten auf der Bühne durchzuhalten. Ohne Pult zum Verstecken, ohne Mikro zum Festhalten. Für ihren Mut werden die Redner von ihren Clubkameraden mit Lob überschüttet. Wissen doch alle, wie wackelig man sich allein im Rampenlicht fühlt. „Toastmasters sind Feedback-Junkies“, sagt Marcus Keutel, Doktorand und angehender Unternehmensberater. Er ist seit einem Jahr dabei, hat auch an regionalen und überregionalen Redner-Wettkämpfen teilgenommen.

Keutel schätzt das faire Urteil seiner Mitstreiter und findet speziell die Kombination deutscher und englischer Auftritte hilfreich. „Hier ist Platz zur rhetorischen Entwicklung. Powerpoint regiert hier nicht.“


Artikel zuerst erschienen auf Handelsblatt.com


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Dieser Artikel ist erschienen am 03.06.2011

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