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Rhetorik

Gegen das große Gähnen

Claudia Obmann
Manager müssen nicht mehr nur fachlich punkten, sondern auch rhetorisch glänzen. Der Trainingsbedarf in Deutschland ist enorm hoch.
 Foto: intuitives/SXC

Powerpoint als "Spannungskiller"

Nicht jeder ist ein Barack Obama, der seine Zuhörer mit freier, pointierter Rede fesselt und dessen „Yes we can“ aus seinen Wahlkampfreden legendär ist. Aber als Amateur, der seine selbsterklärenden Powerpoint-Folien vorliest und so das Publikum in Meetings und bei Präsentationen langweilt, sollten Manager mit Karriereambitionen auch nicht auftreten. Denn „rhetorisches Können, um Visionen und Strategien mitreißend zu vermitteln, wird im globalen Wettbewerb um Top-Positionen immer wichtiger“, sagt Sörge Drosten. Er ist Geschäftsführer bei der internationalen Personalberatung Kienbaum Executive Consultants

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„Betreutes Lesen“, lästert der Schweizer Rhetoriktrainer Matthias Pöhm über Spannungskiller Powerpoint. Er veranstaltet jedes Jahr das härteste und teuerste Rhetoriktraining Europas für Manager in München. Statt Folienschlacht rät er: „Bieten Sie Spannung von der ersten bis zur letzten Minute – dann wird das Publikum auch Ihr Anliegen spannend finden“

Gerade gründet der Schweizer in seiner Heimat die „Anti-Powerpoint-Partei“. Für seinen PR-Gag braucht er mindestens 32000 Mitstreiter. Sie dürfen aus aller Welt stammen, die Registrierung erfolgt online und die Mitgliedschaft ist gratis. Einen dürfte der wachsende Powerpoint-Verdruss kaum erfreuen: Microsoft-Gründer Bill Gates, der – als Erfinder von Powerpoint – „die Rhetorik-Katastrophe ausgelöst hat“

Nachhilfe im Fach Reden

Der Bedarf an Redetrainings in der deutschen Wirtschaft ist groß; wortgewandte Vorstände und Geschäftsführer sind selten. Deutsche Manager rangieren hinter Amerikanern und Briten, die sich während der Schulzeit an die freie Rede gewöhnen und sich an der Uni in Debattierclubs messen. Sogar die Franzosen sind – zumindest in ihrer Muttersprache – rhetorisch überlegen, „weil in Frankreich angehende Politiker und Wirtschaftsführer gemeinsam ausgebildet werden“, sagt Headhunter Drosten. „Deutschen Akademikern in den ersten Berufsjahren fehlt es an Rede-Erfahrung“, bestätigt auch Peter Ditko. Der Gründer und Leiter der Deutschen Rednerschule in Berlin fährt fort: „Die Industrie hat lange vernachlässigt, dass der passende Auftritt ein Erfolgsfaktor ist. Heute werden Ideen und Innovationen im großen Rahmen vorgestellt und nicht mehr nur von Fachleuten diskutiert. Wer sich da nicht gut präsentiert, hat im Top-Management kaum eine Chance“

Von der Ära Helmut Schmidt bis zu Kanzlerin Angela Merkel – seit über drei Jahrzehnten ist Ditko die erste Adresse für die Mitglieder der Bundesregierung und der Oppositionsparteien, die geschliffen parlieren müssen. Neben Polit-Promis, die bei ihm in Bonn, inzwischen auch in Berlin, Nachhilfe bekommen, trainiert er auch Vorstände und Manager von Dax-Konzernen wie Telekom, Metro oder RWE. Seine Firmen-Schüler bittet der Altmeister ebenso wie Politiker zum Einzelcoaching auf sein Seminarschiff, das am Reichstag vor Anker liegt

Denn auch erstklassige Redner wie der amerikanische Präsident, der ehemalige deutsche Ministerpräsident Roman Herzog – bekannt für seine „Ruck“-Rede – oder der deutsche Grünen-Politiker und Ex-Außenminister Joschka Fischer mit seinen teilweise provokanten Auftritten, feilen ständig an ihrer Darbietung.


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