Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche
Großkanzleien

Gefragte Wirtschaftsjuristen

Kirstin von Elm
Arbeitgeber benötigen mehr Juristen mit kaufmännischem Know-how. Beim klassischen Jura-Studium kommt das jedoch oft zu kurz. Immer mehr Unternehmen, allen voran Großkanzleien und Wirtschaftsprüfer, entdecken deshalb die Spezies des Diplom-Wirtschaftsjuristen für sich.
Großkanzleien entdecken die Spezies der Wirtschaftsjuristen für sichFoto: © Dot Com - Fotolia.com
Marcus Busch hat, wovon viele Jura-Studenten träumen: einen hervorragend bezahlten Job in einer renommierten internationalen Wirtschaftskanzlei. Bei Lovells in München begleitet der 27-Jährige millionenschwere Immobilientransaktionen. Was Busch dagegen nicht hat, ist ein juristisches Staatsexamen. Stattdessen genügte im vergangenen Jahr sein Diplom in Wirtschaftsjura als Eintrittskarte bei einer der Top-Adressen des Rechtswesens. Mit 1600 Anwälten, davon über 300 in Deutschland, zählt Lovells zu den größten Wirtschaftskanzleien der Welt. Konzerne wie Hochtief, die Dresdner Bank oder der Flughafenbetreiber Fraport erteilten der Kanzlei bei großen Immobiliengeschäften bereits Mandate.Diese hochkarätige Kundschaft darf Busch allerdings nicht persönlich beraten, geschweige denn vor Gericht vertreten. Beides ist in Deutschland exklusiv der Anwaltszunft und damit den Volljuristen vorbehalten. Denn ohne zweites Staatsexamen erhält niemand die Zulassung zum Rechtsanwalt. Auf der Liste der Lovells-Immobilienexperten taucht Busch deshalb auch nicht namentlich auf. Sein Part des so genannten Project Associate spielt im Hintergrund: Als interner Datenbeschaffer arbeitet der Diplom-Wirtschaftsjurist seinen Anwaltskollegen zu. "Wenn beispielsweise eine Fondsgesellschaft Immobilien mit einem Wert von mehr als zwei Milliarden Euro veräußert, zieht niemand die erforderlichen Verträge einfach so aus der Schublade", erklärt er.

Die besten Jobs von allen

Damit Lovells solche Mega-Deals mit der gebotenen Sorgfalt auf juristische Fallstricke und Risiken überprüfen und für die Mandanten wasserdichte Verträge aushandeln kann, arbeitet sich Busch durch Berge von Akten, fordert Informationen an und kontrolliert, ob Absprachen von der Gegenseite termingerecht eingehalten werden. Alle vertragsrelevanten Daten stellt er seinen Kollegen in so genannten Datenräumen systematisch aufbereitet zur Verfügung: "Im Moment sitze ich zwischen 250 Aktenordnern - und das ist in diesem Fall nur die Hälfte", beschreibt er seinen Beitrag zum Teamerfolg. Dass an der Uni auf seinem Stundenplan nicht nur Vertragsrecht, sondern zum Beispiel auch Rechnungswesen oder Bilanzanalyse standen, kommt ihm im Job sehr zugute.Kunden erwarten SpitzenberatungUmgekehrt erkennt er die überlegenen Rechtskenntnisse seiner Kollegen neidlos an: "Von einer Kanzlei wie Lovells erwarten die Kunden Spitzenberatung. Ein Anwalt muss hier sehr tief in Spezialgebieten drinstecken", sagt er. Statt jahrelang Detailwissen für die Anwaltskarriere zu pauken, hat der Absolvent der Uni Lüneburg sich ganz bewusst für ein zügiges, praxisnahes und wirtschaftsorientiertes Studium entschieden. Den Mix aus Betriebswirschaftslehre, Arbeits- und internationalem Wirtschaftsrecht bewältigte er mit Top-Noten in neun Semestern. Zum Vergleich: Bis zum zweiten Staatsexamen benötigen Volljuristen in der Regel rund sieben Jahre.
Foto: © Junge Karriere
Nur rund jeder fünfte schafft ein Vollbefriedigend oder eine bessere Note. Auch wenn die Jobofferten für juristisches Fachpersonal laut Personaldienstleister Adecco seit einigen Jahren wieder zulegen -2007 sogar um gut 25 Prozent -, ergattert längst nicht jeder der rund 10.000 JuraAbsolventen pro Jahr einen Topjob in einer angesehenen Wirtschaftskanzlei oder in der Rechtsabteilung eines großen Unternehmens.Für eine juristische Sachbearbeiterstelle allerdings, im Vertragswesen einer Versicherung oder bei einem Inkassodienst, sind fünf Jahre Studium plus zwei Jahre Referendariat plus mehrere Tausend Euro für Studiengebühren und Repetitorien eine überdimensionierte Investition. Für eine alternative Karriere außerhalb des klassischen Rechtsbereichs wiederum, zum Beispiel als Steuerberater oder Wirtschaftsprüfer, fehlt Volljuristen meist schlicht das Wirtschaftswissen. Schneller, internationaler und eben auch wirtschaftskompatibler soll die deutsche Juristen-Ausbildung insgesamt werden, fordert deshalb die Politik: Die deutschen Landesjustizminister befürworten mehrheitlich eine Umstellung des Jura-Studiums auf das zweistufige Master- und Bachelor-System, wie es Europas Bildungsminister für Diplom- und Magister-Studiengänge bis spätestens 2010 nach dem so genannten Bologna-Prozess vorsehen.Berufsverbände und Hochschulvertreter wie der Deutsche Juristen-Fakultätentag möchten dagegen am Staatsexamen als Zugangsvoraussetzung für Rechtsberufe festhalten und zweifeln offen an der Jobqualifikation eines Bachelors, der nur sechs oder sieben Semester studiert hat. Während die offizielle Reform der Juristen-Ausbildung wegen dieser Uneinigkeit kaum vorankommt, stimmen die Studenten längst mit den Füßen ab. 75000 angehende Juristen streben derzeit das Staatsexamen an, das sind 15 Prozent weniger als noch vor fünf Jahren. Der Studiengang Wirtschaftsjura boomt dagegen, die Zahl der FH-Studenten hat sich im gleichen Zeitraum auf 7 300 mehr als verdoppelt. Rund 30 Fachhochschulen (Übersicht unter www.wirtschaftsrecht-fh.de) und inzwischen auch immer mehr Universitäten bieten Wirtschaftsrecht als Diplom- oder Bachelorstudiengang an; neben dem Vorreiter Lüneburg auch Augsburg, Dresden, Greifswald oder Saarbrücken.
Dazu kommen noch wirtschaftsnahe juristische Studiengänge mit branchenspezifischer oder regionaler Ausrichtung. So lässt sich beispielsweise IT-Recht in Düsseldorf, Hannover oder Mainz belegen oder German and Polish Law in Frankfurt an der Oder studieren. Zusammen mit den FH-Studenten peilen derzeit insgesamt rund 15.000 Studenten einen Bachelor oder Master of Law an einer deutschen Hochschule an.
Stimmt die Chemie, winkt der ArbeitsvertragDie Wirtschaft ist gerade dabei, diese neue Absolventen-Spezies für sich zu entdecken. Lovells hat in den letzten 30 Monaten 20 Diplom-Wirtschaftsjuristen, darunter Marcus Busch, eingestellt. Weitere 19 arbeiten schon bei GleissLutz, andere Großkanzleien wie Clifford Chance oder Linklaters wollen ebenfalls die ersten Kandidaten einstellen.
Foto: © Junge Karriere
"Wir machen sehr gute Erfahrungen mit der Beschäftigung von Wirtschaftsjuristen und freuen uns über jede qualifizierte Bewerbung" sagt Doris-Maria Schuster. Sie ist bei GleissLutz in Frankfurt für die Einstellung von Personal verantwortlich. Egal, ob Voll- oder Diplomjurist: Alle Bewerber mit einer sehr guten Abschlussnote und sehr guten, im Ausland vertieften Englischkenntnissen werden von ihr zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Wenn dann noch die Chemie stimmt, winkt ein Vertragsangebot.

KOSTENLOSER DOWNLOAD

Themen im Überblick

Fair Company | Initiative