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Trendforscher Sven Gabor Janszky
Sven-Gabor Janszky ist Trendforscher und Leiter des 2b AHEAD ThinkTankFoto: Roman Walczyna
DIGITALISIERUNG | Unter Druck

"Für die Branchen geht es gerade erst los"

Interview: Anne Koschik
Wie bei der Vernetzung von traditioneller Arbeitswelt mit der Digitalisierung der Strukturwandel in den Branchen sichtbar wird: Disruption bringt alte Geschäftsmodelle unter Druck, wirbelt Branchen durcheinander und setzt neue Regeln.
Zerstört die Digitalisierung die traditionelle Brancheneinteilung? Mit welchen Disruptionen ist zu rechnen?

Es wird Disruptionen geben, selbstverständlich, aber das macht sich sehr unterschiedlich bemerkbar. Es hat viel damit zu tun, ob die alten Treiber, die alten Geschäftsmodelle, unter genügend Leidensdruck geraten. Etablierte Unternehmen werden durch die disruptiven Start-ups gezwungen, in neuen Feldern mitzumachen. Wesentlich werden die Tipping Points für Veränderung.

Was ist damit gemeint?

Ich gebe mal ein Beispiel aus der Automobilbranche: Die Etablierten werden gezwungen, große Geldmengen in selbstfahrende Autos zu investieren. In fünf Jahren wird man das auf dem Markt schon sehen, in zehn Jahren ist es da. Als disruptives Unternehmen wirkt hier Tesla Motors mit seinen Elektroautos. Die Sportwagen galten zunächst als Spielzeug für Reiche. Doch die Idee dahinter – der Wandel von der Verbrennungsmotortechnik zu einer Solar-Elektrowirtschaft – zielte ja auf Massentauglichkeit. Das weckte Begehrlichkeiten.

Im Medizin bzw. Nahrungsmittelbereich kommt gerade Medical Food in Mode. Alle Nestles dieser Welt stecken da jetzt beträchtliche Summen herein, weil sie es als Wachstumsbereich erkannt haben. Die Treiber kommen hier aus der Genetik/Medizinforschung.

Funktioniert Disruption immer gleich?

Disruption funktioniert immer so: Kleine erkennen in klassischen Branchen zunächst eine Nische (mit etwas Neuem oder Vernachlässigtem), wenn dann diese Nische funktioniert und massentauglich erscheint, wird es ernst für die bereits Etablierten. So diktiert Tesla als Nischenanbieter seine neuen Regeln. Alle großen Automobil-Hersteller haben jetzt Programme für selbstfahrende Autos laufen, General Motors, BMW, Daimler, Audi und auch Opel, bei den Asiaten ist es zum Beispiel Tata. Sie haben bei Tesla nämlich gesehen, dass es funktioniert, und machen aus Angst vor der Konkurrenz mit. Disruption beginnt in der Nische, und wenn sie richtig ist, dehnt sie sich aus.

Woher kommt diese Disruption?

Disruptive Unternehmen starten häufig in Amerika, denn Disruption benötigt Geldgeber, also Leute, die an einen glauben. Im Silicon Valley sind viele dieser privaten Geldgeber und Fonds angesiedelt. Aber auch Israel investiert, Geldgeber ist in dem Falle das Militär, das sich für IT-Security interessiert. Ebenso hat China sehr gezielte, strategische Kerngebiete: Das sind Genetik, Hausbau, Energie, Automobiltechnik. Geldgeber ist dort die Regierung. Deutschland hat fast keine Geldgeber.

Dennoch ist gerade in Deutschland eine deutliche Zunahme der Fintech-Startups zu verzeichnen. Was hat es damit auf sich?

In dem Fall ging es wohl von London aus. Diese Start-ups sind ein wichtiger Tipping Point. Von selbst würden sich große Banken und Versicherungen nicht in diesem Bereich der Finanzdienstleistungen bewegen und auch kein Geld in diese Neuentwicklungen stecken. Da geht es um Kontoverwaltungen, moderne Zahlungssysteme und neue Anlagenstrategien.


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