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Unternehmensführung

Führen statt Fachsimpeln

D. Fröhlich, S. Hergert, T. Kewes
Roland Koch ist von der Politik in den Chefsessel eines MDax-Konzerns gewechselt. Aber kann er das überhaupt - fachlich? Das Unternehmen sagt: Egal. Von ihm werden vor allem andere Qualitäten verlangt. Ein Trend, der für jedermanns Karriere interessant ist.
Auf oberster Ebene ist Leadership gefragtFoto: © Corgarashu - Fotolia.com
Er war schon immer eine Persönlichkeit, an der sich andere rieben: Roland Koch. Mit seinem Wechsel von der Politik in die Wirtschaft hat er jetzt noch einmal richtig die Gemüter erhitzt. „Kann der das – fachlich?“ „Darf der das überhaupt?“ Der Berufspolitiker und Fachfremde folgt auf den gelernten und mit Stallgeruch behafteten Bauingenieur Herbert Bodner, der bis dato den Baukonzern Bilfinger Berger führt – und steht damit für einen Trend. Roland Koch ist nur die jüngste spektakuläre Personalie dieses Jahres.Statt Spezialisten sind auch in Deutschland zunehmend Führungsfiguren gefragt. Die Kaminkarriere bei einem Konzern, also vom Azubi zum Vorstandschef – wie der jetzt ausgeschiedene Bayer-Chef Werner Wenning – und das Peter-Prinzip, also das Aufsteigen um des Aufsteigens willen, ziehen nicht mehr. „Es ist zunächst einmal gleichgültig, wo ein künftiger CEO herkommt“, sagt Managementberater und Führungskräftetrainer Reinhard Sprenger. „Er muss ein Menschenfischer sein und es schaffen, eine Gruppe exzellenter Mitarbeiter seines Vertrauens um sich zu scharen.“

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Bei der Suche nach dem neuen Bilfinger-Berger-Chef spielte die fachliche Eignung überhaupt keine Rolle, wie Heiner Thorborg, der exklusiv mit der Suche beauftragte Headhunter, gegenüber dem Handelsblatt erklärt: „Im Anforderungsprofil, das der Aufsichtsrat verfasst und mir als Suchauftrag gegeben hat, war nicht einmal die Rede von Fachexpertise.“ Der neue Vorstandschef solle Führungserfahrung auf oberster Ebene haben, international geländegängig sein sowie durchsetzungsstark und teamorientiert. „Entsprechend war nicht nur Roland Koch nicht aus der Baubranche, sondern keiner der anderen von mir vorgeschlagenen Kandidaten.“Fachfremde FührungSo wie Roland Koch steht auch Brigitte Ederer für den Seitenwechsel von der Politik in die Wirtschaft. Ihr Verhandlungsgeschick als österreichische Sozialdemokratin soll ihr auch als Personalvorstand bei Siemens helfen. Und auch innerhalb der Wirtschaft sind die Wege nicht mehr so weit – und zwar nicht nur für Juristen, die schon seit Managergenerationen als Alleskönner gelten. In die deutschen Chefetagen ist Bewegung und Farbe geraten. Mit Margret Suckale rückt im Januar die fünfte Frau in einen Dax-Vorstand, die Frauenquote erreicht damit einen historischen Höchststand. Zudem ist sie fachfremd. Und mit Marjin Dekkers bei Bayer gehört seit Oktober ein weiterer Ausländer zur ersten Führungsliga.Und das sind nur die jüngsten Entwicklungen. Im neuen Lufthansa-Konzernvorstand etwa wird nach dem Ausscheiden von Wolfgang Mayrhuber und dem Auf- beziehungsweise Einstieg von Christoph Franz und Carsten Spohr ab nächstem Jahr kein Ingenieur mehr sitzen. Und beim Fernsehsender Pro Sieben/Sat1 reüssiert seit eineinhalb Jahren – allen Unkenrufen zum Trotz – der ehemalige Pharma-Manager Thomas Ebeling. Schon länger im Geschäft sind Post-Chef Frank Appel, gelernter Chemiker, sowie Goldman-Sachs-Lenker Alexander Dibelius, Arzt.Was in Deutschland noch die Ausnahme ist, ist in den USA die Regel. Die zweite Karriere ist dort nichts für gefallene Stars, sondern für erfolgreiche Lenker, die noch einmal neu starten wollen (siehe Artikel unten). Ohnehin wechseln amerikanische Manager viel häufiger zwischen Unternehmen und Branchen, zwischen Fachbereichen und Funktionen – das Generalistentum ist Teil der Wirtschaftskultur.

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