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Arbeitsleben

Freizeit versus Gehalt? Eine Wohlfühl-Bilanz

U. Heitze, K. Stricker
7000 Euro Monatsgehalt hören sich gut an. Wenn Sie dafür aber regelmäßig einen Zwölf-Stunden-Tag hinlegen müssen, sieht die persönliche Wohlfühl-Bilanz ganz anders aus. Junge Karriere hat zehn Berufe unter die Lupe genommen. Was Sie verdienen können und was Sie dafür leisten müssen.
Viel Arbeit, viel Geld und meistens auch viel StressFoto: © Thomas Pieruschek - aboutpixel.de
Der Software-Entwickler:Junge Karriere: Wann haben Sie das letzte Mal eine Nacht durchprogrammiert und dazu Pizza gegessen? Das ist doch das klassische Bild des Informatikers...
Pelle Vehreschild: Vor einigen Wochen habe ich einen langen Sonntagabend mit Chips und Cola vor dem Computer verbracht, allerdings nur bis zwei Uhr morgens. Das ist aber eher die Ausnahme und kommt nur dann vor, wenn ein Projekt sich dem Ende nähert. Dann bestellen wir aber auch gerne ein paar Familienpizzen ­so richtig klischeemäßig.

Die besten Jobs von allen

Und die normalen Arbeitszeiten?
Sind für die Branche ziemlich human. In der Regel arbeite ich so knapp 50 Stunden pro Woche, abends bin ich selten länger als bis acht Uhr im Büro. Auch an den Wochenenden muss ich nur selten ran und dann auch meist am heimischen PC. Ich kann mich also nicht beschweren.
Bei welchem Arbeitspensum würden Sie streiken?
Viel mehr als im Moment sollte es auf Dauer nicht sein, sonst bin ich abends einfach zu fertig, um noch etwas zu unternehmen. Meine Freizeit ist mir generell sehr wichtig ­ mich mit Freunden treffen, Kart fahren oder mal ins Kino gehen. Das heißt aber nicht, dass ich meinen Job nicht liebe. Im Gegenteil. Ich hatte das Glück, mein Hobby zum Beruf machen zu können. Ich bin überzeugt davon, dass sich berufliche Unzufriedenheit auf die Dauer nicht aus dem Privatleben heraushalten lässt. Jetzt habe ich bei Firstgate einen Job, in dem ich mich super wohl fühle.
Und finanziell stimmt's auch?
Ein klares Ja. Ich verdiene momentan etwa 40.000 Euro pro Jahr. Das ist zwar nicht übermäßig viel, aber dafür habe ich auch noch einen Dienstwagen.
Pelle Vehreschild, 27, hat Wirtschafts- und Medieninformatik studiert. Seit Sommer 2000 arbeitet er als Software-Entwickler bei der Kölner Internet-Firma Firstgate: 50 Stunden/Woche 40.000 Euro + DienstagUnd so sieht's generell aus:Einstiegsgehalt: Zwischen 30.000 und 40.000 Euro pro Jahr im Großunternehmen; kleinere Firmen zahlen meist 5.000 Euro pro Jahr weniger. Nach fünf Berufsjahren sind bis zu 50.000 Euro, nach zehn Jahren bis zu 70.000 Euro drin. Ein IT-Leiter bekommt durchschnittlich ein Jahresgehalt von 110.000 Euro.Quelle: Kienbaum Arbeitszeit: In Großkonzernen eher Acht-Stunden-Tage, bei New-Economy-Buden sind zwölf bis 14 Stunden täglich normal. Im Branchenschnitt liegt die Wochenarbeitszeit, so eine Studie des Deutschen Multimediaverbandes, bei knapp 47 Stunden. Der Unternehmensgründer:Junge Karriere: Sie haben 1996 Netsolut gegründet. Wie viel Arbeit steckt darin?
Alexander Wiegand: Viel. In der Gründungsphase haben wir neben dem ganzen administrativen Kram wie wild programmiert. Weil man da so richtig drin versinken kann, vergisst man schnell die Zeit und kommt auf Zwölf-Stunden-Schichten oder mehr.
Und wie sieht es heute aus?
Meine Arbeit hat sich stark verändert und deshalb auch meine Arbeitszeiten: Ich programmiere kaum noch. Dafür bin ich jetzt als Geschäftsführer Ansprechpartner für Kunden und Mitarbeiter, bin also auf "normale" Geschäftszeiten angewiesen. Ich fange morgens um halb neun an und versuche abends, um halb acht die Kurve zu kriegen. Das gelingt mir leider noch zu selten. Mein Arbeitstag ist heute nicht kürzer, aber geregelter.
Können Sie ruhigen Gewissens abschalten?
Nein, noch nicht wirklich. Ich versuche aber ganz bewusst, abends und am Wochenende das Büro mal hinter mir zu lassen und mit meiner Frau und meinem Sohn abzuschalten. Das geht mit spazieren gehen oder saunieren. Ein wenig freie Zeit ist schon wichtig. Als Ausgleich und um die Akkus wieder voll zu kriegen. Gerade jetzt, wo wir ein Baby haben, bin ich wesentlich konsequenter als früher.
Ist für einen Gründer Urlaub drin?
Ja, wir fahren zum Beispiel öfter nach Frankreich. Mit Notebook und Handy arbeite ich von da aus aber auch acht Stunden pro Tag. Es klingt verrückt, aber mir macht das nichts. Es muss ja sein.
Wie viel Gehalt zahlen Sie sich?
Am Anfang haben wir uns ganz wenig gezahlt. Nur was aus der Kasse genommen, wenn wir was brauchten. Irgendwann meinte unser Steuerberater, das müsste mal geregelt werden. Wir sind mit 4.000 Mark im Monat gestartet, und das stieg dann langsam an. Heute bekomme ich 14 Gehälter à 5.000 Euro plus einen Firmenwagen.
Wo würde der Spaß aufhören?
Weniger Gehalt bei gleicher Arbeit sollte nicht sein. Ich arbeite ganz klar auch für Geld. Wenn es nur um Spaß ginge, dann könnte ich auch irgendwo nebenher was Nettes programmieren. Für mich ist das Gehalt die Anerkennung meiner Leistung. Aber klar, Freude an der Arbeit muss natürlich auch da sein. Tja, und noch mehr arbeiten? Das ginge ja kaum noch. Da macht der Körper irgendwann schlapp. Eine 50-Stunden-Woche wäre schön. Wir arbeiten auch dran.
Alexander Wiegand, 32, einer der Gründer und Geschäftsführer von Netsolut. Das IT-Unternehmen entwickelt Landkartensoftware für Navigationssys-teme und Internetdatenbanken wie die eigene www.map24.com. Wiegand hat Informatik studiert, ist verheiratet und seit fünf Monaten Vater von Cuba Alexander. 60 Stunden/Woche 70.000 Euro + DienstwagenUnd so sieht's generell aus:Viel Arbeit für wenig Geld ­ wer ein Unternehmen gründet, neigt zur Selbstausbeutung. Durchschnittliche Arbeitszeit in den ersten zwei Jahren: zehn bis zwölf Stunden pro Tag bei einer Sechs- bis Sieben-Tage-Woche. Auch 18- bis 20-Stunden-Tage sind nicht selten. Urlaub? Was ist das? In den Folgejahren reduziert sich das Pensum leicht auf acht bis zwölf Stunden, zumindest Sonntage sind dann frei. Urlaub gibt's bei Gelegenheit. Das Gros der Gründer zahlt sich anfangs 20.000 bis 30.000 Euro. Gehälter steigen je nach Erfolg. Die Mehrheit leistet sich nach drei Jahren rund 50.000 Euro. Mehr als 70.000 sind selten. Quelle: Bund junger Unternehmer, Exklusiv-Umfrage für Junge Karriere

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