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Nicola Baumann will die erste deutsche Frau im Weltall werden
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Ambitionierte Karriere

Griff nach den Sternen

Teil 2: Frau in einer Männerdomäne

Nervt es Sie, dass Sie immer darauf angesprochen werden, eine der wenigen Frauen in einer Männerdomäne zu sein?

Ja und nein, ich habe dazu ein gespaltenes Verhältnis. Wenn man ernsthaft versucht, etwas Normalität werden zu lassen, dann hilft es nichts, es ständig als etwas Besonderes herauszustellen. Auf der anderen Seite haben wir mit dem Astronautenprojekt ja selbst damit angefangen. Unser Ziel ist es, eine deutsche Frau ins All zu bringen. Ich merke immer wieder, dass es eben doch noch einige Bereiche gibt, wo die Gleichberechtigung von Mann und Frau erst noch Normalität werden muss.

Sehen Sie sich als Vorbild für andere Frauen?

Ich habe nicht den Anspruch, als Vorbild zu fungieren. Aber ich habe schon einige Frauen getroffen, denen es geholfen hat, meine Geschichte zu hören. Wenn sie dann daraus Motivation ziehen, das zu tun, worauf sie Lust haben, dann freut mich das.

Haben Sie selbst auch ein Vorbild?

Ich finde die Pilotin Amelia Earhart cool, auch wenn ich nicht versuche, sie nachzumachen. (Amelia Earhart überquerte 1927 als erste Pilotin den Atlantik, Anm. d. Red.) Und Beate Uhse! Die war eine starke Frau. Nur wenige wissen, dass Uhse im Zweiten Weltkrieg Testpilotin der Luftwaffe war. Sie war eine der besten Pilotinnen Deutschlands und hat sehr gefährliche Manöver geflogen, um Flugzeuge weiterzuentwickeln. Nach dem Krieg war sie Witwe, hatte einen kleinen Sohn, um den sie sich kümmern musste. Um Geld zu verdienen, hat sie dann ihr berühmtes "Geschäft für Ehehygiene" gegründet. Sie hat sich gesagt: "Ok, ich war Pilotin, aber jetzt bin ich in einer Notsituation, also mache ich einen Sexshop auf."

Sehr pragmatisch.

Ja, und für die Vierzigerjahre wirklich beeindruckend.

Beate Uhse hat sich – um darauf noch einmal zurückzukommen – über Grenzen und Konventionen hinweggesetzt.

Genau. Allerdings sind wir auch heute in Deutschland noch nicht so fortschrittlich, wie wir immer glauben.

In welcher Hinsicht?

Seit dem 1. November dürfen bei uns gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Und das im Jahr 2017! Selbst die Amerikaner haben das vor uns geschafft und die sind viel prüder. In den USA ist es übrigens auch schon seit Jahrzehnten völlig normal, dass Frauen Flugzeuge fliegen und beim Militär sind. Und auch im Sport: Die Spielerinnen der amerikanischen Frauen-Fußball-Nationalmannschaft sind Ikonen, die kennt jeder im Land. Die kleinen Mädchen haben da ganz starke Vorbilder. Beim Thema Gleichberechtigung sind Länder wie England oder Frankreich Deutschland weit voraus.

Was glauben Sie: Warum hinkt Deutschland hinterher?

Das hat viele Gründe. In den Zwanzigerjahren lebten Frauen ja auch bei uns sehr fortschrittlich, sie kämpften um ihr Wahlrecht. In den Dreißigern und Vierzigern gab es da einen Rückschritt, was Frauenrechte anging. Frauen sollten an den Herd und möglichst viele Kinder kriegen. Auch in den Fünfzigerjahren war es das Ideal, dass ein so genannter richtiger Mann genug Geld verdient, damit seine Frau zuhause bleiben konnte. Diese Prägungen haben bis heute Spuren hinterlassen. In der DDR wiederum gab es andere Ideale, andere Lebensweisen, auch das merkt man bis heute.

Sind Sie in Ihrem Berufsleben Vorurteilen begegnet?

Ja, es gibt da zwei Arten von Vorurteilen. Die einen äußern sich sehr bewusst. Das sind vor allem ältere Männer oder Frauen, die mich kennenlernen und fragen: "Was, du bist Pilotin? So eine kleine Frau in so einem großen Flugzeug?!" Und dann gibt es auch einige wenige Männer, die Pilot werden wollen, weil sie sich dabei so männlich fühlen können. Wenn dann eine kleine, zierliche Frau daherkommt und den Job besser macht, ist das doof fürs Selbstbild. Dann kommen schon mal blöde Sprüche. Mit dieser Art von Vorurteilen kann ich aber ganz gut umgehen.

Ok, und was ist mit den unbewussten Vorurteilen?

Mit denen ist es viel schwieriger als Betroffene vernünftig umzugehen. Vor einiger Zeit bin ich an einen neuen Dienstort gekommen und hatte einen neuen Chef. Jemand, der mich sehr gut kannte, hat mich angerufen und mir von einer Führungsposition erzählt, für die ich gut geeignet wäre und bat mich, mich darauf zu bewerben. Der Vorgesetzte hörte davon und sagte: "Nee, die ist dafür doch viel zu jung und viel zu unerfahren, das geht gar nicht." Alle anderen, die zu dem Zeitpunkt auf vergleichbaren Positionen waren, waren zwar älter als ich, hatten aber tatsächlich weniger Erfahrung – in allen Aspekten: weniger Flugstunden, weniger Führungserfahrung.

Wie erklären Sie sich das Verhalten?

Mein Chef hatte einfach eine kleine, zierliche Frau gesehen, noch ziemlich jung, irgendwie neu – ich passte einfach nicht in das Bild, das er vor Augen hatte. Er hatte Zweifel, ob ich mich gegen die ganzen Männer durchsetzen kann.

Wie sind Sie damit umgegangen?

"Die fressen Sie doch beim lebendigen Leib", hat er zu mir gesagt. Aber er kannte mich eben noch nicht: Mich frisst überhaupt niemand.


Zuerst veröffentlicht auf: wiwo.de
Dieser Artikel ist erschienen am 06.12.2017